„Erstaunen“ steht auf der Shortlist zum Booker Prize, der morgen verliehen wird: Richard Powers über ein ganz besonderes Vater-Sohn-Verhältnis und den Schutz der Natur

Naturschutz kennt viele Erscheinungsformen. Foto: Bücheratlas

Im Londoner BBC Radio Theatre wird am 3. November 2021 der diesjährige Booker Prize vergeben, die wichtigste Auszeichnung für englischsprachige Autorinnen und Autoren. Einer der sechs Glücklichen, die es auf die Shortlist geschafft haben, ist Richard Powers mit seinem in diesem Jahr erschienenen Roman „Bewilderment“ (dt. „Erstaunen“).

Vor zwei Jahren erhielt der US-amerikanische Schriftsteller für sein Buch „Die Wurzeln des Lebens“ bereits den Pulitzer-Preis für Literatur. Powers schildert darin eine Gruppe zunehmend militanter Natur- und Baumschützern, die sich mit aller Macht gegen die Abholzung der Wälder stemmen (ein Beitrag dazu findet sich HIER). Fast verwundert es, dass der neunjährige Robbie nicht einer von ihnen war und mit ihnen einen Sommer lang hoch oben in den Gipfeln der Mammutbäume lebte.

Robbie, der Protagonist in „Erstaunen“, ist ein ganz besonders Kind. „Wie hätte man sagen können, wie er von einem Gedanken auf den nächsten kam?“ Sein alleinerziehender Vater Theo Byrne hat „den Versuch dahinterzukommen schon lange aufgegeben“. Auch die Ärzte tun sich schwer mit einer Diagnose und empfehlen, die Unruhe, die extreme Empfindsamkeit und latente Aggressivität des Jungen mit Medikamenten in Schach zu halten. Doch Theo Byrne setzt auf Liebe, Verständnis und eine Neurofeedback-Therapie, mit deren Hilfe Robbie lernen soll, seine Emotionen besser in den Griff zu bekommen.

Ein-Mann-Demo in Washington

„Erstaunen“ schildert auf anrührende Weise ein ganz besonderes Vater-Sohn-Verhältnis. Hier versuchen zwei Verlorene, den Verlust der Mutter und Partnerin zu verarbeiten, die bei einem Autounfall ums Leben kam und doch allgegenwärtig ist. Geduldig begleitet Theo den Sohn zu einer Ein-Mann-Demonstration nach Washington und unterstützt dessen Malaktion, mit der Robbie auf das Aussterben hunderter Tierarten aufmerksam machen will.

Ebenso geduldig erträgt er die Wutausbrüche des Kindes, das zunehmend an der Gleichgültigkeit der Menschen verzweifelt. Und jeden Abend erfindet der Astrobiologe für Robbie eine andere Sternenwelt, deren Bewohner ganz anders sind als die tumben Erdlinge. Gleichzeitig ist der Roman wie schon „Die Wurzeln des Lebens“ ein eindringliches Plädoyer für mehr Achtsamkeit im Umgang mit unserem Planeten und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern.

Preiswürdig? Auf jeden Fall!

Petra Pluwatsch

Auf diesem Block findet sich ein Beitrag über „Die Wurzeln des Lebens“ von Richard Powers, in dem er sich auch zum Hambacher Forst äußert, genau HIER.

Auf der Shortlist zum Booker Prize, der am 3. November 2021, also am Mittwoch, zwischen 20.15 Uhr und 21 Uhr verliehen wird, stehen:

  • „A Passage North“ von Anuk Arudpragasam
  • „The Promise“ von Damon Galgut
  • „No One Is Talking About This“ von Patricia Lockwood
  • „The Fortune Men“ von Nadifa Mohamed
  • „Bewilderment“ von Richard Powers
  • „Great Circle“ von Maggie Shipstead

Richard Powers: „Erstaunen“, dt. von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer, 318 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.  

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