Auf hoher See mit Ilse Aichinger: Ausstellung im Literarischen Colloquium in Berlin über die österreichische Schriftstellerin, die vor 100 Jahren geboren wurde

Das Literarische Colloquium am Berliner Wannsee präsentiert eine kleine Schau zur Erinnerung an Ilse Aichinger. Foto: Bücheratlas

Ein Matrosenanzug gehörte zur Schuluniform der Ilse Aichinger (1921-2016) im Wien der 1930er Jahre. Das prägte sie ein Leben lang. Nicht nur schien ihr „das Verschwinden in dem schweren schönen Mantel leichter möglich“ zu sein als anderswo. Auch verdanke sie ihm und seinen sechs glänzenden Knöpfen „die frühe Neigung zur Seefahrt, zum Atlantik und anderen nördlichen Meeren“.

Fundstücke aus dem Nachlass

Weil sich die Hochsee „wie ein roter Faden“ durch Ilse Aichingers Werk zieht, gibt es nun eine einschlägige kleine Ausstellung. Im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee werden „Fundstücke“ aus dem Nachlass ausgestellt, der im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt wird. Darunter ist auch das hier abgebildete Geduldsspiel aus dem Besitz der Schriftstellerin, bei dem es darauf ankommt, einen Ozeandampfer sicher in den Hafen zu manövrieren. Ergänzend zur Ausstellung erscheint im Verlag Das Wunderhorn der Band „Die Hochsee der Ilse Aichinger“, worin Autorinnen und Autoren auf die Fundstücke reagieren – darunter Marcel Beyer, Marica Bodrožić, Esther Kinsky, Ilma Rakusa, Yōko Tawada und Peter Waterhouse.

Vorbei an drei Bojen führt dieses Geduldsspiel den Ozeandampfer in den Hafen. Es gehörte Ilse Aichinger, befindet sich heute in Privatbesitz und wird in Berlin ausgestellt. Foto: Bücheratlas

Anlass zu dieser Erinnerung an die große österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger ist ihr 100. Geburtstag an diesem 1. November. Sie wurde geboren als Zwillingstochter einer jüdischen Mutter und eines sich bald von der Familie trennenden Vaters. Während die Schwester Helga mit einem Kindertransport aus Wien entkommen konnte, die Großmutter und weitere Verwandte im Holocaust ermordet wurden, suchten Inge und ihre Mutter das Überleben im Versteck. In „Die größere Hoffnung“ (1948), ihrem ersten und einzigen Roman, der eher zufällig aus Notaten entstanden ist, heißt es einmal: „Wer den Nachweis nicht bringen kann, ist verloren, wer den Nachweis nicht bringen kann, ist ausgeliefert. Wohin sollen wir gehen? Wer gibt uns den großen Nachweis? Wer hilft uns zu uns selbst?“

Weiße Rose erzeugt Lebensmut

In einem Interview mit Hermann Vinke – abgedruckt in einem Materialienband des S. Fischer Verlags, der auch das Gesamtwerk präsentiert – beschrieb Ilse Aichinger im Jahre 1988, woraus sie im Nazi-Reich Kraft schöpfte. Eines Tages im Jahre 1943 habe sie „auf einem der unverkennbaren Anschläge, die die zum Tode Verurteilten anprangerten“, die Namen der Mitglieder der Weißen Rose gesehen. „Ich kannte keinen dieser Namen. Aber ich weiß, dass von ihnen eine unüberbietbare Hoffnung auf mich übersprang.“ Es sei die Hoffnung aufs Weiterleben gewesen, nicht aufs Überleben. „Wir hatten keine große Chance zu überleben. Aber das war es eben nicht. Es war kein Überleben. Es war das Leben selbst, das uns durch diesen Tod der Geschwister Scholl und ihrer Gefährten angesprochen hat.“

Dass der Mensch misstrauisch sein möge gegen sich und gegen die Sprache – das hat Ilse Aichinger immer wieder gefordert. Sie schreibe eine „Prosa der Zweifel, der Fragen, der Suche“, sagte Jürgen Becker einmal. Ilse Aichinger hebe „alles aus den Angeln, was sie anspricht und meint“. Das gelang ihr in Erzählungen, Notaten, Gedichten, Hörspielen und in eben jenem Roman.

Früh schon bekam sie den Preis der Gruppe 47. In dieser Literatenrunde von Hans Werner Richter lernte sie Günter Eich (1907-1072) kennen, den sie 1953 heiratete. Im literarischen Leben war Ilse Aichinger mit ihren stark verknappten Texten stets präsent, ohne jedoch im Mittelpunkt zu stehen. Das war ihr, so der Eindruck, durchaus recht.

„Die Träume aus dem Schlaf holen“

Das Misstrauen und die Hoffnung ziehen sich durch Leben und Werk. Vor allem aber: Hoffnung. In ihrer „Rede an die Jugend“, die sie 1988 anlässlich der Entgegennahme des Weilheimer Literaturpreises hielt, sagte Ilse Aichinger: „Immer wird es notwendig sein, die Träume aus dem Schlaf zu holen, sie der Ernüchterung auszusetzen und sich ihnen doch anzuvertrauen. Immer wird es ein Grat sein, der zu begehen ist.“ Das bedeute, sagte sie weiter, „auf der geduldigen, aber niemals einzuschläfernden Suche bleiben, die Freude immer erhoffen, aber diese Hoffnung nie bestechlich werden lassen“.

Martin Oehlen

Ausstellung „Die Hochsee der Ilse Aichinger“ im LCB in Berlin bis zum 12. Februar 2022.

Das Werk der Ilse Aichinger erscheint im S. Fischer Verlag. Die schön gestaltete Werkausgabe im Taschenbuch ist vorneweg zu empfehlen.

Richard Reichensperger (Hrsg.): „Ilse Aichinger – Werke“, S. Fischer, acht Bände, Taschenbuch-Kassette, 60 Euro.

Marie Luise Knott und Uljana Wolf (Hrsg.): „Die Hochsee der Ilse Aichinger – Ein unglaubwürdiger Reiseführer zum 100. Geburtstag“, Verlag Das Wunderhorn, 32 Seiten, 18 Euro.

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