So surreal ist Seoul: „Weiße Nacht“ ist der erste Roman der Koreanerin Baeh Suah, der auf Deutsch erscheint

Doppelgänger spielen in Bae Suahs „Weiße Nacht“ eine gewisse Rolle. Foto: Bücheratlas

Ayami, die ehemalige Schauspielerin, hat ihren letzten Arbeitstag im Hörtheater für Blinde in Seoul. Nur sie und ein Direktor haben das kaum frequentierte, aber von einer Stiftung geförderte Haus betreut. Bis zu diesem Tag. Die Schließung stand schon seit längerem fest. Nun sitzt Ayami auf einem Treppenabsatz mit dem Gästebuch in der Hand und schaut sich um: „Bei erloschenem Licht wirkte das Innere des Theaters wie in trübes Wasser getaucht. Objekte zersetzten sich sanft, Identitäten wurden vage, fast undurchsichtig. Nicht nur Licht und Formen, auch Töne und Klänge.“

Eine Prise Schamanismus

Es ist diese eigenartige, irgendwie grau-violett anmutende Stimmung, die den Roman prägt und auszeichnet. Nicht die Handlung, die vor-, zurück- und querfeldein springt, sondern die Atmosphäre imponiert, die Szenen, das Setting.

Einmal wird auf die im Raum schwebenden „objets“ von Max Ernst verwiesen, den Mitbegründer des Surrealismus. Das ist ein guter Tipp. Denn die Koreanerin Bae Suah nimmt uns in „Weiße Nacht“ mit auf eine Expedition in eine Welt, die zwischen Schein und Sein, Wachen und Träumen changiert. Einige Male rast ein hell erleuchteter Bus durch die Nacht, scheinbar ziellos auf einer Kreisbahn unterwegs, im Inneren ein Mönch sowie einige Frauen, die in die Lektüre des „Kamasutra“ vertieft sind, und auf dem Dach ein weißer Rabe. Der Roman wartet auf mit Einzelgängern und Doppelgängern, ist mehr der Nacht als dem Tage zugewandt, eine Prise Schamanismus schmeckt man auch heraus.

Man spricht deutsch

Auf Anregung des Direktors nimmt Ayami Deutschunterricht bei einer älteren Dame namens Yoni. Die frisch erworbenen, noch gar nicht tiefen Sprachkenntnisse verschaffen ihr einen Job als Dolmetscherin für einen deutschen Krimiautor namens Wolfi. Der will in der südkoreanischen Hauptstadt einen neuen Roman schreiben.

Bae Suah selbst, 1965 in Seoul geboren, ist mit dem Deutschen bestens vertraut. Sie pendelt regelmäßig zwischen ihrer Heimat und Berlin, war auch einmal „Writer in residence“ in Zürich. Sie übersetzt zudem Werke von Franz Kafka, W. G. Sebald und Christian Kracht ins Koreanische. Eine literarische Brückenbauerin. Doch der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der eigenen Prosa. Die studierte Chemikerin und ehemalige Beamtin am Flughafen Gimpo hat in Korea seit 1993 zahlreiche Werke veröffentlicht. Auch auf dem angelsächsischen Markt ist sie gut vertreten, wo ihr Werk mit Filmen von David Lynch verglichen wird.

Am Himmel schwarze Asche

Bae Suah schwelgt in ihrem deutschsprachigen Romandebüt, das im Original bereits 2013 erschienen ist, lustvoll in Metaphern. Immer wieder. Da klingt der Verkehrslärm auch schon mal „wie ein brennendes Gerstenfeld“. Am auffälligsten und intensivsten ist diese Bilderlust bei der Beschreibung der Hitze in der koreanischen Hauptstadt: „Die hochsommerliche Metropole glich einem Tempel der betäubenden Mattigkeit, der vor tausenden Jahren von einem lange verschollene, dem Hitzekult frönenden Volk errichtet worden war.“ Die Stadt ähnelt einem riesigen Lebewesen, das zu ersticken droht, in dem rohes Fleisch verbrennt und über der das Himmelszelt von schwarzer Asche überzogen ist. Das biblische Armageddon müsste sich schon anstrengen, um in einem Endzeit-Wettbewerb mithalten zu können.

Ein ständig wiederkehrendes Motiv ist der Schatten. In vielen Variationen. Da ist von Klangschatten die Rede, von einer schattenhaften Grenze, von Personen im Schatten einer Wand oder auch von einer Türe, die sich so schnell schließt, dass die hindurcheilenden Menschen von ihren Schatten getrennt werden. Kaum minder hartnäckig werden „Blindheit“, „Dichter“ und ein „wie ein altes Geschirrtuch“ flatternder Rock ins Spiel gebracht.

Nagel im Kopf

Generell ist der Roman reich an Wiederholungen von Szenen und Beschreibungen, die selbstverständlich mit Bedacht wie ein musikalisches Thema im Text platziert werden. Eine Erklärung findet sich im Buch selbst, als die Sprache auf den 1936 erschienenen Roman „Die blinde Eule“ des iranischen Schriftstellers Sadeq Hedayat kommt. So heißt es über das Werk, in dem es um den – Achtung! – Schatten einer Eule geht: „Besonders die geheimnisvollen Wiederholungen bewirken Effekte des Surrealen und Fantastischen.“

Eine solch starke Dosis Surrealität kann auch die Leserinnen und Leser anstecken. Dass dem Direktor des Hörtheaters am Ende des Romans ein Nagel im Kopf steckt, der ihn freilich nicht am Reden hindert, ist erstaunlich genug. Doch dann greifen wir zur nächsten Neuerscheinung auf dem Bücherstapel, einer ganz und gar anderen, nämlich zum Journal des Paul Nizon, und nehmen den Titel, der ebenfalls bei Suhrkamp erscheint, verblüfft zur Kenntnis: „Der Nagel im Kopf“. Der Zufall ist ein guter Freund des Surrealen.

Martin Oehlen     

Bae Suah: „Weiße Nacht“, dt. von Sebastian Bring, Suhrkamp, 160 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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