Japan im Bild (4): Die zeitgenössische Architektur des Landes hat wenig Platz und viele Preisträger

Die Olympischen Spielen in Japan sind in vollem Lauf. Das Großereignis ist ein guter Anlass, sich auf das Land einzulassen, in dem es stattfindet. Der Taschen Verlag legt vier Bildbände zur Kultur des Landes vor. Nach den Fuji-Holzschnitten des Hokusai, der Fotografie um 1900 und dem baukünstlerischen Werk von Kengo Kuma geht es nun noch um die Architektur der Gegenwart. Auch dieser Band ist dreisprachig angelegt und hochwertig in der Gestaltung.

Terunobu Fujimoris Museum für Mosaikfliesen entstand 2016 in Tajimi in der Präfektur Gifu, nicht weit entfernt von Nagoya. Foto: Taschen/Akihisa Masuda

Philip Jodidio gibt das Motto für Japans zeitgenössische Architektur aus: „Modern durch Tradition“. Sein Bildband „Contemporary Japanese Architecture“ stellt 55 neue Gebäude in kurzen Texten und famosen Aufnahmen vor. Alphabetisch geht es voran – von Hitoshi Abes geschwungener Gedenkhalle (2017) bis zu Makoto Takeis Helix House (2015), das auf Stelzen steht und im Hohlraum unter dem Estrich einen Sandkasten nebst Kinderschaukel untergebracht hat.

Gerade die schmalen Privathäuser, die auf das knappe Bauland reagieren sowie auf die Tatsache, dass sich zwei Gebäude nicht eine tragende Wand teilen dürfen, sind von Reiz. Nur zu gerne möchte man dabei hoffen, dass Jodidios Einschätzung richtig ist, wonach Japaner „an beengte Verhältnisse gewöhnt“ seien. Auffallender als diese Wohnimmobilien sind selbstverständlich die öffentlichen Bauten – wie das Hokusai-Museum (2016) von Kazuyo Sejima, die eine der wenigen Architektinnen in diesem Überblick ist. 

Makoto Takeis Helix House wurde 2015 in Tokio errichtet. Zwischen Fußboden und Sandkasten kann geschaukelt werden. Foto: Taschen/Daici Ano

Der macht deutlich: Japans Architekturszene ist originell und erfolgreich. Ein Beleg dafür sind auch die sieben Pritzker-Preisträger, die das Land seit 1987 vermelden konnte. Darunter Tadao Ando, der berühmteste Architekt der japanischen Gegenwart. Er ist mit zwei Bauten in dem Band vertreten – mit dem effektvollen Shanghai Poly Theater (2014) und dem Anno Mitsumasa Kunstmuseum (2017), das sich bescheiden in die Naturlandschaft schmiegt.

Solche Naturnähe prägt nach Jodidios Beobachtung die neue Architektur in Japan. Das ist schon in dem Bildband zu Kengo Kuma deutlich geworden, den wir zuletzt auf diesem Blog vorgestellt haben. Außerdem werde heute „anders als früher“ – gemeint sind zumal die 1960er Jahre – „eher klein, umweltverträglich und kostengünstig gebaut.“ Architekten reagierten auf die räumliche Verdichtung, die zunehmend älter werdende Gesellschaft und die wirtschaftliche Stagnation.

Schließlich werde in dem Bewusstsein gebaut, dass ein Erdbeben jederzeit möglich sei. Was Jodidio zu dem Schluss bringt: „Nichts ist gewiss in Japan – nur die Veränderung.“

Martin Oehlen

Hinweis:

Das Bild am Kopf der Seite zeigt einen Blick auf den Wassergarten, den Junya Ishigami 2018 in Nasu in der Präfektur Tochigi, nordöstlich von Tokio, angelegt hat. Foto: Taschen/Iwan Baan

Was bisher geschah:

Japan im Bild (1): Zu Hokusais „36 Ansichten vom Berg Fuji“ zählt auch das berühmteste Kunstwerk des Inselreiches – mehr dazu HIER.

Japan im Bild (2): Frühe Fotografien aus der Zeit um 1900 laden ein zu einer handkolorierten Zeitreise durchs Land – mehr dazu HIER.

Japan im Bild (3): Kengo Kuma, der Architekt des neuen Nationalstadions, hatte sein Erweckungserlebnis bei den Tokioter Sommerspielen 1964 – mehr dazu HIER.

Philip Jodidio: „Contemporary Japanese Architecture“, Taschen, dreisprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch, 448 Seiten, 60 Euro.

Ende

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