Japan im Bild (1): Das berühmteste Kunstwerk des Landes findet sich in Hokusais Serie der „36 Ansichten vom Berg Fuji“

Das Schöne an den Olympischen Spielen ist, dass der Sport nicht alles beherrscht. So bietet das Großereignis alle vier (bis fünf) Jahre einen guten Anlass, sich auf den Austragungsort einzulassen. Wer es noch nicht wissen sollte: In diesem Jahr lädt Japan – wie man so sagt – die Jugend der Welt ein. Der Taschen Verlag aus Köln steigt mit vier Bildbänden ein, die sich der Kultur des Landes widmen. Wir starten unsere Reise im frühen 19. Jahrhundert mit Katsushika Hokusai.

Vorne die Monsterwelle, hinten der Fuji – und mittendrin drei schmale Boote: „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“ gilt als das weltweit bekannteste Kunstwerk aus Japan. Die hier abgebildete Fassung stammt aus einer Sammlung in Boston. Foto: Taschen/Museum of Fine Arts, Boston

Hokusai, 1760 in Edo (dem heutigen Tokio) geboren und 1849 gestorben, begann erst im Alter von 70 Jahren mit seiner grandiosen Fuji-Serie. Die „36 Ansichten vom Berg Fuji“ – tatsächlich sind es dann 46 geworden – gelten unter seinen rund 3000 Werken als die berühmtesten. Zumal sich darunter auch „Die große Welle“ befindet. Bei der Darstellung von drei schmalen Booten, auf die eine schäumende Monsterwelle zurollt, handelt es sich nach Ansicht von Andreas Marks um „das bekannteste japanische Kunstwerk der Welt – selbst bei denen, deren Kunstinteresse bereits vor dem Namen des Künstlers endet.“

Ein Vulkan als Ort der Harmonie

Detailliert präsentiert der Leiter der Abteilung für japanische und koreanische Kunst am Minneapolis Institute of Art die Darstellungen, die Japans höchste Erhebung aus allen möglichen Himmelsrichtungen zeigen. Dabei beeindruckt der Vulkan nicht nur als formvollendete Schönheit, sondern auch als Ort der Harmonie und des Friedens – ganz gegen seine eruptive Natur. Im Jahr 2013 wurde er wegen seiner religiösen Bedeutung und seiner Inspiration für Künstler zum Weltkulturerbe (und nicht Weltnaturerbe) der Unesco erklärt.  

Das Fuji-Projekt gilt als „revolutionär“, weil die dafür „konzipierten Druckvorlagen die Landschaft zum allerersten Mal nicht einer menschlichen Aktivität unterordneten.“ Die Natur ist der Star. Deshalb wird der Fuji gerne mal als Bild im Bild gerahmt – etwa von einem Fass ohne Boden, an dem gerade ein Böttcher Hand anlegt. Auch neigt Hokusai dazu, die Kegelform des Bergs im Bildvordergrund aufzugreifen – in Gestalt eines Tempeldaches, eines Holzgerüsts oder von herabhängenden Zügeln eines Pferdes. Gleichwohl erfahren wir auch viel über die Menschen im alten Japan. Da erfreuen promenierende Samurais, sturmgebeutelte Wanderer mit wegflatternden Hüten und Papieren, Stadtansichten und immer wieder eifrige Arbeiter. Nur Sportler, die findet man nicht auf diesen Bildern.

Szenen aus der Arbeitswelt gibt es bei Hokusais Fuji-Ansichten immer wieder. Der Holzschnitt „In den Bergen der Provinz Totomi“ zeigt das Zuschneiden von Holzplatten. Links werden die Zähne der Säge geschärft. Und im Hintergrund, fein gerahmt, der Fuji. Foto: Taschen/Museum of Fine Arts, Boston

Marks liefert einen souveränen Einblick in dieses urjapanische Meisterwerk. Mit elementaren Auskünften zur Vita (allerdings mit einer falschen Angabe zum Sterbealter), zu den Motiven, zur Vermarktung und zur Editionsgeschichte. Eine Karte zeigt die Standorte auf, von denen aus der Berg in den Fokus gerückt wird – wenngleich Hokusai nicht all diese Stätten aufgesucht hat. Vielmehr schöpfte er auch aus früheren Arbeiten und machte Anleihen bei anderen Künstlern. Weiter gibt es Hinweise auf die japanische Gegenwart. Exemplarisch die Erläuterung zur ersten Tafel: „Die Ansicht zeigt das in der heutigen Präfektur Kanagawa gelegene Shichirigahama, das sich in jüngerer Zeit zum ganzjährigen Mekka für Surfer entwickelt hat.“ Shichirigahama bedeute „Sieben-ri-Strand“, was nahelege, dass dieser Küstenabschnitt sieben ri oder rund 27 Kilometer lang sei – in Wahrheit müsse sich der Besucher freilich mit einem Zehntel davon begnügen.

Blaue Hügel werden grün

Es ist ein großer Vorzug dieser Veröffentlichung, die wahrlich nicht die erste zum Ruhme Hokusais ist, dass sie den Varianten viel Raum gewährt. Denn während des Druckvorgangs, so lesen wir bei Marks, unterliegen die Holzstöcke einem natürlichen Verschleiß, der sich im Druckbild niederschlägt: „Meist führt die Beschädigung dazu, dass hier und da eine Linie fehlt, doch in manchen Fällen traf es ganze Bereiche, die vom Holzschneider zu ersetzen waren.“ Außerdem werden zuweilen die Farben und Linien aus ästhetischen Gründen variiert: Da wechseln Hügel von Blau zu Grün und verlieren Wellen ihre dichte Folge.

Für diese Ausgabe hat der Herausgeber aus 2403 Abzügen in 119 Sammlungen die seiner Ansicht nach „gelungensten“ ausgewählt. Fündig wurde er zumeist in den USA, auch an seinem Arbeitsplatz in Minneapolis. Von dort kommt nicht zuletzt die Parade-Version der „Großen Welle“. Für die Vielzahl der Abbildungen wurden zudem Werke aus Museen in Deutschland ausgewählt – in Dresden, Hamburg, Köln und Krefeld.    

Martin Oehlen

Hinweis

Das Foto am Kopf des Beitrags zeigt Hokusais berühmten „Roten Fuji“ („Südwind, klares Wetter“). Das Copyright liegt bei Taschen/Philadelphia Museum of Art

Andreas Marks: „Hokusai – 36 Ansichten vom Berg Fuji“, Taschen, dreisprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch, 224 Seiten, 125 Euro.

Fortsetzung folgt

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