„Waschweib“, „Hure“, „Säuferin“? Annette Lorey rückt Nelly Mann, die vielfach gescholtene Ehefrau von Heinrich Mann, in ein neues und günstigeres Licht

Das spanische Portbou war für viele Exilanten das Nadelöhr, durch das sie vor den Nazis zu fliehen versuchten. Auch Nelly und Heinrich Mann wählten diesen Weg, um anschließend über Lissabon in die USA zu gelangen. Mit dem Denkmal „Passagen“, dessen Stufen zum Meer hinabführen, erinnert Dani Karavan seit 1994 in Portbou an das Schicksal von Walter Benjamin, der sich hier auf der Flucht im Jahre 1940 das Leben nahm. Foto: Bücheratlas

Thomas Mann fand sie ordinär, Katia Mann nannte sie eine „vertrunkene Hüre“, Joseph Roth sprach von einer „sehr verlogenen Frau, einer Nutte“ Alma Mahler-Werfel sah in ihr ein „Waschweib“ und Ludwig Marcuse eine „unglückliche Säuferin“ – nein, viel Freundliches wurde nicht gesagt über Nelly Mann (1898-1944), die Ehefrau von Heinrich Mann (1871-1950). Der Autor der Romane „Professor Unrat“ und „Der Untertan“, der damals noch fast so berühmt war wie sein 1929 mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Bruder, hatte die 27 Jahre jüngere Nelly, als sie noch Emmy Kröger bzw. Westphal hieß, in der Bar „Bajadere“ in Berlin kennengelernt. Dorthin hatte es sie verschlagen, als sie ihr Leben in der norddeutschen Provinz aufgab und in der Hauptstadt ihr Glück suchte wie einst Doris, die Heldin aus Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“.

Heinrich Mann geriet nach der Machtergreifung von 1933 schnell ins Visier der Nazis. Er floh zunächst ins Exil nach Südfrankreich, wohin ihm Nelly folgte. Dort haben sie im Jahre 1939 geheiratet, wenige Tage nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Für Heinrich Mann war es die zweite Ehe. Von Maria Kanova war er 1930 geschieden worden; wegen ihrer jüdischen Abstammung kam sie ins Ghetto Theresienstadt und starb 1947. Für Nelly und Heinrich Mann ging die Flucht weiter. Zu Fuß über die Pyrenäen ins spanische Portbou und von dort aus via Lissabon in die USA. Dort nahm sich Nelly im Januar 1944 das Leben. Es war dies der vermutlich fünfte Versuch gewesen, der zum Ziel führte.

„Ein unkonventionelles Frauenleben“

Nun macht sich Annette Lorey daran, „das anhaltende Ressentiment“ gegen Nelly Mann zu ergründen. Eine Verzerrung der Persönlichkeit macht die ehemalige Leiterin der Volkshochschule Leverkusen noch in Heinrich Breloers Fernsehfilm „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ von 2001 aus. Die Verkörperung der Nelly durch Veronica Ferres habe alle geläufigen Vorurteile bestätigt, die auf Alkoholismus, Vulgarität und Halbwelt zielten. Lorey will stattdessen „ein unkonventionelles Frauenleben in politisch stürmischen Zeiten und die Geschichte einer großen Liebe“ erzählen.

Mit großer Empathie für Nelly, die aus bildungsferner Armut in die großbürgerliche Kulturelite katapultiert wurde, geht Lorey die Sache an. Allerdings ist die Quellenlage zuweilen sehr bescheiden. Das gilt zumal für die frühen Jahre. Das gilt aber auch noch – mit Abstrichen – für die Zeit mit Heinrich Mann. Die Vita des Schriftstellers ist vergleichsweise gut dokumentiert. Doch von seiner Ehefrau ist nicht so oft die Rede. Über vieles kann allenfalls spekuliert werden. Auch über ihre psychischen Erkrankungen. Lorey behilft sich im Verlauf ihrer Untersuchung immer wieder mit Fragen: Hat Nelly dies mitbekommen und wie hat sie das empfunden, „woher hatte sie die Informationen“ und „was ist geschehen“? Das ist ein probates Stilmittel, wenngleich es hier ein wenig überstrapaziert wird.

Angst vor Auslieferung und Ruin

Die Untersuchung gibt überdies einen Einblick in die deutschsprachige Exilantenszene – sei es in Nizza oder in New York, in Sanary-sur-mer, der damaligen „Hauptstadt der deutschen Literatur“, oder in Los Angeles. Das ist ein Künstler-Biotop voller Klatsch und Tratsch. Vor allem aber ist es eine Schicksalsgemeinschaft in der Not. Dominant ist in Frankreich die Angst vor der Auslieferung an die Nazis und in den USA die Angst vor dem Ruin – gerade auch bei Heinrich und Nelly Mann.

Thomas Mann kann in dieser Geschichte keine Sympathiepunkte gewinnen. Als er in den USA erfährt, dass seinem Bruder und seinem Sohn Golo Mann die vermutlich lebensrettende Flucht via Lissabon gelungen sei, hält er im Tagebuch seine Freude fest. Und er fügt an: „Leichte Trübung durch die Tatsache, dass auch ‚Mrs.‘ dabei ist.“

„Sie provozierte, weil sie nicht demütig war“

Annette Lorey legt insgesamt eine spannende, quellenkritische, keineswegs überladene und flüssig erzählte Biografie vor. Insbesondere aus Nellys Briefen heraus wird das Bild einer liebenden und zupackenden Ehefrau gezeichnet, die freilich gesundheitliche Probleme hatte. Nelly sei eine Frau gewesen, lesen wir, „die auch deshalb provozierte, weil sie nicht demütig war, sondern Mut, Beharrlichkeit und Stärke bewiesen hat im Überlebenskampf, aber die dennoch stets auf der Suche war nach Geborgenheit und einem sicheren Leben – und daran schließlich gescheitert ist.“

Martin Oehlen

Annette Lorey: „Nelly Mann – Heinrich Manns Gefährtin im Exil“, Königshausen & Neumann, 410 Seiten, 26 Euro.

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