Salman Rushdies „Quichotte“ im Land der unbegrenzten Fernsehserien und Schmerzmittel

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Eine Station auf Quichottes Reise durch die USA ist der Devil’s Tower in Wyoming. Der Held erinnert sich an einen Film, in dem dort Außerirdische landen. Foto: Bücheratlas

Salman Rushdies „Quichotte“ ist ein wildes Buch. Es verzaubert und verwirrt. Es lockt den Leser auf verschlungene Pfade, zu Blüten ohne Zahl, überhaupt zu einer famosen Fülle und in ein dicht wucherndes Buschwerk, das nicht immer leicht zu durchdringen ist. Ja, wer sich auf Rushdies Schöpfung einlässt, muss ein paar Mühen auf sich nehmen. Aber wenn die Wildnis erfolgreich durchdrungen ist, wird er sagen können: Wow, was für ein Abenteuer!

Salman Rushdie schlägt mit „Quichotte“ selbstredend einen Bogen zum großen Miguel de Cervantes. Das muss man sich erst einmal trauen. Schließlich stammt die Geschichte von Don Quijote, der zu viele Ritterromane gelesen hat, sich nach der nur erträumten Dulcinea verzehrt und sich gemeinsam mit seinem Knappen Sancho Pansa auf die Suche nach der Geliebten macht, aus dem Olymp der Romane. Da kann sich schnell überheben, wer ein paar Anleihen macht. Nicht aber Salman Rushdie, der eine seiner Figuren beiläufig von „Cervantes‘ großem Meisterwerk“ schwärmen lässt.

In meisterlicher Manier adaptiert er die Geschichte einer grandiosen Verwirrung, die selbstredend herrliche Zeitkritik ist, und verpflanzt sie mitten in die us-amerikanische Gegenwart. Hier ist der Ritter von der traurigen Gestalt ein Handelsvertreter namens Ismael Smile, „indischen Ursprungs, fortgeschrittenen Alters und mit schwindenden geistigen Kräften“. Dieser Smile, dessen Nachname ein fast perfektes Anagramm seines Vornamens Ismael ist und der das Pseudonym Quichotte in seinen Liebesbriefen verwendet, schaut viel zu viele geistlose Fernsehsendungen an. Zu seinen Favoriten gehört die Talkshow „Salma“ mit Salma R. (nein, nicht Salman R.), in die er sich unsterblich verliebt. Eines Tages macht er sich auf zu einer Empfehlungs- und Bewährungsreise quer durch die USA, einer dem Mittelalter entlehnten Quest, „um durch Taten als auch durch Charme ihr Herz zu gewinnen.“

Begleitet wird er auf seinem Roadtrip von einem Sohn, den er sich so sehr gewünscht hatte, aber nie bekam, weshalb er ihn sich jetzt kurzerhand erfindet und Sancho nennt. Smile jubiliert über diese unwirkliche Wirklichkeit: „Das Zeitalter von Alles-ist-möglich!“ Kurios ist an seiner Imagination, dass der nicht existente Sohn ein selbstbewusstes Eigenleben entwickelt. Der stellt bald schon die etwas egoistische Frage: „Was habe ich denn von dem Ganzen?“

Das alles erzählt uns auf einer anderen Ebene „ein in New York lebender Schriftsteller indischen Ursprungs“, der unter dem Pseudonym Sam DuChamp bereits acht Spionageromane veröffentlicht hat. Er will von uns „Bruder“ genannt werden und ist ein Mann, der unter Beziehungsstörungen leidet. Da geht es ebenso um ehemalige Geliebte wie um allzu lange schon gemiedene Familienangehörige – zumal um seine Schwester. Zu dem Zerwürfnis, meint Bruder, ließe sich viel sagen: „Doch die einfache Wahrheit war, im Klartext, er hatte ihr Unrecht getan.“

Nicht selten darf der Leser den Eindruck haben, dass Bruder seinem Helden Quichotte Probleme auflädt, die er selber nicht stemmen kann. Da mag er noch so laut rufen: „Er ist nicht ich, er ist fiktional!“ Der fiktive Autor flieht in die Fiktion. So ist „Quichotte“ auch dies: Literatur über Literatur, über das Absurde und das Pikareske, über den Autor und seine Figuren, Dichtung und Wahrheit.

Gut, spätestens an dieser Stelle dürfte klar sein, dass es zuweilen anspruchsvoll wird, die verschiedenen Roman-Realitäten auseinanderzuhalten. So lässt Rushdie zentrale Motive da wie dort aufscheinen oder weiterwirken. Nehmen wir nur das Vater-Sohn-Problem oder die Tatsache, dass der Autor namens Bruder und sein Held namens Smile aus Bombay stammen – wie auch Salman Rushdie selbst.

Rushdie hat erkennbar viel investiert in diesen Roman, in Form wie Inhalt. Was er an Detailwissen über das amerikanische Fernseh-Programm preisgibt, lässt den Schluss zu, dass er einiges davon konsumiert hat. Herrliche Perlen sind darunter. So der Verweis auf den Wettermann Steve Stucker von KOB 4, der gerade „mit den berühmten Wetterhunden Radar, Rez, Squeaky und Tuffy“ auf Sendung ist – woraus der TV-Fan Smile schließen kann, dass Freitag ist. In der Realität diesseits des Romans ist der „Weatherman“ seit 25 Jahren in der Morningshow von KOB 4 präsent. Auf der Homepage des Senders lesen wir, dass keiner länger als er das Wetter in New Mexiko prognostiziere. Und freitags tritt dieser Steve Stucker mit den Hunden auf. Das ist eben alles zu irre, um ausgedacht zu sein. Das ist Amerika.

Das Land wird vielfach sichtbar. Rassismus, Migration, Cyber-Angriffe auf die Fakten – es kommt alles in dieser Roadnovel vor. Auch der Umgang mit Opioiden, der aktuell intensiv diskutiert wird, spielt eine große Rolle. Denn das haben wir noch gar nicht erwähnt: Mr. Ismael Smile war Verkaufsleiter bei Smile Pharmaceuticals. Und ist es, trotz seiner geistigen Verwirrung, immer noch ein bischen. Das Unternehmen wird von seinem Cousin Dr. R. K. Smile geleitet und bringt schmerzstillende Medikamente auf den Markt, die süchtig machen.

Ursprünglich waren Opioide entwickelt worden, um schwerste Schmerzen zu lindern. Doch mittlerweile – und wir reden jetzt von der nackten Realität – zirkulieren sie in einer größeren Umlaufbahn. Die zuständigen Pharma-Unternehmen in den Vereinigten Staaten sehen sich gerade verstärkt dem Vorwurf ausgesetzt, die Suchtgefahr dieser Medikamente nicht klar genug formuliert zu haben. Nach jüngsten Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC starben zwischen 1999 und 2018 mehr als 400.000 Menschen in den USA an einschlägigen Überdosen. Aktuell seien täglich über 130 Todesopfer zu beklagen.

Ein Arzt, der solche „Off Label“-Verschreibungen ausgebe, sei ein Drogendealer oder Narco Lord, heißt es bei Rushdie. In „Quichotte“ zählt der Talkshow-Star Salma R., nach dem sich Smile so sehr sehnt, zu den Suchtkranken. Salma greift zu Fentanyl, das gemeinhin bei Durchbruchschmerzen von Krebskranken eingesetzt wird.

So steckt der Roman zwar voller Witz und Phantasie. Aber dass dahinter die Einsamkeit lauert, wissen wir schon seit dem „Don Quijote“ des Miguel de Cervantes. Nun ist von „gebrochenen Menschen“ und „funkelnden Scherben“ die Rede in einem Roman, der zu den großen Lesefreuden des Herbstes zählt. „Quichotte“ ist Salman Rushdies ganz persönliche Literatur-Quest, die er siegreich besteht.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Lesungen mit Salman Rushdie

in Hamburg am 12. November im Altonaer Theater um 20.30 Uhr;

in Köln am 13. November bei der lit.Cologne-Spezial im WDR-Sendesaal um 19.30 Uhr;

in München am 14. November beim Literaturfestival München in der Großen Aula der LMU;

in Zürich am 15. November im Volkshaus;

in Wien am 16. November im Volkstheater Wien um 19.30 Uhr.

Salman Rushdie: „Quichotte“, dt. von Sabine Herting, C. Bertelsmann, 460 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Rushdie10

 

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