Salz gesät, einen Krebs verurteilt und beim Rathausbau die Fenster vergessen: „Das Lalebuch“ erzählt unerhörte Geschichten aus dem 16. Jahrhundert

Die Lalen in Laleburg haben im 16. Jahrhundert beim Rathausbau die Fensteröffnungen vergessen. Kann ja mal passieren. Foto: Bücheratlas

Es gibt sie noch – die positiven Nachrichten. Hier ist so eine!  Zwar wird da ein Pferd durch das herabschießende Gatter eines Stadttors in zwei Hälften geteilt. Doch seinem Reiter gelingt es, das Tier wiederherzustellen. Als er danach mit dem Pferd ins Eis einbricht, läuft es unter Wasser weiter – „drei Tage lang, bis es mit seinem Reiter bei einer Lücke in der Eisdecke wieder auftaucht.“

Tolle Sache. So geschehen im 16. Jahrhundert. Allerdings nur, wenn man dem anonymen Autor Glauben schenkt, der uns 18 solcher „Zeitungen“ überliefert hat. Mit ihnen ergänzt er – sozusagen als Sahnehäubchen – seine „wunderweltsamen, abenteuerlichen, unerhörten und bisher unbeschriebenen Geschichten und Taten der Lalen zu Laleburg“. Ein wahres Phantasiefeuerwerk in 45 Kapiteln.

Das muss man wissen: Die Lalen von Laleburg („es gibt nämlich auch noch andere Lalen“) waren so weise und selbstlos, dass sie immerzu aufbrachen in die Welt, um mit Rat und Tat Beistand zu leisten. Das gefiel den Frauen nicht, den Männern ebenso wenig. Deshalb beschlossen die Lalen (also die von Laleburg) in einer Ratsversammlung, „eine närrische Lebensart anzunehmen.“ Mit durchschlagendem Erfolg. Der Rat der Lalen war auf einmal nicht mehr gefragt. Mit gutem Grund.

Beim Bau des neuen Rathauses vergessen sie die Fenster und versuchen daraufhin, das Licht in Säcken ins Gebäude zu tragen. Dann säen sie auf dem Acker Salz, verwechseln ihre Häuser, verstecken eine Glocke im See und schenken dem Kaiser einen großen Topf mit Senf, den sie allerdings bei der Übergabe zu Boden fallen lassen. Da liegt der Senf in Scherben. Oder die Sache mit dem Krebs. Den entlarven sie als „Leutebetrüger“, weil er trotz seiner Scheren kein Schneider ist. Vor Gericht wird das Tier zum Tod durch Ertränken verurteilt. Als dann der Krebs vor Begeisterung im Wasser zappelt, halten die Laleburger es für seinen letzten Zuckungen: „Seht doch, wie der Tod so wehtut!“

Wem nun die eine oder andere Geschichte bekannt vorkommen sollte, muss sich nicht vergrübeln. Denn die Narreteien der Lalen, 1597 in Straßburg erschienen, wurden bereits ein Jahr später von anderer Hand als „Schildbürgerbuch“ veröffentlicht. Ein „dreistes und zugleich maulfaules Plagiat“, wie wir jetzt im Nachwort des Grimmelshausen-Experten Reinhard Kaiser lesen. Mit den Urheberrechten war es damals nicht weit her. Und solche Lügengeschichten waren gewiss begehrt.

Die Neuausgabe des „Lalebuch“ ist eine Köstlichkeit. Nicht nur, weil es die angehängten Fake News aufführt, die das „Schildbürgerbuch“ ignoriert hat. Auch und zumal gefällt Reinhard Kaisers Übersetzung aus dem Deutschen des 16. Jahrhunderts: ein flüssiges Erzählen, dem die alte Sprachwelt wie ein ferner Grundton innewohnt. Nicht zuletzt erfreut die liebevolle, mit Holzstichen (von 1680) versehene Buchgestaltung. Da waltet eine Sorgfalt, die aus der „Anderen Bibliothek“ vertraut ist und mit der im Verlag Galiani Berlin zuletzt „Die Welt der Renaissance“ von Tobias Roth bestach. Das ist noch so eine positive Nachricht – und in diesem Falle wahr wie nur was.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich eine Besprechung des erwähnten Bandes „Welt der Renaissance“ von Tobias Roth – und zwar HIER .

„Das Lalebuch“, hrsg. und aus dem Deutschen des 16. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser, Galiani Berlin, 240 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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