Kunst, Kaviar und Lockdown: „Welt der Renaissance“ von Tobias Roth ist eines der schönsten Bücher des Jahres

Himmlischer Ausblick zur Decke des Doms von Florenz Foto: Bücheratlas

Aus dem Staunen kommt man so schnell nicht heraus. Die „Welt der Renaissance“, das von Tobias Roth herausgegebene Lesebuch im Großformat, ist ein Schatzhaus mit vielen Stockwerken. Warum das so ist? Uns fallen drei Hauptgründen ein. Sie haben zu tun mit der Epoche, der Auswahl und der Buchgestaltung.

„Ich möchte Galle kotzen“

Erst einmal entwirft diese Sammlung anhand so prominenter wie spezieller Texte ein herrlich funkelndes Panorama der Renaissance. Die Epoche von 1350 bis 1500, die „am Beginn des modernen Europas“ steht, feiert mit ihrer Wiederentdeckung der Antike sowohl die Kunst als auch das Wissen. Doch neben dem Edlen des Humanismus ist ihr das Profane nicht fremd, nicht das Politische, das Fanatische, das Obszöne oder das Derbe. „Ich möchte Galle kotzen“, schreibt Enea Silvio Piccolomini, aus dem ein paar Jahre später Papst Pius II. werden sollte.

Es gibt zeitlos schöne Weisheiten zuhauf. So erläutert Niccolo Machiavelli in seinen „Ratschlägen für einen, der Botschafter wird“, dass man sich einen guten Ruf erwerbe, „indem man nicht für einen gilt, der eine Sache denkt und eine andere Sache sagt.“ Aber auch die Aktualitäten haben für uns Pandemiker von heute einen hohen Reiz. Nachdem die Pest im Jahre 1348 ihre Schneise geschlagen hat, beschreibt Baldassare Bonaiuti den Lockdown in seiner „Florentiner Chronik“: „Alle Werkstätten waren geschlossen, alle Wirtshäuser waren geschlossen, alles außer Gewürzhändler und Kirchen.“ Zu den Seuchengewinnlern zählt er die Kräuterhändler, die „unglaublich viel Geld verdient“ hätten. 

Bär am Spieß

Zur Aufheiterung der Leserschaft gibt es zwischendurch Anekdoten, die sogenannten Facezien, und Witze, die heute allerdings nicht mehr alle zünden. Gut, der hier von Lodovico Domenichi ist nicht schlecht: „Marcello da Scopeto ging mit Beschwerden zu Meister Cocchetto da Trievi. Der Arzt gab ihm ein auf einem Zettel geschriebenes Rezept und sagte: ‚Nehmt das dreimal ein.‘ Der gute Marcello ging mit dem Zettel fort, riss ihn in drei Stücke, aß je morgens eines davon und wurde gesund.“

Wer nun Appetit bekommen haben sollte, dem sei Bartolomeo Scappi, der „Koch der Päpste“, mit seinen Rezepten empfohlen: „Man kann Bär am Spieß oder auf dem Rost braten und bestreut ihn nur etwas mit Salz, Fenchel, Pfeffer, Zimt und Nelken. Wenn man das Stück auf den Spieß gesteckt hat, bereitet man es zu wie Ziege.“ Soll es etwas leichtere Kost sein? Bitte, Cristoforo di Messisbugo gilt als der „Erfinder des Kaviars“. Das war im 16. Jahrhundert, als der Stör noch im Po zuhause war. Messibugos Hauptwerk über die „Banchetti“ wird als „ein Meilenstein der Kochbuchgeschichte“ gefeiert. Schon das Grundsätzliche überzeugt sofort: „Man nehme einen lebendigen oder zumindest frischen Fisch“.

Petrarca, Michelangelo und all die anderen

In diesem Textgebirge könnte man sich wahrlich verlieren. Aber wir haben ja unseren Wanderführer dabei. Das Multitalent Tobias Roth lässt sich auf diese Welt mit einem Enthusiasmus ein, der ansteckend ist. Nicht nur hat er die Auswahl der Originaltexte besorgt, vom Fragment bis zum Werkauszug. Auch hat er sie aus dem Lateinischen und dem Volgare, der Volkssprache, übersetzt. Außerdem porträtiert er die Autoren alles andere als kurzatmig und in lockerer Ernsthaftigkeit. Dabei bringt Roth zuweilen eine kreative Diktion ein, wenn er etwa „augenhohe Diplomatie“ oder „thronerbende Oligarchen“ erwähnt. Doch keine Bange: Sein Stil ist nicht gestelzt, sondern zupackend. Da wird auch gerne mal eine Pointe platziert: „Francesco Petrarca ist groß, Pietro Bembi ist sein Prophet.“

Eine Herkulesaufgabe war diese intensiv moderierte Anthologie. Da bekommt die Bezeichnung „Herausgeber“ eine neue Dimension. Allein die Beschäftigung mit Petrarca, der den Renaissance-Reigen eröffnet, wäre für viele Philologen als Lebensaufgabe ausreichend. Aber da sind auch noch so komplexe Gestalten wie Giovanni Boccaccio, Lorenzo de‘ Medici, Leonardo da Vinci, Girolamo Savonarola, Amerigo Vespucci, der bereits erwähnte Niccolo Machiavelli, Ludovico Ariosto, Michelangelo Buonarroti sowie Torquato Tasso. Ja, und die weiteren 58 Zeitgenossen, die ebenfalls zu Wort kommen, sind nicht minder reizvoll.

Darunter sind zeitbedingt nur wenige Frauen. Dabei handelt es sich um die Dichterinnen Veronica Gambara, Vittoria Colonna, Gaspara Stampa und Tullia d’Aragona (die als Kurtisane offiziell registriert war). Außerdem hat Alessandra Macinghi, die in die Familie der Strozzi eingeheiratet hat, den Konkurrenten der Medici in Florenz, ihren Auftritt. Sie schrieb dringliche Briefe an ihren Sohn, dessen Hochzeit zu planen sie entschlossen war: „Es findet sich hier keine, die alles hätte, was ein Mann sich wünscht.“

Eine Aldine unserer Zeit

Schließlich der dritte Hauptgrund, die Edition zu preisen: Bei Galiani Berlin hat man dem gestalterischen Ehrgeiz viel Auslauf gewährt. Es ist ein Genuss, durch die festen Seiten zu blättern. Dafür sorgen die feinen roten Überschriften, die Medaillen und Buchdruckermarken, das reiche Bildmaterial und das zuweilen elegant ausschwingende oder – wo es inhaltlich passt – wellenförmig ausschwappende Schriftbild. Ein Foliant der Neuzeit.

Die Renaissance war die Zeit des erblühenden Buchdrucks. Da musste sich ins Zeug legen, wer mit dem Augenschmaus der Buchmalerei konkurrieren wollte. Aldo Manuzio (1449-1515) ist dies in besonderer Weise gelungen. Der hat als Verleger nicht nur lange verschollene Texte aufgespürt, sondern als venezianischer Buchdrucker auch eine herausragende Sorgfalt in die Textgestaltung gelegt. Seine Veröffentlichungen wurden „Aldinen“ genannt, was ein Gütesiegel war.

Die „Welt der Renaissance“ von Tobias Roth – die aus seinen „Berliner Renaissancemitteilungen“ hervorgegangen ist, einem 2011 gestarteten E-Mail-Projekt – ist eine Aldine unserer Zeit. Eines der schönsten Bücher des Jahres.    

Martin Oehlen

Tobias Roth: „Welt der Renaissance“, Galiani Berlin, 640 Seiten, 89 Euro. E-Book: 39,99 Euro.

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