Für alle Töchter dieser Welt: Cho Nam-Joo schildert in dem Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ die Unterdrückung der Frau in Korea

Der Roman folgt Kim Jiyoungs Lebensweg in Seoul – vom Geburtshaus zur Schule zur Universität zur Arbeitsstelle und zur ehelichen Wohnung am Stadtrand. Hier der U-Bahn-Plan der koreanischen Hauptstadt. Foto: Bücheratlas

Durch „sonderbares Verhalten“ fällt Kim Jiyoung erstmals am 8. September 2015 auf. Da spricht die 33-jährige Koreanerin mit ihrem Ehemann in einer Weise, als sei sie seine Schwiegermutter. Was zunächst wie eine Alberei erscheint, entpuppt sich als Psychose. Beim großen Familientreffen kommt es zum Eklat: Kim Jiyoung stößt alle vor den Kopf. Sie ist offenbar nicht mehr ganz bei sich. Ein Fall für den Psychiater.

Dessen Bericht, der auf den Therapieprotokollen beruht, steht im Mittelpunkt des Romans „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo. Darin wird nüchtern (wie der Titel es ist) geschildert, was Kim Jiyoung als Mädchen und Frau in der koreanischen Gesellschaft erlebt und vor allem erlitten hat. Ein Fall wie Millionen andere Fälle. Die mangelnde Gleichstellung von Frau und Mann ist keine koreanische Besonderheit. Allerdings gehört Korea auch nicht zu den Vorreitern bei der Durchsetzung von Frauenrechten. Das schildert Cho Nam-Joo so anschaulich wie quellenbasiert. Ja, die gelegentlichen Fußnoten deuten an, dass dies ein Roman aus dem Geist der politischen Reportage ist.

Schon bei seiner Geburt im Jahre 1982 erfährt das Mädchen, dass es besser gewesen wäre, als Junge auf die Welt gekommen zu sein. Da nämlich senkt die Mutter ihren Kopf und schluchzt ihrem Baby entgegen: „Es tut mir leid, mein Schatz.“ Das Ideal, das die koreanische Gesellschaft für die Mutterschaft vorgibt, ist die Geburt eines Sohnes. Daher opfern sich in aller Regel, so erlebt es Kim Jiyoung, die Töchter in der Familie für die Brüder auf.

Schritt für Schritt folgen wir der Frau aus der Hauptstadt Seoul über drei Jahrzehnte hinweg. Das geschieht im Laufschritt. Denn der schmale Roman ist nicht auf poetischen Zauber aus, sondern auf aufrüttelnde Verdichtung. Wir begleiten Kim Jiyoung auf ihrem Weg in die Schule, wo zunächst die Jungs und erst dann die Mädchen mit der Schulspeisung an der Reihe sind. Wir erfahren von Übergriffigkeiten, auf die der Vater nur mit Vorwürfen reagiert: „Warum trägst du überhaupt einen so kurzen Rock?“ Als sie Karriere macht, gibt es den Hinweis, dass Korea – Stand 2014 – unter den OECD-Mitgliedsstaaten „das Land mit dem größten Lohngefälle zwischen Männern und Frauen“ sei.

Schließlich wird Kim Jiyoung als Ehefrau immerzu von Verwandten und Bekannten bedrängt, die gespannt auf „die gute Nachricht“ warten. Genervt macht der Ehemann einen Vorschlag: „Damit wir das lästige Geschwätz los sind, lass uns ein Kind machen und großziehen, solange wir noch jung sind.“ Kim Jiyoung ist verstört über diese Argumentation. Aber schwanger wird sie dennoch. Dass sie ihren Beruf aufgibt, um sich um die Tochter zu kümmern, ist arg genug. Noch ärger freilich ist für sie, dass Mütter wie sie hinterrücks als – so die deutsche Übersetzung von Ki-Hyang Lee – „Sch-mama-rotzer“ bezeichnet werden.

Bessern sich die Zeiten? Ändern sich die Benachteiligungen und die einengenden Erwartungen? Autorin Cho Nam-Joo, deren Roman ein Bestseller in ihrer Heimat war, hat Hoffnung. Im knappen Nachwort meint sie, dass ihre Tochter in einer besseren Welt aufwachsen werde als sie selbst. Dafür kämpfe sie: „Ich hoffe, alle Töchter dieser Welt können noch größer, höher und weiter träumen.“

Martin Oehlen

Cho Nam-Joo: „Kim Jiyoung, geboren 1982“, dt. von Ki-Hyang Lee, Kiepenheuer & Witsch208 Seiten, 18 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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