„Es ist ja letzten Endes alles nix“: Nicolas Mahler brilliert mit „Thomas Bernhard – Die unkorrekte Biografie“

„In seinem Vierkanthof in Ohlsdorf“, schreibt Nicolas Mahler, „richtete er sich einen Denk- und Schreibkerker ein.“ Bild: Mahler/Suhrkamp

Lustiger kann’s kaum noch werden. Nicht in Sachen Thomas Bernhard. Nicolas Mahlers „unkorrekte Biografie“ ist ein Literaturspaß der hellsten Art. In 99 Bildern und vielen exquisiten Zitaten erzählt er prägnant, gescheit und vor allem komisch das Leben des österreichischen Literaturgenies und Dauergrantlers: Best of Bernhard.

Der Wiener Illustrator, der schon einige Werke der Weltliteratur auf Comic-Größe kondensiert hat, widmet sich Thomas Bernhard (1931-1989) auf liebevolle Weise. Im viel zu hohen Ohrensessel ragt des Dichters ausdrucksstarke Nase kaum über die Armlehne hinaus. Meist ist er im Profil abgebildet. Womöglich hielte man den frontal fixierenden Blick nicht aus – nicht dieses Gemisch aus Witz-Wut-Wärme. Zuweilen bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken. Knapper als Mahler kann man kaum den Zusammenhang zwischen schwierigem Aufwachsen des Kindes und schwierigem Verhalten des Erwachsenen andeuten. In Bernhards Worten: „Meine Krankheit ist die Distanz.“

Das uneheliche Kind wird die ersten Monate seines Lebens in einem Kinderheim aufbewahrt. Die Mutter kommt alle 14 Tage zu Besuch – „Besuchsdauer: 20 Minuten. Berühren des Kindes verboten, Anschauen erlaubt.“ Bild: Mahler/Suhrkamp

Jede Seite dieses schmalen Bandes ist ein Gewinn. Pointiert wie Mahlers Zeichnungen sind seine begleitenden Kurztexte: „Außerdem verfasst er Filmkritiken, naturgemäß Verrisse.“ Ja, naturgemäß. Die Chance, einmal Flirtweltmeister zu werden, hat Thomas Bernhard selbst nicht recht gesehen: „Ich habe meine Arme nicht zum Umarmen, sondern zum Schreiben und Schuhbandlbinden.“

So kauzig-kurios geht es immer weiter. Bis hin zu den „Fehlerquellen“ im Anhang. Dort findet sich zum Beispiel der Hinweis, die Form der Bernhard‘schen Nachgeburt im Jahre 1931, die laut Mahler „die Form Österreichs“ gehabt habe, „ist nicht überliefert.“ Ebenso sei das Geschehen auf Seite 68, das Peter Handke beim Kauf eines Anzugs von Thomas Bernhard zeigt, „nicht belegt“.   

„Die unkorrekte Biografie“ ist Bernhards legendärem Lektor Raimund Fellinger (1951-2020) gewidmet. Der hat den Band noch angeregt. Vermutlich hätte sich Bernhard, der in dieser Woche 90 Jahre alt geworden wäre, über dieses Denkmal gefreut. Auch wenn er einmal unkte: „Nachher, wenn man’s erreicht hat, sieht man eh, dass es eigentlich nix ist … Es ist ja letzten Endes alles nix.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog erschien zu Thomas Bernhard zuletzt im Januar eine Besprechung der Erinnerungen seines Halbbruders Peter Fabjan: „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“ – und zwar HIER .

Nicolas Mahler: „Thomas Bernhard – Die unkorrekte Biografie“, Suhrkamp, 126 Seiten, 16 Euro.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s