„Der Dämon an meiner Seite“: Peter Fabjan über seinen Bruder Thomas Bernhard

Foto: Bücheratlas

Thomas Bernhard (1931-1989) sei ein „Meister im Demütigen“ gewesen, schreibt sein sieben Jahre jüngerer Halbbruder Peter Fabjan. „Im engeren Freundes- und Familienkreis war er besonders verletzlich und abweisend, wechselte schnell zwischen Zuwendung und eisiger Verachtung.“ Außerhalb des vertrauten Kreises „galten Angriff und Provokation als beste Verteidigung“. Der renommierte Schriftsteller sei in Gesellschaft gern ein „Dichterschauspieler“ gewesen, dessen Spektrum „von anerkennender Liebenswürdigkeit bis zur tiefen Verachtung“ reichte. Dankbarkeit zu zeigen, sei nicht seine Sache gewesen. Im Gegenteil: Menschen, denen Bernhard etwas schuldete, so sagte er es selbst einmal, habe er „vernichten“ müssen, um sie loszuwerden. Ja, da kommt einiges zusammen.

Chauffeur und Privatarzt

Fabjan hat all das über Jahre hinweg aus nächster Nähe erfahren – und schon bald fragt man sich bei der Lektüre des Bandes „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“, wie er diese Nähe hat dauerhaft ertragen können. Der Doktor der Medizin hat sich intensiv um das Wohl seines Bruders gekümmert. Er war sein Chauffeur und sein Privatarzt und schließlich auch der Testamentsvollstrecker: „Ich besuchte Thomas Bernhard in seinen letzten Jahren fast täglich. Immer wieder reiste ich ihm nach, um ihn zu behandeln.“ Die Liste der Krankheiten, die Fabjan vorlegt, ist lang und dennoch nicht vollständig.  

Peter Fabjans beklemmende Erinnerungen an Thomas Bernhard erscheinen nun unter dem Gattungsbegriff „Rapport“. Gemeint ist damit gewiss nicht der psychologische Fachbegriff für eine besonders enge, empathische Verbindung, sondern vielmehr eine Art dienstlich-offizieller Bericht. So kommt dieser Rapport insgesamt recht nüchtern daher und präsentiert sein reiches Material mal als geschlossenes Kapitel und mal als geplünderten Zettelkasten an. Die Aufbereitung und Interpretation steht nicht im Vordergrund. Es ist ein düster-aufschlussreiches Buch, in dem man sich mehr als einmal fragt, wie es Bernhard gelungen ist, seinen Bruder und seine Familie und viele andere so beharrlich zu malträtieren. „Mein Leben war ein Leben mit einem Phantom, ja einem Dämon an meiner Seite.“ schreibt Fabjan. „Als ich merkte, dass er die Reaktion eines Widerparts benötigte, um sein eigenes Leben zu spüren, und begriff, dass er manchen, den er nicht mehr brauchte, der ihn zu belasten begann, wieder fallenließ, kam mir sogar die Vorstellung eines vampirhaften Verhaltens in den Sinn.“

Das frühkindliche Schicksal

Das Buch widmet sich intensiv der Familie und dem Bekanntenkreis des Thomas Bernhard. Liebesbeziehungen gab es darunter offenbar nicht: „Er war schlicht asexuell.“, schreibt Fabjan. Besonders wichtig waren für Bernhard zwei Personen, die er von seinen Grobheiten verschont hat: Der Salzburger Dichter Johannes Capistran Freumbichler, der sein Großvater mütterlicherseits war, und Hedwig Stavianicek, die Witwe aus dem Wiener Großbürgertum, die er sogar gepflegt hat, als sie bettlägerig war.

Selbstverständlich ist von der sehr schwierigen Kindheit des Jungen die Rede. Mit einer Mutter, die ihn 1931 im niederländischen Heerlen zur Welt bringt und  in ein Pflegeheim gibt, mit einem leiblichen Vater, der das uneheliche Kind verleugnet, und mit einem Stiefvater, dem er ewig grollt. „Ich habe mir sein oft unverständliches Verhalten mit seinem frühkindlichen Schicksal erklärt, wo Verlassenheitsängste und Wirrnisse um die eigene Mutter dominiert haben müssen.“ sagt Fabjan. In einem Brief schrieb die Mutter, dass das wenige Monate alte Kind „vorwurfsvoll“ schaue, wenn sie es besuche. In dem Heim, erläutert Fabjan, „gab es die Regel, der Mutter das Kind einmal wöchentlich zwar zu zeigen, doch in die Arme durfte sie es nicht nehmen; so sollte das lästige Weinen nach der Trennung vermieden werden.“

Max Frischs Bowlingkugeln

Wer in dieser Autobiographie-Biographie auf Auskünfte über prominente Begegnungen des Dichters erpicht ist, kommt nicht so recht auf seine Kosten. Einmal will Bernhard am Flughafen die Reisetasche des älteren Kollegen Max Frisch tragen – und hatte nicht geahnt, dass sich darin Bowlingkugeln befanden. Fun facts von solcher Güte oder gar aussagekräftigere Episoden finden sich nur wenige. Zumal die aus anderen Quellen bekannten Konfrontationen mit Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und Theatermacher Claus Peymann werden allenfalls gestreift. Da hat Peter Fabjan nicht so viel zu berichten. Was auch daran liegen mag, dass er bei Verabredungen oft nicht mit am Tisch saß, sondern am Rande darauf wartete, den Bruder heimzufahren.

Wo aber bleibt das Positive? Immer wieder spürt man das Bemühen des Peter Fabjan, die guten Seiten seines Bruders ins Licht zu rücken. Dabei geht es nicht um Bernhards Literatur, nicht um sein umfangreiches Werk aus Prosa („Holzfällen“) und Drama („Heldenplatz“). Deren außerordentliche Qualität steht nicht zur Debatte. Sondern es geht um das Zwischenmenschliche. So habe es bei Bernhard „bei allem Distanzbedürfnis auch eine große Fähigkeit zu Empathie gegeben“. Sein Charme und sein Witz seien legendär gewesen. „In Wahrheit war ein Leidender an sich selbst, ein großer immer wieder enttäuschter Liebender.“

Martin Oehlen

Peter Fabjan: „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“, Suhrkamp, 192 Seiten, 24 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

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