Die Farben der Felle: Durian Sukegawas Roman „Die Katzen von Shinjuku“ erzählt von Streunern und Strauchlern

Foto: Bücheratlas

Das ist gar nicht gut gelaufen. Der junge Fernsehautor Yama sollte für den japanischen Sender TV Akasaka 50 Quizfragen entwickeln. Doch nur eine einzige seiner Fragen wird vom Produktionsteam für wert befunden, in der Rateshow berücksichtigt zu werden: „Auf welche Art Tier beziehen sich die Bezeichnungen Hachiware, Sabatora und Kijitora?“ Diese Abfuhr ist ein berufliches Desaster. Nicht nur der Sender ist sauer, sondern auch sein Mentor Nagasawa, der ihn beharrlich schikaniert, ein Fernseh-Produzent für seichte Massenbespaßung. Das Fragen-Debakel passt zu Yamas Gesamtsituation: Es ist „eine Zeit des Strauchelns.“

Der japanische Schriftsteller (und Schauspieler, Punkmusiker, Moderator) Durian Sukegawa beginnt mit dieser Episode seinen melancholisch-eingängigen Roman. Der spielt zunächst im Tokio der ausgehenden 80er Jahre, als im angesagten Stadtteil Shinjuku die Immobilien-Spekulanten unterwegs sind. Sukegawas Kritik am so vieles niederwalzenden Bauboom ist nicht zu überlesen. Die typischen kleinen Bars haben kaum noch eine Überlebenschance. Zu groß wird der Druck der Sanierer und Gentrifizierer.

„Karinka“ heißt die „abgeranzte Spelunke“, in die sich Yama zufällig flüchtet, um seinen Frust zu ertränken. Das Etablissement wird zum wichtigsten Schauplatz des Romans. Es besteht nur aus einem schmalen Schlauch mit ein paar Stühlen am Tresen. Dahinter bereitet die Kellnerin Yume Grillpaprika und Yakitori-Spieße zu. Der populärste Drink heißt Hoppy. Gleich beim ersten Besuch wird Yama Zeuge, wie sich die Stammgäste mit einem Wettspiel vergnügen: Sie setzen darauf, welche der im Viertel streunenden Katzen als nächste durch das winzige Fensterloch in der Wand schauen wird. Das ist offensichtlich ein guter Spaß. Einige besonders etablierte Katzen sind sogar auf einem Zettel an der Wand porträtiert.

Man muss kein Katzenkenner sein, um an diesem Roman Gefallen zu finden. Nicht einmal eine Leidenschaft für Katzen – seien es nun wie in der Quizfrage Hachiware (schwarz-weißes Fell), Sabatora (silber-schwarz gestreift) oder Kijitora (schwarz-braun) – ist vonnöten. Zwar spielen diese Tiere eine wichtige Rolle. Doch die größte Aufmerksamkeit gilt Yama und Yume – zwei Einzelgängern, zwei Enttäuschten, zwei Strauchelnden. Es sind einsame Menschen, wie wir sie schon in Sukegawas erfolgreichem, überdies verfilmtem Roman „Kirschblüten und rote Bohnen“ kennenlernen konnten. Diesmal finden der Fernsehautor und die Kellnerin über ihre Zuneigung zu den Katzen zueinander. Und sie entdecken eine gemeinsame Leidenschaft für Lyrik – für selbst verfasste Gedichte. Auf dem Höhepunkt ihrer Liebesbekundungen beschließen sie, gemeinsam einen Gedichtband zu erstellen. Der sollte nirgendwo veröffentlicht werden, nur ihnen gehören. Sein Titel: „Die Katzen von Shinjuku“.

Was sich bis hierhin wie eine kitschige Romanze anhört, ist allerdings keine. Denn Yume, die als Kind im Heim gelernt hat, Katzen mehr zu vertrauen als Menschen, hegt ein Geheimnis. Das hat erhebliche Auswirkungen: Eines Tages attackiert sie einen Gast in der Bar mit einem Messer. Als Yama sie im Gefängnis besucht, weist sie ihn unvermutet brüsk zurück: „Ich möchte das nicht. Kommen Sie bitte nicht wieder.“ Merkwürdig.

Was dahinter steckt, verrät Durian Sukegawa ohne dramatisierenden Trommelwirbel. Sein Roman überzeugt vielmehr mit einer ruhigen Dramaturgie. Erst als Yume nach vielen Jahren aus der Haft entlassen wird, gewinnt ihr ehemaliger Freund den Überblick. Was wir mit ihm erfahren, versetzt diesem Bar-Blues noch ein paar kräftige Töne. „Die Katzen von Shinjuku“ ist ein Roman der sympathischen Streuner und Strauchler.

Martin Oehlen

Ein Ausblick: Wer noch mehr japanische Katzenprosa genießen will, kann sich den 28. April 2021 vormerken. Dann erscheint bei S. Fischer „Das Geschenk eines Regentages“ von Makoto Shinkai und Naruki Nagakawa. Da sprechen die Katzen dann wie Du und ich.

Durian Sukegawa: „Die Katzen von Shinjuku“, dt. von Sabine Mangold, DuMont Buchverlag, 256 Seiten,20 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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