„Eine Art Held, zum Glück nicht ohne Fehler“: Julian Barnes und „Der Mann im roten Rock“ führen durch die Belle Epoque

Foto: Bücheratlas

Julian Barnes, der am 19. Januar 75 Jahre alt wird, ist weiterhin für Überraschungen gut. Dass er sich des englisch-französischen Verhältnisses annimmt, ist schon einige Male vorgekommen, nicht nur in „England, England“. Auch wissen wir, dass sich Barnes in der Kunstgeschichte auskennt, da denke man nur an den vor fünf Jahren erschienenen Band „Kunst sehen“. Nun verbindet er beide Stränge in der Biografie des Pariser Gynäkologen Samuel Jean Pozzi (1846-1918), die sich als schillerndes, üppig illustriertes Zeitbild der Belle Epoque erweist.

Darauf muss man erst einmal kommen. Ja, wie überhaupt? Barnes stieß auf den Mediziner, als er das Gemälde „Dr. Pozzi at Home“ (1881) von John Singer Sargent in einer Ausstellung in der National Portrait Gallery in London entdeckte (als Leihgabe aus den USA). Zu sehen ist eine schlanke, große, einnehmende Gestalt in einem scharlachroten Hausmantel. Wer war dieser Mann?

Er war einer, so fasst es Barnes zusammen, der „rational, wissenschaftlich, fortschrittlich, international und unentwegt wissbegierig war; der jeden neuen Tag mit Begeisterung und Neugier begrüßte; der sein Leben mit Medizin, Kunst, Büchern, Reisen, Gesellschaft, Politik und so viel Sex wie nur möglich verbrachte (auch wenn wir nicht alles wissen). Er war, zum Glück, nicht ohne Fehler. Aber ich würde dennoch sagen, er war so etwas wie ein Held.“

Pozzi, der Held, hat die Gynäkologie in Frankreich revolutioniert, wie es heißt, viele Frauen geliebt und die Künste genossen. In seiner Heimat war er eine Berühmtheit. Seine vielen Kontakte erleichtern es dem Autor, die handelnden Kunstheldinnen und Kunsthelden in London und Paris um 1900 vorzustellen – von Sarah Bernhardt über Joris-Karl Huysman und Marcel Proust bis Oscar Wilde. Aber auch weniger bekannte Zeitgenossen treten auf – etwa Madame X. Es ist unübersehbar, dass Barnes jede Menge Quellenstudium betrieben hat und aus einem wahrhaft großen Fundus schöpft.  So erfahren wir viel über Kunst und Politik, über Medizin und Dandytum (mit Graf Robert de Montesquiou als wichtigem Protagonisten), aber auch über Antisemitismus und Gewalt – Pozzi selbst wird von einem Patienten erschossen.

Nicht zuletzt geht es in diesem Buch um Vorurteile hüben wie drüben. Hüben (übrigens: was für ein schönes Wort!), hüben also: „Die Überzeugung, dass Briten und Sex nur betrübtes Mitleid verdienen, ist ein hartnäckiges Dogma.“ Und drüben: „Dass Frankreich generell ein Quell von Schmutz und Schund ist, war … in England bereits allgemein bekannt.“ Dr. Pozzi allerdings war ein Mann, der über den Tellerrand schaute. In der Einleitung zu einem medizinischen Lehrbuch hält er fest: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz.“

Ja, wer Julian Barnes liest, der kann was lernen.  Aber nicht auf die langweilige Art, sondern in einem Feuerwerk an Fakten und Figuren. Die sanfte Ironie, die Barnes vorzüglich beherrscht, macht die Lektüre dieser Kulturgeschichte zu einem Vergnügen. Nie hätte man für möglich gehalten, dass das Leben des Samuel Pozzi die Ausgangsbasis für eine tiefschürfende und zugleich leichtfüßige Expedition in die Belle Epoque sein könnte. Nun wissen wir es besser.

Martin Oehlen

Julian Barnes: „Der Mann im roten Rock“, dt. von Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch, 302 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Ein schöner Bildband über die Belle Epoque in Frankreich ist im Taschen Verlag erschienen und HIER vorgestellt worden: „Frankreich um 1900 – Ein Porträt in Farbe“, herausgegeben von Sabine Arqué und Marc Walter.

5 Gedanken zu “„Eine Art Held, zum Glück nicht ohne Fehler“: Julian Barnes und „Der Mann im roten Rock“ führen durch die Belle Epoque

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