Pionierin des Reisens: Alma M. Karlin ist mit Mut und Vorurteil unterwegs „Im Banne der Südsee“

Mit dem Boot unterwegs in der Südsee Foto: Bücheratlas

Alma Maximiliana Karlins Weltreise geht weiter. Mittlerweile ist die Autorin in der Südsee angekommen. Die Strapazen werden nicht geringer. Und die Gefahren auch nicht.

Im Jahre 1919 war Karlin aufgebrochen, mit ihrer Schreibmaschine „Erika“ als treuer Begleiterin. Erst acht Jahren später kehrt sie heim nach Celje in Slowenien, das bis 1918 zu Österreich gehört hatte. Ihre auf Deutsch verfassten Artikel und Bücher machten sie einst bekannt. Doch der Ruhm verblasste. Nun legt der Aviva-Verlag nach „Einsame Weltreise“ den zweiten Band vor: „Im Banne der Südsee“. Ein dritter wird folgen. Eine Wiederentdeckung. Gut so.  

Einen Mann unschädlich machen

Wer Karlins Schilderungen liest, weiß sehr schnell, dass das Reisen in jenen Jahren nichts mit unserem Tourismus der Vor-Corona-Ära zu tun hatte. Karlin (1889-1950) ist wahrlich „basic“ unterwegs. Sie muss viel einstecken. Und sie ist hart im Nehmen. Schwierigste Transportverbindungen. Bürokratischste Passkontrollen. Bescheidenste Unterkünfte. Die nicht seltene karge Kost. Kakerlaken, zwickende Krabben und Moskitos, die ihr die Malaria verpassen. Nur geringe Einnahmen erzielt sie mit ihren Reiseberichten für Zeitungen in Europa – einmal gibt es zehn Dollar für 80 Beiträge. Dann das tropische Klima: „Der Körper wird nachts eine Gelatinemasse, von der es tropft, wie Schnee von sonnenbeschienenen Märzdächern.“

Nicht zuletzt ist da die Sorge der Alleinreisenden vor Übergriffen. Auf den Philippinen, wo sie diesen Band beginnt, schläft sie mit dem Dolch in der Hand. Auf Viti Levu ruft sie bei einem Überfall so laut um Hilfe, dass sie anschließend Blut spuckt. Der einschlägige Tiefpunkt ist die drohende Ermordung durch „Menschenfresser“ auf den Salomonen. Vor denen kann sie sich in die Hütte einer kleinen Familie flüchten, wo sie sich allerdings sofort bedrängt sieht vom lüsternen Familienoberhaupt. Doch zum Glück erinnert sie sich: „Es hatte mir jemand einmal erklärt, wie man einen Mann sofort unschädlich und auf eine Woche hinaus schlapp machen könne.“ Also passt sie den idealen Moment ab: „Der Mann war dicht neben mir und für die direkte Methode. Ich auch.“ Kurz darauf: „Wie er schrie!!!!“

Man sieht schon: Karlin ist eine Autorin mit Witz und Ironie selbst in der düstersten Tropennacht. Ihre Neugier und ihr Mut sind beeindruckend. Bei alledem trägt sie nicht dick auf und formuliert frisch. Gerade ihre Beobachtungen des alltäglichen Lebens sind eine Freude.

So lässt sie uns wissen, „dass man nach dem Fidji-Knigge immer seitlich von der Tür hüsteln müsse, was unserem Klopfen entspricht.“  Und wer auf den Salomonen „Liebe“ sagen wolle, der formuliere „mein Bauch ist gut gegen Dich“.

Das Problem der rassistischen Positionen

Karlin ist Kind einer anderen Welt. Was denn sonst? Verlegerin Britta Jürgs macht im Vorwort mit Bedenken des Verlags bekannt. Die zielen nicht auf Karlins eurozentrische Sichtweise, sondern auf „einige offen rassistische Positionen“. Allerdings habe man „lediglich einige wenige Passagen gestrichen“, weil man keine Idealfigur habe konstruieren wollen. Diese Behutsamkeit ist löblich. Gleichwohl wäre auch der komplette Text als Zeitzeugnis willkommen gewesen – mit kritischen Anmerkungen dort, wo Karlin restlos aus dem Ruder läuft.

Gerne würde man unterstellen, dass das Reisen Vorurteile abbauen könnte. Hier ist dies nicht der Fall. Amalija Macek wagt sich in ihrem Nachwort an eine Erklärung. Karlin sei als „Deutschsprechende mit jugoslawischem Pass, als unattraktiv wahrgenommene und nicht vermögende Frau“ gleich dreifach unterprivilegiert gewesen. Sie übernahm Ansichten der weißen Kolonialherren und „kompensierte ihre weibliche ‚Minderwertigkeit‘ mit ihrer weißen Hautfarbe wie mit einer ‚fiktiven Männlichkeit‘.“

Ein Denkmal in Slowenien

Karlins Bücher wurden 1941 von den Nationalsozialisten verboten. Sie selbst wurde von der Gestapo verhaftet und entkam nur knapp der Deportation in ein Konzentrationslager. Vor zehn Jahren wurde ihr zu Ehren ein Denkmal in ihrer Heimatstadt errichtet – da steht sie reisefertig im Mantel und mit kleinem Koffer in der Hand.

Karlin sticht unter den Reiseschriftstellerinnen heraus. Denn sie hat als Einzige – wie es im Nachwort heißt – ohne staatliche Unterstützung die ganze Welt umrundet. Allein in der Südsee verbrachte sie zwei Jahre. Karlins Resümee klingt ein wenig nach Political Correctness, die ihr ansonsten gar nicht eigen ist, aber womöglich ist es auch nichts als die Wahrheit: Zwar sei ihre Gesundheit auf immer gebrochen und haarsträubend seien die Schrecknisse gewesen – „aber jeder einzelne Tag war eine Schule, ein Weiten meines Gesichtskreises.“  

Alma Maximiliana Karlin ist kein einfacher Fall, aber eine sehr gute Quelle.

Martin Oehlen

Alma M. Karlin: „Im Banne der Südsee“, mit einem Nachwort von Amalija Macek, Aviva, 350 Seiten, 22 Euro.

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