Schokolade mit Chili: Valerie Hansen über „Das Jahr 1000 – Als die Globalisierung begann“

Foto: Bücheratlas

Wann es losging mit der Globalisierung? Valerie Hansen, Professorin für Geschichte an der Yale University, hat die Sache recherchiert. Sobald der erste Wikinger den – heute so genannten – amerikanischen Boden betrat, war das „missing link“ gefunden. Europa und Amerika hatten die Brücke geschlagen für Menschen, Waren, Glaube und Wissen – aber auch für Krisen, Konflikte, Infektionen. Hansen bestimmt das Jahr 1000 für den entscheidenden Landgang der Nordeuropäer an der Ostküste Kanadas: Leif Eriksson betritt Neufundland. Was soll uns da noch Kolumbus?

Vorzugsweise kurzweilig

Voll mit Fakten und Geschichten packt Hansen ihr gar nicht mal so dickes Buch. Darin wird fast die ganze mittelalterliche Welt berücksichtigt, allerdings nicht Australien sowie große Teile von Südamerika und Afrika, wo es mit der globalen Vernetzung noch etwas dauern sollte. Die Autorin legt viel Wert legt auf eine ansprechende, kurzweilige Erzählung und weniger auf eine wissenschaftliche Ausdifferenzierung bis ins letzte ermüdende Detail. Eindeutig ist dies ein historisch relevantes Werk für ein breites Publikum.

Das zeigt sich auch daran, dass Hansen immer wieder den Vergleich zur Gegenwart anstellt. Dies tut sie zumal in Zusammenhang mit ihrem zentralen Thema. Ihr Eindruck: „Gewiss kam nicht jedem die Globalisierung zugute, doch wer offen war für das Fremde, schnitt besser ab als derjenige, der alles Neue ablehnte. Das gilt im Jahr 1000 und gilt auch heute noch.“ 

Unerschrockene Reisende

Selbstverständlich unterscheidet sich die Globalisierung unserer Tage von der im Jahre 1000 erheblich. Die Welt von einst war wenig bevölkert, möglicherweise lebten damals 250 Millionen Menschen. Auch wusste man nicht viel voneinander. Wer sich also auf Reisen begab, stieß oft in eine für ihn neue Welt vor. Reisende um das Jahr 1000, meint Hansen, „waren anscheinend völlig unerschrocken.“

Allerdings gibt es nicht wenige Phänomene, die uns vertraut sind. Selbst „Antiglobalisierungstumulte“ – wie es in der deutschen Übersetzung von Anna und Wolf Heinrich Leube heißt – kamen vor. Sei es im 10. Jahrhundert in Kairo oder im 12. Jahrhundert in Konstantinopel. In beiden Fällen waren Italiener die Opfer. Beim Massaker von Konstantinopel wurde die 60.000 Angehörige zählende italienische Gemeinde aufgerieben, die meisten ermordet und 4000 von ihnen als Sklaven verkauft. Grund dafür waren offenbar Neid und Zorn der Einheimischen angesichts des Reichtums und der Arroganz der Eingewanderten.

Weltmetropole Guangzhou

Die Hauptakteure des Handels waren um 1000 China und der Mittlere Osten. Die chinesische Hafenstadt Guangzhou, nördlich des heutigen Hongkong gelegen, gilt Hansen gar als „der am meisten globalisierte Ort“ jener Zeit. Und Chichen Itza in Mexiko ist nach Einschätzung der Historikerin die heute am besten erhaltene Stadt aus jener Zeit. Die Mayasiedlung war damals die größte Stadt Amerikas.

Die Mayas waren es auch, die Schokolade rund 3600 Kilometer weit nach Norden lieferten, in die heutigen USA. Das sei, schreibt Hansen, erst vor wenigen Jahren mit Hilfe der „Hochleistungsflüssigkeitschromatographie“ entdeckt worden. Diese Schokolade war nicht süß und war nicht bitter, sondern scharf, weil mit Chili versetzt. Solche kleinen Details würzen den großen Überblick.

Mit dem Jahr 1000 wurde in der Geschichtswissenschaft gelegentlich der Chiliasmus in Verbindung gebracht, der Glaube an das bevorstehende Ende der Welt. Mit Valerie Hansen kommt nun ein anderer Aspekt ins Spiel. Da steht das Jahr 1000 nicht für die Apokalypse, sondern für den Aufbruch. So sieht die Geschichte gleich viel ansprechender aus.  

Martin Oehlen

Valerie Hansen: „Das Jahr 1000 – Als die Globalisierung begann“, dt. von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube, C. H. Beck, 394 Seiten, 28 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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