„Plötzlich stand die Figur neben mir“ – Petra Reategui über ihren anrührenden Kriminalroman „Der Grenadier und der stille Tod“

Fotos: Bücheratlas

Ignatz hat „Anderohren“ und einen „Andermund“. Er kann weder hören noch sprechen, und wenn er sich mit den Menschen verständigen will, stößt er schnell an seine Grenzen. Allein seine Jugendfreundin Catharina war bereit, sich auf die Sprache seiner Hände einzulassen. Doch Catharina ist tot, hingerichtet als Kindsmörderin auf dem Schafott in Karlsruhe. Und bald schon gibt es einen weiteren Todesfall: Der junge Grenadier Simon Sobringer, mit dem Catharina ein Verhältnis hatte, wird mit Stichwunden in der Brust aufgefunden. Hauptverdächtiger ist Ignatz, der Mann, der sich mit Worten nicht verteidigen kann.

„Der Grenadier und der stille Tod“, so lautet der Titel des jüngsten Romans der Kölner Krimiautorin Petra Reategui. Der Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde: Am 17. Januar 1772 wird in Karlsruhe die junge Catharina Würbsin hingerichtet. Sie ist die letzte Kindsmörderin, die in der Stadt unter dem Schwert stirbt.

Petra Reategui hat aus dem tragischen Geschehen eine spannende, quicklebendig erzählte Story gemacht, deren Ende ebenso verblüffend wie skurril ist. Besonders anrührend ist die Figur des gehörlosen Straßenfegers Ignatz. Der Autorin ist es perfekt gelungen, sich in die stille Welt ihres Protagonisten hineinzuversetzen und mit vielen Vorurteilen aufzuräumen. Lobenswert auch der umfangreiche Anhang zum Thema.

Petra Pluwatsch

Was sagt Petra Reategui selbst zu ihrem neuen Roman „Der Grenadier und der stille Tod“? Wir haben der Autorin, die aus Karlsruhe stammt und in Köln lebt, drei Fragen gestellt.

Ihr Buch basiert auf einem realen Fall. 1771 wurde in Karlsruhe Catharina Würbsin als Kindsmörderin durch das Schwert hingerichtet. Wie sind Sie auf den Stoff gestoßen?

Vor einigen Jahren hatte ich für einen anderen historischen Kriminalroman („Weinbrenners Schatten“) über Karlsruhe recherchiert und bin dabei in der Literatur zufällig auf das Schicksal der Catharina Würbsin gestoßen. Doch ich vergaß die Geschichte wieder, weil sie für mich damals nicht relevant war. Aber Geschichten verschwinden nicht einfach. Sie verkriechen sich irgendwohin in einen Winkel des Gehirns und melden sich, wenn sie meinen, dass ihre Zeit gekommen ist. So hatte wohl auch der Fall der Catharina Würbsin in mir still vor sich hin gegärt. Vielleicht weil ich gelesen hatte, dass die Hinrichtung auf dem heutigen Gutenbergplatz stattgefunden habe, wo ich neun Jahre lang das Lessinggymnasium besuchte und dabei vielleicht täglich über die Stelle lief, an der das Schafott errichtet war. Wie dem auch sei, eines Tages „ploppte“ das Thema völlig unvermutet in mir wieder auf und wollte, dass ich etwas daraus mache.

Eine der Hauptfiguren, der Straßenfeger Ignatz, ist gehörlos. Wie ist es Ihnen gelungen, sich in seine stille Welt hineinzudenken?

Während ich mir überlegte, wie ich über das schwierige Thema Kindsmord in einem historischen Krimi schreiben könnte, stand die Figur plötzlich neben mir. Es war, als fühlte ich die Person. Erklären kann ich das nicht, aber ich kannte sofort ihren Namen und wusste, dass dieser Ignatz gehörlos war. Und: „Ich gehöre in dieses Buch“, bedeutete er mir energisch.

So fing ich an, mich mit Gehörlosigkeit und ihrer Geschichte zu befassen, suchte und fand Kontakt zu Gehörlosen und ihren Angehörigen und sprach mit Leuten, die mit Gehörlosen zu tun haben. Sie öffneten mir die Tür zu einer Welt, über die ich nie zuvor nachgedacht hatte. Doch ob es mir wirklich gelungen ist, in diese Stille einzutreten und sie nachzuempfinden, weiß ich nicht. Ich kann es nur hoffen. Es ist schwer, die eigene „laute“ Welt auszuschalten.

Beim Arbeiten am Manuskript fiel mir das immer wieder auf. Wie schreibt man denn „still“? Ohne die Geräusche einer Stadt zu schildern, das Läuten von Kirchenglocken, Vogelgezwitscher, die Rufe der Markthändlerinnen? Mit welchen Worten und Begriffen sollte ich Ignatz denken lassen, damit der Text „gehörlos“ bleibt und dennoch verständlich ist?

Ignatz hat mich regelrecht herausgefordert.

Ihr Buch ist mitten in der Coronakrise erschienen. Hätten Sie gerne auf bessere Zeiten gewartet – oder lesen die Menschen vielleicht gerade jetzt mehr Bücher als sonst?

Ich kenne keine Umfragen und will daher nicht spekulieren. Aber ich stelle mir vor, dass, wer gerne liest, in dieser Zeit wahrscheinlich noch mehr liest. Wer nie ein Buch zur Hand nimmt, wird es in einer Pandemie wahrscheinlich auch nicht tun. Oder vielleicht doch? Schön wäre es …

Persönlich freue ich mich einfach, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Emons Verlags es geschafft haben, trotz der schwierigen Bedingungen den Zeitplan der Veröffentlichung wie vorgesehen einzuhalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine großartige Leistung. Von Kollegen weiß ich, dass die Erscheinungsdaten ihrer Bücher teilweise verschoben werden mussten. Das tut weh.

Was ich natürlich bedauere (aber verstehe), ist, dass zurzeit keine Lesungen stattfinden und vorgemerkte Veranstaltungen selbst für 2021 abgesagt sind. Aber deswegen will ich nicht den Kopf in den Sand stecken. Ich habe mich in die Recherche für eine neue, wieder einmal unvermutet „hochgeploppte“ Geschichte gestürzt und wünsche mir ansonsten, dass die Leute massenhaft in die Buchhandlungen pilgern. Wegen all der tollen Bücher dort.

Die Fragen stellte Petra Pluwatsch

Petra Reategui: „Der Grenadier und der stille Tod“, Emons, 272 Seiten, 13 Euro. E-Book: 9,49 Euro.

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