Frisch mault, Handke schweigt und Beckett lacht: Suhrkamp feiert sein Jubiläum mit Texten von Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld

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Japanische Lese-Idylle: Siegfried Unseld hat das Land im Jahre 1985 besucht. Am Ende hält er fest:  „Eine Reise, die ihre Mühe wert war.“ Foto: Bücheratlas

„Die Arbeit eines Verlegers“, sagte Peter Suhrkamp (1891-1959) im Jahre 1954, „steht im Dienste der Gesittung.“ Damit meinte er „ein bestimmtes geistiges Lebensniveau“, wie es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts geherrscht und an dem es in der „schwarze(n) Zeit“ des Nationalsozialismus gemangelt habe. Der Verlag, den Peter Suhrkamp am 1. Juli ins Handelsregister in Frankfurt am Main eintragen ließ, hat dann tatsächlich das intellektuelle Klima in der Bundesrepublik erheblich gefördert – das lässt sich nach 70 Jahren mit Sicherheit sagen. Siegfried Unseld (1924-2002), der nach dem Tod Peter Suhrkamps im Jahre 1959 die Leitung übernahm, hat das Haus zur feinsten Verlagsadresse der alten Bundesrepublik gemacht.

Beide Verleger kommen nun anlässlich des Jubiläums mit einem je eigenen Band zu Wort. Dass diese Veröffentlichungen noch vom legendären und vor wenigen Wochen verstorbenen Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger (1951-2020) betreut und mit Nachworten versehen worden sind, steigert ihren Denkmal-Charakter zusätzlich.

„Der Marschschritt eines Volkes“

„Über das Verhalten in der Gefahr“ versammelt Texte von Peter Suhrkamp aus den Jahren  1919 bis 1957. Den Auftakt macht eine religiöse Reflexion über Paul Claudels „Die Verkündigung“, den Abschluss bildet eine Verteidigung Bertolt Brechts – dessen späte Lyrik hatte der deutsche Außenminister Heinrich von Brentano im Bonner Bundestag auf eine Stufe mit dem Horst-Wessel-Lied der Nazis gestellt.

Die schöne, mit goldenem Lesebändchen ausgestattete Ausgabe bezeugt Suhrkamps skeptischen Blick auf seine Zeit.  Er ist geprägt von der frühen Jugendbewegung und den traumatischen Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg (an dessen Ende  er „Kompanieführer einer Sturmkompanie“ ist). Als Adolf Hitler an die Macht kommt, schreibt er im März 1933: „Der Marschschritt eines Volkes, wenn es einmal marschiert, stampft in derben, ehernen Stiefeln.“

Im Nazi-Deutschland übernimmt er die Leitung des S. Fischer Verlags und hält den Kontakt zu Autoren, die als unerwünscht gelten. Er schreibt im Jahre 1939, in dem der Zweite Weltkrieg ausbricht: „Wer ins Leben Vertrauen hat, der wird sich in Gefahr richtig verhalten, und er hat Aussicht, jede Gefahr zu bestehen. Vertrauen ins Leben ist eine teuer erkaufte Erfahrung, die auf Wissen beruht, Wissen sowohl durch den Geist wie durch das Gefühl.“ Mag sein, dass dem Norddeutschen diese Erkenntnis hilfreich war, als er wegen angeblichen Hoch- und Landesverrats ins Konzentrationslager kam, unter anderem nach Ravensbrück und Sachsenhausen.

Nie wird Suhrkamp müde, so scheint es, die Literatur zu preisen. Sie weite den Blick, sie biete Lehren – das war sein Credo. Daher bemühte er sich gleich nach Kriegsende, den S. Fischer Verlag fortzuführen. Schon am 4. Oktober 1945 erhielt er als erster deutscher Verleger von der britischen Besatzungsmacht Berlin die Lizenz dazu. Nach Auseinandersetzungen mit Samuel Fischers Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer, so steht es im Nachwort, kam es zum Vergleich – und zur Neugründung des Suhrkamp-Verlags vor 70 Jahren. Unter den Autoren, die Suhrkamp folgten, waren Hesse und Brecht, Frisch und Shaw.

So zurückgelehnt dieses Essay-Sammlung anmutet, so vorgebeugt wirken die Reiseberichte von Siegfried Unseld: Heute hier und morgen dort. Die Protokolle seiner Dienstreisen – die ihn zumal zu Autoren führten – sollten die leitenden Angestellten über den Gang der Dinge informieren. Später, so steht es im Nachwort zu dieser Auswahl aus 1500 Berichten, waren sie wohl auch als Bausteine für eine Autobiografie verfasst worden.

„There will be an end“

Schon die diversen Briefwechsel des Verlegers mit seinen prominenten Autoren, die in der Vergangenheit veröffentlicht worden sind, haben herrliche Einblicke in die Mühen der Verlagsarbeit und die Kapriolen der Autorinnen und Autoren gewährt. Von beidem gibt es auch in den Reiseberichten jede Menge. Da geht es um den  Übertritt von Uwe Johnson, der im Verlag unter dem Pseudonym Joachim Catt geführt wird, aus der DDR in die Bundesrepublik. Oder um das Öffnen des Schreibtischs von Hermann Hesse, wenige Tage nach dessen Beerdigung und gemeinsam mit der Witwe. Wolfgang Koeppen verspricht abermals die alsbaldige Ablieferung eines Manuskripts und ist ansonsten „völlig abgebrannt“. Barbara Brecht liegt im Bett,  „mit leichtem, durchsichtigem Nachtgewand“, gegen eine Gelbsucht ankämpfend. Und Peter Handke schweigt sich aus beim Mittagessen im Pariser Restaurant mit Samuel Beckett und dem gemeinsamen Verleger.  Unseld meint: „Das geht eben nicht.“ Lohnend auch die schlaglichtartigen Einblicke in fremde Länder – sei es die DDR, Israel oder das ihn sehr beeindruckende Japan, dessen viele Eigenheiten er getreulich notiert.

Die bewegendste Szene des Buches handelt von Unselds letztem Besuch bei Samuel Beckett im Mai 1989. Der Nobelpreisträger lebt zu jenem Zeitpunkt in einer dunklen Höhle in Paris, in der Rue Rémy Dumoncel 26.  Eine Pritsche, ein wackeliger Tisch, drei Stühle, ein flimmernder Bildschirm, ein Bücherregal und „in der Ecke ein Atmungsgerät“.  Ein Bühnenbild für ein Beckett-Drama, möchte man meinen. Der Autor war aus seiner Wohnung ausgezogen, um seine schwerkranke Frau, sagt er, nicht auch noch mit seiner Hinfälligkeit zu belasten. Er habe alles, was er brauche. Als Unseld seine neue Frau Ulla Berkéwicz, die in einem nahgelegenen Café wartet, auf Becketts Wunsch hinzuholt, bricht sie beim Anblick des verehrten Dichters in dieser „Nicht-Umgebung“ in Tränen aus. Beckett lacht: „Look, Siegfried, she is crying.“ Weinen und Lachen – es sei wie in einem Beckett-Stück gewesen, schreibt Unseld. Beim Abschied sagt der Schriftsteller, dass man sich wohl nicht wiedersehen werde: „There will be an end“. Beckett stirbt am 22. Dezember desselben Jahres.

Arbeit statt Liebe

Dann noch dies: Einmal ist Unseld drauf und dran gewesen, so diktiert er es ins Aufnahmegerät, das Handtuch zu schmeißen. Es war weder Peter Handke noch Thomas Bernhard, der ihn ins Tal der Resignation getrieben hatte, sondern Max Frisch. Zu dessen 60. Geburtstag war Unseld 1971 eigens nach New York geflogen. Doch dann warf der Autor seinem Verleger vor, dass er mit leeren Händen gekommen sei und ihn beim gemeinsamen Essen nicht „gefeiert“ habe.

Bis dahin, so Siegfried Unseld, habe er darauf gebaut, dass Freundschaft zwischen einem Autor und einem Verleger möglich sei. Aber das sei wohl nicht der Fall. Es könne in einer solchen Beziehung nicht um Liebe gehen, nur um Arbeit.

Der Band ist eine bunt gefüllte Fundgrube. Gerne läse man noch mehr von diesen Reiseberichten. Auch von Besuchen bei Martin Walser, dem besonders engen Vertrauten, der nach dem Tod Siegfried Unselds den Verlag gewechselt hat. Aber womöglich müssen wir da aufs nächste Jubiläum in fünf Jahren warten. Fürs erste gilt: Wer nur ein zartes Interesse an der deutschsprachigen Literatur hat, wird hier viele Stimulanzien finden, die Beschäftigung zu intensivieren. Wer hingegen ein starkes Interesse an diesem Thema hat, wird auf die Lektüre nicht verzichten wollen.

Martin Oehlen

Peter Suhrkamp: „Über das Verhalten in der Gefahr“, hrsg. von Raimund Fellinger und Jonathan Landgrebe, Suhrkamp, 420 Seiten, 30 Euro. E-Book: 25,99 Euro.

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Siegfried Unseld: „Reiseberichte“, hrsg. von Raimund Fellinger, Suhrkamp, 380 Seiten, 26 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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