Ein Fall für Cineasten und Versefans: Poesiefilme der Kunsthochschule für Medien in Wort und Bild

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Luisa Strickers Kurzfilm „Rahmen Dezentral“ (2018) basiert auf dem Gedicht „Kreuzungen“ von Kathrin Bach. Foto: KHM/Lilienfeld/Stricker

Das Experiment kann sich nicht nur sehen lassen. Man kann es auch nachlesen. Ein schmaler Band dokumentiert ein originelles Projekt der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Darin geht es um 22 Filme, die zwischen 2013 und 2019 an der Kunsthochschule entstanden sind und die ihren Ausgangspunkt in den Gedichten zeitgenössischer Autoren haben. Und so schmal der Band auch daherkommt, so vollgepackt ist er mit Inhalt. Denn es finden sich hier nicht nur die Gedichte sowie die Hinweise auf die daraus resultierenden Filme und die Reaktionen der Lyriker auf eben diese Filme. Auch sind die Kurzfilme per QR-Code, den es im Buch gibt, auf einem Vimeo-Kanal zu sehen.

Andreas Altenhoff, der das Projekt „poetry/film“ an der KHM leitet, verweist auf „die Autonomie der korrespondierenden Teile“, also auf die Unabhängigkeit von Wort und Bild. Alles ist möglich. Das ist einerseits reizvoll. Das birgt andererseits das Risiko der Beliebigkeit. Klar ist, dass es in den Filmen keinesfalls um eine platte Illustration der Gedichte gehen soll. Daran halten sich die Studenten: Ihre filmischen Reaktionen bieten ein weites Spektrum an Plots und Bildfindungen. Die Gedichte werden dabei mal nah, mal weit und mal in der Ferne kaum noch erkennbar umkreist.

Auch die Autorinnen und Autoren haben die Spuren ihrer Gedichte nicht immer gefunden. Gleichwohl sind ihre Reaktionen auf die Filme durchweg wohlwollend – und formal so unterschiedlich wie die Arbeiten der Studierenden. „Der Film, den ich nun sehe, arbeitet mit Bildern, die an keiner Stelle in meinem Text auftauchen.“ schreibt Kathrin Bach, deren Gedicht „Kreuzungen“ für Luisa Stricker der Ausgangspunkt zu dem siebenminütigen Beitrag „Rahmen Dezentral“ war. Bach fasst zusammen: „Ich bin fasziniert.“

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„Starring Helen of Troy“ ist ein Kurzfilm von Miriam Gossing und Stefani Glauber, der auf dem Gedicht „Flattermann“ von Julia Trompeter basiert. Integriert ist darin auch diese Szene aus dem  Stummfilm „Helena“ (1924). Foto: KHM/Lilienfeld/Gossing und Glauber

Eine ähnliche Erfahrung hat Julia Trompeter gemacht. Über „Starring Helen of Troy“ von Miriam Gossing und Stefani Glauber, eine amüsante Komposition aus diversen Troja-Verfilmungen, sagt sie: „Was macht den Film aus? Zunächst einmal steht und wirkt er, wie jedes gute Kunstwerk, für sich selbst. Mein Gedicht ‚Flattermann‘ bietet ihm den Anlass, seine Inspiration jedoch zieht er aus anderem.“ Immerhin – die Vokabeln „Mythos“ und „Troja“ kommen im „Flattermann“-Gedicht vor.

Ja, der Film ist etwas anderes, etwas Neues – sonst wär’s ja keine Kunst.  Das gilt für die trojanische Helena wie in allen anderen Fällen. So liegt der Reiz des Projekts darin, die wundersamen Folgen eines Gedichts zu entdecken. Dass Literatur bei jedem Leser sehr individuelle Empfindungen, Bilder und Assoziationen auslöst, ist wahrlich keine Neuigkeit. Allerdings wird diese Gewissheit hier auf attraktive Weise vor Augen geführt. Eine Spezialität ist dieses Buch auf jeden Fall für Cineasten und Literaristas. Reizvoll vor allem für eingefleischte Fans des künstlerischen Dialogs – Unterabteilung „poetry/film“.

Der Band erscheint in der Schriftenreihe der Kunststiftung NRW, die dieses Poesiefilm-Projekt an der KHM gefördert hat (auf Anregung des Schriftstellers und KHM-Absolventen Gunther Geltinger, wie zu lesen ist). Die Gedichte und Resonanzen liefern Kathrin Bach, Dominik Dombrowski, Marius Hulpe, Adrian Kasnitz, Sina Klein, Marie T. Martin, Simone Scharbert, Bastian Schneider, Julia Trompeter und Christoph Wenzel. Die Filme stammen von Ronida Alsino, Quimu Casalprim, Florian Dedek, Marie-Claire Delarber, Lisa Domin, Michel Dulisch, Laura Engelhardt, Deren Ercenk, Stefani Glauber, Miriam Gossing, Semih Korhan Güner, Mo Jäger, Maren Kessler, Julia König, Svenja Kretschmer, Danila Lipatov, Leri Matehha, Hamed Mohammadi, Julian Pache, Hannah-Lisa Paul, Julian Pawelzik, Judith Röder, Bazon Rosengarth, Lia Sáile, Sophie Salzer, Luisa Stricker.

Martin Oehlen

Andreas Altenhoff und Sonja Hofmann (Hrsg.): „poetry/film – Gedichte, Filme, Resonanzen“, Lilienfeld Verlag, 124 Seiten, 16 Euro.

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