Der Tatortreiniger des Königs: Hilary Mantel beschließt ihre triumphale Trilogie über Thomas Cromwell

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Thomas Cromwell war zwar nicht Hausherr in Windsor Castle, hatte dort aber viel zu sagen. Foto: Bücheratlas

„Der Schmerz ist durchdringend, ein wilder Stich, ein Reißen, ein Pulsieren. Er schmeckt seinen Tod, langsam, metallisch, noch nicht ganz da.“ Eine, vielleicht zwei Sekunden später ist Thomas Cromwell, Earl of Essex und Lordsiegelbewahrer Heinrichs VIII., tot. „Der Boden unter ihm hebt sich. Der Fluss reißt an ihm. Von einem Pulsschlag zum nächsten treibt er hinaus auf den Purpur seines inneren Meeres.“

2400 Seiten bis zum Schafott

Mehr als 2400 Seiten, verteilt auf drei Bände, benötigt Hilary Mantel, um ihren Protagonisten durch die Axt eines englischen Henkers zu Tode zu bringen. 2009 startete Großbritanniens bekannteste Historienschreiberin ihre mehrfach preisgekrönte Trilogie mit dem Band „Wölfe“. Dafür bekam sie den Booker Prize.  2012 folgte „Falken“. Auch für diesen Band wurde sie mit dem begehrten Literaturpreis ausgezeichnet. Und nun also „Spiegel und Licht“, der dritte und unwiderruflich letzte Teil der Cromwell-Erfolgsserie: Ein Buch von mehr als 1000 Seiten und so üppig, so detailverliebt und so lebendig geschrieben, dass man sich viel Zeit nehmen sollte für die Lektüre. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive Cromwells, was ihr einen zusätzlichen Reiz verleiht.

Sicher, Hilary Mantel ist nicht die erste, die sich mit dem wohl am meisten gehassten Mann der englischen Geschichte auseinandersetzt. Doch im Gegensatz zu anderen Autoren und erst recht zu Cromwells Zeitgenossen entwickelt sie durchaus Sympathien für den Underdog aus dem wenig feinen Örtchen Putney. Sie schere sich nicht um die „Vorurteile, Informationen, Desinformationen, die unter populärwissenschaftlichen Historikern, Schriftstellern, Dramatikern von Generation zu Generation weitergegeben wurden“, erklärt sie 2015 während einer Diskussion in der British Academy. „Ein Schriftsteller versucht, die Tafel sauber zu wischen und zu sagen: Du kennst diesen Mann nicht, aber du wirst ihn kennenlernen.“

Bei Hof rümpft man die Nase

Schon zu seinen Lebzeiten hatte Cromwell, um 1485 als Sohn eines Schmieds geboren, einen Ruf wie Donnerhall. In Zeiten fest zementierter sozialer Strukturen arbeitet er sich mit Intelligenz, Chuzpe und Glück hoch in die obersten Kreise der englischen Gesellschaft. Bei Hof rümpft man die Nase über den Mann ohne Skrupel, der sich für nichts zu schade ist. Hauptsache, so sagt man, es diene seiner Karriere.

Für König Heinrich VIII. ist Cromwell der Ausputzer, der Tatortreiniger, einer, der die Drecksarbeit für ihn erledigt und ihm zwei lästige Ehefrauen vom Hals schafft. Heinrichs langjährige Ehe mit Katharina von Aragon wird für ungültig erklärt, die gemeinsame Tochter Mary zum Bastard abgestempelt. Katharinas Nachfolgerin Anne Boleyn, schuldig, dem König keinen Sohn und Thronfolger geboren zu haben, endet auf dem Schafott. Cromwell hatte zuvor genügend Beweise geliefert, um die unbeliebte Königin des mehrfachen Ehebruchs und des Inzests mit dem eigenen Bruder zu überführen. Auch Annes angebliche Liebhaber, praktischerweise alte Widersacher Cromwells, werden hingerichtet. All das ist nachzulesen in den ersten beiden Bänden der Reihe.

Gleichzeitig ist Cromwell ein gewiefter Politiker und kluger Ratgeber für einen König, der seit seinem 18. Lebensjahr auf dem Thron sitzt und trunken ist von seiner eigenen Großartigkeit.  Der Mann aus der Provinz glaubt, besser als jeder andere zu wissen, wie dieser Egomane tickt – und welche politischen Freiheiten ihm, Cromwell, dieses Wissen beschert. „Fürsten sind nicht wie andere“, philosophiert er in „Spiegel und Licht“. „Sie müssen sich vor sich selbst verstecken, oder sie würden vom eigenen Glanz geblendet. Wenn du das erst begriffen hast, kannst du anfangen, jene gesichtswahrenden Barrieren zu errichten. Wände, hinter denen sich Korrekturen vornehmen lassen, Ecken zum Rückzug, offene Räume, in denen sich kehrtmachen und alles auf den Kopf stellen lässt.“ Ein Fürst, so Cromwells Fazit, sei „halb Gott, halb Tier“.  Seine Berater müssten daher bereit sein, „die schlechteren Menschen zu sein, damit er der bessere ist“. Cromwell ist dazu bereit.

„Wer höher aufsteigt, als er sollte, fällt tiefer“

Indes erweist sich in Band drei, dass ihm all dieses Wissen nichts nützt: Auch – oder gerade – ein Mann wie Cromwell, aus dem Nichts in den Adelsstand erhoben, Schatzkanzler, Verwahrer der Kronjuwelen, Sekretär und Stellvertreter des Königs als Oberhaupt der Kirche von England, kann ins Bodenlose fallen. Die Schar seiner Neider ist groß, in den Reihen des Hochadels wächst der Widerstand gegen die rechte Hand des Königs.  „Wer höher aufsteigt als er sollte, fällt tiefer, als er es sonst würde“, warnt ihn Margarete Pole, Gräfin von Salisbury und die Nichte Edwards IV. „Wer sind Sie?“, schleudert sie ihm entgegen. „Ein einzelner Mann. Wer folgt Ihnen? Nur Aaskrähen und Leichenfresser. Bleiben Sie nicht stehen, oder sie fressen Sie bei lebendigem Leibe.“

Cromwells Feinde streuen das Gerücht, er habe die Absicht, Heinrichs Tochter Mary zu heiraten und den König vom Thron zu drängen. Seine rein platonischen Gefühle für die blasse, zur Verbissenheit neigende junge Frau drohen dem Mittfünfziger zum Verhängnis zu werden. Ein politischer Coup bringt ihn weiter in Misskredit beim König. Cromwell fädelt eine vierte Ehe für Heinrich ein, doch dem gefällt die Braut aus Deutschland nicht, und er lässt die Ehe mit Anna von Kleve ein halbes Jahr nach der Hochzeit für ungültig erklären.

„Der König hat Angst vor Ihnen“, analysiert einer von Cromwells Anklägern dessen Hauptproblem. „Sie sind über ihn hinausgewachsen, über das, was irgendein Diener oder Untertan sein sollte.“ Die Liste von Cromwells angeblichen Verfehlungen ist lang, die Mehrzahl der Vorwürfe lächerlich. Sein „unmäßiger, gottloser Stolz“, seine farbige Kleidung und seine Art zu reden haben angeblich bei Hofe Anstoß erregt. „Wie Sie sich in den Vordergrund stellen. Die Rede des Königs unterbrechen. Botschafter verachten, die Gesandten großer Könige.“ Hier wird mit dem Hochmut der von Geburt an Privilegierten zu Gericht gesessen über einen Mann, der sich zu weit vorgewagt hat. Der glaubt, ungestraft   gesellschaftliche Schranken durchbrechen zu dürfen. Und der viel zu spät erkennt, wie sehr er sich doch geirrt hat.

Widerspruch verlängert nur den Schmerz

Hilary Mantels Verdienst ist es, der historischen Figur ein Gesicht, eine Stimme und ein Gewissen gegeben zu haben. Auch in ihren drei Romanen ist Cromwell ein von Ehrgeiz und Machtbewusstsein bestimmter Staatsmann.  „Wenn Thomas Cromwell sagt: Du warst es, dann warst du es“, lehrt der seine Gegner. „Es hat keinen Sinn zu widersprechen, das verlängert nur den Schmerz.“  Das ist alles andere als sympathisch.

Doch Hilary Mantel schaut auch in das Herz dieses Mannes, und das hat vor ihr noch niemand getan. „Ich muss den inneren Menschen darstellen“, sagt sie während der Diskussion in der British Academy. „Die Welt der nahezu unbewussten Motive, den Cromwell, den Cromwell nicht kennt, weil er wie wir alle das ist, was er war, was er im Augenblick ist und was er hofft zu sein.“

So sehen wir einen Mann, der um den Tod von Frau und Kind trauert und Mitgefühl zeigt mit Heinrichs Tochter Mary. Lakonisch kommentiert er die Ränkespiele seiner politischen Konkurrenten und das Gockelgetue seines obersten Dienstherrn.

Dieser Thomas Cromwell ist sich durchaus bewusst, dass er eine Rolle spielt, einem Schauspieler gleich, der sein wahres Ich unter einem Kostüm versteckt. „Wenn du dich über dein Glück wunderst, solltest du das im Geheimen tun, dich nie von anderen dabei beobachten lassen. Wenn du Lordsiegelbewahrer bist, musst du mit feierlicher Haltung umherschreiten und wie von Gott gewählt wirken.“

Eine starke Geschichte, ein großer Roman.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

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Wer nun dieses Werk (oder ein anderes) erwerben will, der ist beim lokalen Buchhändler bestens aufgehoben. Nicht vergessen – sehr viele Buchhändlerinnen und Buchhändler bieten ihre Titel online an und liefern frei Haus. Der deutsche Buchhandel ist einzigartig – das soll er auch bleiben.

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Hilary Mantel: „Spiegel und Licht“, dt. von Werner Löcher-Lawrence, 1104 Seiten, 32 Euro. E-Book: 25,99 Euro.

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