Zwei Weltpremieren im Literaturhaus Köln: Jacques Offenbach auf der Suche nach acht Takten

Offenbach2 (2)

Tilman Strasser (links) und Joachim Geil im Kölner Literaturhaus Foto: Bücheratlas

Zwei Weltpremieren und eine Wiederentdeckung nach rund 150 Jahren – viel mehr kann man nicht erwarten beim Besuch einer literarischen Veranstaltung. Das Kölner Literaturhaus hatte zusammen mit der Kölner Offenbach-Gesellschaft zu diesem exklusiven Abend zu Ehren von Jacques Offenbach (1819 – 1880) geladen. Der Komponist ist vor 200 Jahren in derselben Straße geboren worden, in der damals ein Brauhaus stand, worin sich heute das Literaturhaus befindet. Allerdings ist mittlerweile der Große Griechenmarkt 1, wo die Familie Offenbach wohnte, und der Große Griechenmarkt 39, wo es ums Literarische geht, durch die Schneise der Nord-Süd-Fahrt getrennt.

Die Kölner Autoren Joachim Geil und Tilman Strasser hatten sich auf das „Abenteuer“ eingelassen, jeweils einen halbstündigen Text zu verfassen, für den es nur diese eine inhaltliche Vorgabe gab: „Jacques Offenbach“. Eine Herausforderung, eine Verlockung. Das Literaturhaus, das gemeinhin der bereits veröffentlichten Literatur ein Forum bietet, hat hier selbst Literatur ermöglicht. Was für ein Glück.

Offenbach3 (2)

Die Cellisten Davit Melkonyan (von links) und Christoph Coin und die Schriftsteller Joachim Geil und Tilman Strasser Foto: Bücheratlas

Doch bevor von Offenbach die Rede war, konnte Thomas Höft vom Vorstand der Offenbach-Gesellschaft eine Wiederentdeckung anpreisen. So sind jüngst einige Cello-Duette des Jubilars ans Tageslicht gespült worden. Es handelt sich um eine Art von Salonmusik, die mutmaßlich Ende der 1840er Jahre entstanden ist. Die Cellisten Davit Melkonyan und Christoph Coin, die diese Wiederentdeckungen derzeit beim Deutschlandfunk einspielen, rahmten die Lesungen mit drei Sätzen auf heitere wie behagliche Weise.

Tilman Strasser und Joachim Geil lieferten sodann witzig-nachdenkliche, durchaus musikalisch schwingende, jeweils souverän vorgetragene Annäherungen an Jacques Offenbach. Zunächst imaginierte Strasser einen Besuch des in Paris zu Ruhm gelangten Künstlers in seiner Heimatstadt, bei dem er so manches „Ah“ und „Ach“ und „Oh“ und „Puh“ und „Uh“ zum Besten gibt (die Schwester steuert dann noch ein „Uff“ und „Hui“ bei). Dieser Jakob-Köbes-Jacques ist in Köln auf der Suche nach acht Takten, die er in seiner Kindheit vernommen hat und die er rund um sein Geburtshaus wiederzufinden hofft. Seine Mutter soll ihn mit dieser Walzermelodie in den Schlaf gesungen oder gesummt haben. Offenbachs sentimentale Expedition mündet schließlich in einen Dialog mit einer Katze. Eine amüsante Zeitreise mit einigen Kalauern und sanften Seitenhieben auf die Gegenwart.

Die Walzer-Suche, die in den offiziellen Offenbach-Biografien erwähnt wird und in Verbindung gebracht wird mit einer Komposition von Rudolf Zimmer, taucht auch in dem Text von Joachim Geil auf. Sein Titel. „Die närrische Wendigkeit der Bachstelzen“. Geil schildert darin zum einen seine Vorbereitung auf die nun gerade stattfindende Lesung, wobei ebenso von einer widerspenstigen Haarsträhne die Rede ist wie von Stella und Fabian, die per Textnachricht ihre Teilnahme absagen. Vor allem aber blickt Geil auf das Jahr 1819, das Anlass ist für die Offenbach-Gedenkfeier, wenngleich der Knabe da noch keine Note geschrieben hatte, woran Geil vorweg erinnerte. So richtet sich sein Interesse vor allem auf den Vater Isaaac Juda Eberts, der in Köln als Kantor tätig war und seinen Nachnamen hatte ändern müssen. Geil ist jener Jahrgang vertraut durch ein größeres Werk, an dem er gerade arbeitet. Bei seiner Offenbachiade ist nicht nur vom beschwingten Musizieren die Rede, vom „dideldum-dideldum-dideldum“, sondern auch vom „hep-hep“ der Antisemiten. Der Sommer von 1819 war nicht nur heiß, sondern auch hitzig.

Strasser und Geil boten zwei Schlaglichter auf einen Künstler und seine Zeit, die gleichermaßen anregend, unterhaltsam und informativ waren. So sollten Weltpremieren immer sein.

Martin Oehlen

Auszüge aus den beiden Texten

sollen im Dezember im Magazin „Jacques“, das von den Veranstaltern des Offenbach-Jahres angeboten wird, erscheinen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s