Das war’s mit Heisei bungaku: Japanische Literatur von 1989 bis 2019

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Das Japanische Kulturinstitut in Köln ist eine feine Adresse der Kulturvermittlung. Foto: Bücher

Japan blickt auf eine Ära zurück: Mit der Abdankung von Kaiser Akihito in diesem Jahr endete die Heisei-Zeit, die mit seinem Amtsantritt im Jahre 1989 begonnen hatte. Aus diesem Anlass warf jetzt der Japanologe Christian Chappelow von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main einen Blick auf die Literatur der letzten 30 Jahre – auf die „Heisei bungaku“. Als Fachmann weist ihn ein einschlägiges Forschungsprojekt aus, dem soeben die Publikation „Heisei – 1989-2019“ im Magazin-Format erwachsen ist.

Allerdings sind die Erwartungen, die mit seinem Vortrag im Japanischen Kulturinstitut in Köln verbunden waren, nicht alle eingelöst worden. Denn was spezifisch für die Heisei-Literatur sei, wurde nicht benannt. Das könne man (noch) nicht sagen, meinte der Referent. Für Eindeutigkeit sei es zu früh. Stattdessen gab es zahlreiche Hinweise, welche Themen eine Rolle in der jüngsten japanischen Literatur gespielt haben. Namentlich erwähnt wurde die dreifache Katastrophe von Fukushima aus dem Jahre 2011 – das Erdbeben, der Tsunami und das Reaktor-Desaster. Aber auch solche Felder, die allüberall eine Rolle spielen, haben Japans Autorinnen und Autoren beschäftigt – Ökologie, Digitalisierung, Zeitenwandel.

Immerhin – mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Kenzaburo Oe, da legte sich Chappelow fest, war die moderne japanische Literatur im Jahre 1994 auf der Weltbühne etabliert. Denn der erste Literaturnobelpreis für einen Japaner – 1968 an Kawabata Yasunari – galt noch der gesamten japanische Literatur-Tradition. Kenzaburo Oe hingegen wurde ausdrücklich für sein Werk geehrt, in dem der Pazifismus eine wichtige Rolle spiele. Seine Texte und Taten seien bis zum heutigen Tage von der Nachkriegszeit geprägt, woraus sich ergebe, dass die Heisei-Zeit nicht isoliert betrachtet werden könne.

Das zeige sich auch daran, dass Oe in den Jahren 2005 bis 2008 in einen Streitfall vor dem Obersten Gerichtshof gezogen wurde. Dem Autor und seinem Verlag Iwanami Shoten war vorgeworfen worden, in dem Buch „Okinawa Notes“ von 1970 Grausamkeiten japanischer Soldaten zum Ende des Zweiten Weltkriegs nicht historisch akkurat dargestellt zu haben. Kenzaburo Oe hat diesen Prozess gewonnen.

Die Zahl der Übersetzungen von Werken aus der Heisei-Zeit ins Deutsche sei immer noch „sehr gering“, meint Chappelow. Gleichwohl – seine „Literatenlandkarte“ von 2017 zeigt Haruki Murakami im Zentrum aller Aufmerksamkeit, und dieser Autor ist weltweit vertreten, auch im deutschsprachigen Raum dank des DuMont Buchverlags. Aktuell befinde sich Murakami immer noch im Zentrum der Karte, meinte Chappelow, gleichwohl sei er wenig zur Seite gedrängt worden von Sayaka Murata, deren Roman „Die Ladenhüterin“ ein Welterfolg ist. Auf Deutsch ist das herrlich bizarre Werk bei Aufbau erschienen. In beiden Autoren-Fällen stammen die Übersetzungen von Ursula Gräfe, die demnächst im Japanischen Literaturinstitut in Köln auftreten wird.

Die Heisei-Zeit steht für manche Innovation im Literaturbetrieb. So gibt es jetzt auch einen Twitter-Literaturpreis und einen Preis für Handyromane. Sie hat aber auch die Tradition gepflegt.

So ruft der Kaiser zu jedem Neujahr einen Gedichtwettbewerb aus, der immer einem anderen Begriff gilt. Das Thema für 2019: „Licht“. Tausende Gedichte wurden abermals eingereicht. Der Kronprinz und der Kaiser machten ebenfalls mit. Das Waka-Gedicht, der traditionelle japanische Fünfzeiler, des Noch-Kronprinzen deutete auf den Weg zum Kaisertum hin: „Ich wurde geleitet/ Von einem Licht,/ Das durch die Wolken drang./ Auf dem Weg zum Gipfel des Kinpu.“ Und der scheidende Kaiser, so erläuterte es Chappelow, erinnerte in seinem Waka an ein Mädchen, das ihm nach der Katastrophe von Fukushima Samenkörner geschenkt hatte: „Die Sonnenblumensamen,/ Die ich erhielt,/ Blühen in voller Pracht./ Ihre Blätter öffnen sich/ Zum Licht des frühen Sommers.“

Martin Oehlen

Eine Doppel-Veranstaltung mit Ursula Gräfe,

der großartigen Übersetzerin aus dem Japanischen, bietet das Japanische Kulturinstitut in Köln am 7. Dezember. Um 12.40 Uhr spricht Ursula Gräfe über Haruki Murakamis Sprache, um 14.40 Uhr folgt eine kurzer Übersetzungs-Workshop.

Ein Interview mit Ursula Gräfe gibt es HIER.

Eine Besprechung zum jüngsten Roman von Haruki Murakami gibt es HIER.

Eine Besprechung zum jüngsten Roman von Sayaka Murata findet sich unter https://www.fr.de/kultur/literatur/glueck-raedchen-sein-11007920.html

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