Der Kriminalroman ist längst reif fürs Hauptseminar – Ein Blick auf das Renommee des Genres

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Was liest denn Albertus Magnus gerade? Er schweigt. Aber hinter seinem Rücken – das wissen wir – geht es an der Kölner Universität auch schon mal um Kriminalromane. Foto: Bücheratlas

Zwölf Uhr mittags in Hörsaal 7a der Kölner Universität. Im Hauptseminar von Prof. Christof Hamann werden Kriminalromane besprochen: Glauser und Fauser, Dürrenmatt und Ani. „Kriminalliteratur von der Weimarer Republik bis zur Gegenwart“ heißt die Seminarreihe der Philosophischen Fakultät. Der Kriminalroman eine triviale Gattung? Davon könne keine Rede mehr sein, versichert Hamann. Für den 53-Jährigen, der auch Gedichte und Balladen in seine literarische Spurensuche einbezieht, ist es bereits das fünfte Seminar zum Thema Verbrechensliteratur. Ihn interessiere, „wie Verbrechen zu unterschiedlichen Zeiten in der Literatur verhandelt wurden“, sagt er. Die Rolle des Zeugen ist in seinen stets vollbesetzten Seminaren ebenso ein Thema wie der Umgang mit Straftaten in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen.

Auch an anderen Universitäten in NRW stehen Krimis längst nicht mehr im Abseits, sondern werden als ernstzunehmende Literatur anerkannt. Die Universität Münster bietet im Wintersemester 2019/20 ein Seminar zum „Kriminalroman im 20. Jahrhundert“ an. Die Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn verpflichtete bereits 2008 die Krimiautorin und promovierte Germanistin Judith Merchant als Dozentin. Seitdem referiert die zweifache Friedrich-Glauser-Preisträgerin regelmäßig zwei Stunden in der Woche über „Die Kriminalgeschichte in Theorie und Praxis“.

Volker Kutscher begrüßt die Wertschätzung, die das einst verpönte Genre inzwischen von akademischer Seite erfährt. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg gebe es eine zunehmende Anzahl von literarisch anspruchsvollen Kriminalromanen, erklärt sich der Kölner Autor die Aufgeschlossenheit der Germanisten gegenüber den Klassikern der Kriminalliteratur. „Vielleicht nach dem Motto: wenn jemand wie Dürrenmatt Kriminalromane schreibt, kann man nicht das gesamte Genre als Trivialliteratur abtun.“ Kutscher war bereits vor einigen Jahren zu Gast in Hamanns Seminar. Seine Gereon-Rath-Reihe, angesiedelt im Berlin der 1930er Jahre, wurde mehrfach ausgezeichnet und von Tom Tykwer unter dem Titel „Babylon Berlin“ für das deutsche Fernsehen verfilmt.

Selbst Verlage, die noch vor wenigen Jahren einen Bogen um Krimis machten, setzen inzwischen auf die Zugkraft des Genres. „Auch ein literarischer Verlag darf Spannung machen“, sagt Annette Weber, Programmleiterin Belletristik beim DuMont Buchverlag. Sie selber, gibt sie zu, habe früher Schwierigkeiten mit Krimis gehabt. „Dass dieses Genre auch literarische Seiten hat, ist für mich lange in der Flut jährlicher Neuerscheinungen untergegangen.“ Masse statt Klasse – nicht nur sie beklagt, dass es zu vielen Krimis an Niveau fehle. Der DuMont Buchverlag setzt daher auf Spannungsliteratur mit Anspruch. Autoren wie Oliver Bottini oder die Engländerin Jess Kidd garantieren eine gute Story und sprachliche Qualität. „Nicht zu viele Tote und zu viel Blut“, definiert Annette Weber ihre Maßstäbe. „Mich interessieren Bücher mit gesellschaftlichem Background, die erzählen, welche Umstände zu einer Tat geführt haben.“

Für den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch sind Krimis längst zu einem „zweiten Standbein“ geworden. „Sie finanzieren unsere kleineren literarischen Auflagen“, sagt Pressesprecherin Gudrun Fähndrich. Zum Angebot gehörten „Solitäre“ mit hohem literarischem Anspruch wie die Bücher von Wolfgang Schorlau oder Kutscher, dessen erste Romane bei KiWi erschienen, aber auch Krimis, bei denen vor allem der „Wohlfühlfaktor“ für den Leser zähle. „Wir versuchen, immer etwas Besonderes zu machen.“

Hejo Emons, Gründer des Kölner Emons-Verlags, wundert das wachsende Interesse der Literaturwissenschaftler nicht im Geringsten. „Der Krimi war schon immer ein äußerst variantenreiches Genre, in dem man alle Spielarten findet“, sagt der Erfinder des Regionalkrimis. Dass der literarische Krimi heute sichtbarer werde, liege an Autorenpersönlichkeiten wie Friedrich Ani, „die mit literarischem Können bewegende Geschichten erzählen“. Auch die steigende Anzahl der Krimipreise spreche dafür, dass dem Krimi mehr ernsthafte Wahrnehmung eingeräumt werde.

Allein die Krimiautoren und -autorinnen selbst sind noch nicht restlos davon überzeugt, ihr Schmuddel-Image losgeworden zu sein. Der Kölner Autor Benedikt Gollhardt, dessen Thriller „Westwall“ gerade für einen Krimipreis nominiert wurde, beklagt, die Vorbehalte vor allem älterer Literaturexperten und Feuilletonisten sei nach wie vor groß: „Sie scheuen sich, den Krimi aus der U-Schublade herauszuholen.“ Was unter anderem daran liege, dass es schlicht und einfach zu viele schlechte Beispiele gebe. „Man schwimmt in einem riesengroßen See, der nicht überall glänzt.“

Kollegin Elke Pistor sieht noch ein weiteres Problem: „Die meisten Rezensenten sind Männer und interessieren sich nur für männliche Themen und Autoren.“ Womit die Frauen das Nachsehen hätten.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Veranstaltung mit Friedrich Ani

an diesem Donnerstag, 14. November 2019. Der Romancier Friedrich Ani spricht dann über sein jüngstes Buch „All die unbewohnten Zimmer“ mit Prof. Christof Hamann. Die öffentliche Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr in Hörsaal XVIII der Universität zu Köln.

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