Jess Kidd schickt ihre Detektivin Bridie Devine durch das alte London der Geister und Exzentriker

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Die Romanfigur Sir Edmund konserviert allerlei Meeresgetier in hohen Gläsern. Bei ihm sah es aber bestimmt nicht so aufgeräumt aus wie in der Fach-Abteilung des Berliner Naturkundemuseums, wo die Aufnahmen für diesen Blog-Beitrag entstanden sind.  Foto: Bücheratlas

Irgendwann habe sie in ihrem Arbeitszimmer gesessen und nur noch gelacht, erinnert sich Annette Weber, Programmleiterin Belletristik des DuMont Buchverlags. „Der Freund der Geister“, der erste Roman von Jess Kidd, sei einfach zu lustig gewesen. Inzwischen hat die Engländerin mit dem Hang zu Gespenstergeschichten ihr drittes Buch vorgelegt: „Die Ewigkeit in einem Glas.“ Wieder geht es um einen Besucher aus dem Jenseits. Und selbstredend ist Annette Weber auch diesmal wieder – völlig zu Recht – von diesem Buch völlig begeistert.

Man schreibt das Jahr 1863. London ist ein dreckiger Ort, in dem Leichenfledderer ihr Unwesen treiben und obskure Ärzte viel Geld für einen toten Körper zahlen. Auch unsere Heldin Bridie Devine hat als Kind die aufgedunsenen Leichen von Ertrunkenen aus der Themse gezogen und an Krankenhäuser verhökert. Inzwischen hält sie sich als Detektivin über Wasser – und ist wenig erfreut, als ihr an einem warmen Herbsttag auf dem Friedhof ein Geist begegnet. Zumal der halbnackte, über und über tätowierte Kerl, der gemütlich auf seinem eigenen Grab herumlümmelt, auch noch behauptet, sie zu kennen. Der Mann aus dem Jenseits weicht ihr nicht mehr von der Seite.

Ihr jüngster Auftrag führt Bridie zu einem Landsitz in der Nähe von London. Die Tochter von Sir Edmund ist entführt worden, und die Detektivin soll die kleine Christabel unversehrt wieder herbeischaffen. Das Kind, munkelt die Dienerschaft hinter vorgehaltener Hand, sei nicht normal. Halb Mensch, halb Fisch, mit Zähnen wie ein Hecht. In der Tat geschehen in Christabels Umgebung unerklärliche Dinge. Hunderte Schnecken überziehen jeden Morgen die Fenster und Wände des Kinderzimmers.  Menschen ertrinken in ihrer Nähe, ohne mit Wasser in Berührung gekommen zu sein.

Auch in ihrem dritten Roman beweist Jess Kidd ihr großartiges Erzähltalent und ihre Fähigkeit, Stimmungen mit nur wenigen Sätzen einzufangen. Sie taucht dabei tief hinein in die obskure Welt der Exzentriker und Monstrositäten-Sammler des 19. Jahrhunderts, wo „Zwerge“,  „Krüppel“ und bärtige Damen als Zirkusattraktionen gelten. Der abgedrehte Sir Edmund konserviert in hohen Gläsern Meerestiere, während sein sadistisch veranlagter Sohn Menschenexperimente anstellt. Am Ende des Buches fragt man sich verstört: Gibt es sie vielleicht wirklich, die Gespenster und Wesen wie Christabel? Oder ist die merkwürdige Kleine nur ein armes, verkrüppeltes Mädchen, mit dem ein paar skrupellose Männer Schindluder trieben?

Petra Pluwatsch

Jess Kidd: „Die Ewigkeit in einem Glas“, dt. von Ulrike  Wasel und Klaus Timmermann,  DuMont, 400 Seiten, 22 Euro. E-Book 9,99 Euro.

Kidd

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