Rafik Schami erzählt seinen Kardinals-Roman von A bis W und dann noch ein Zipfelchen vom Z


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Eine Information, die jeder Veranstalter gerne auf seine Plakate klebt. Foto: Bücheratlas

„Was will ein Autor mehr?“ fragte Rafik Schami am Ende der Vorstellung seines neuen Romans „Die geheime Mission des Kardinals“ (Hanser) in Köln. Groß war die finale Zustimmung des Publikums und ausverkauft das Teerstegenhaus der Evangelischen Kirchengemeinde in Klettenberg. Seit bald zwei Jahrzehnten ist der Schriftsteller dort auf Einladung der Buchhandlung Olitzky regelmäßig zu Gast und pflegt seine besondere Kunstform: die Lesung ohne Lesung.

Rafik Schami ist ein Erzähler im doppelten Sinne. Zum einen erzählt er seine Geschichten auf Papier, zum anderen erzählt er sie dann noch einmal in freier Rede. Das eine ist so attraktiv wie das andere – und tatsächlich gibt es kaum jemanden, der die Nacherzählung so gut beherrscht wie Schami. Das Publikum hält er währenddessen immer fest an seiner Erzählleine. Und wenn er dann in den Saal hinein fragt, ob er kurz noch diesen oder jenen Nebenzweig erzählen soll („Ich kann das überspringen!“), ist die Antwort klar.

Er müsse seine Bücher zu den Lesern bringen, sagte Schami vorab. Und das macht er mit einer enormen Energie. Allein für den aktuellen Roman stehen noch über 50 Termine an – die nächsten Stationen sind Bonn, Montabaur, Maria Laach, Esslingen, Bad Reichenhall, Starnberg, Dinkelsbühl, Ravensburg, Memmingen, Salzburg, Regensburg, Marktoberdorf. Und das alles noch im November. Danach geht es immer weiter durch das Verbreitungsgebiet seines Romans.

Die Struktur der 90 pausenlosen Minuten ist dabei stets dieselbe – und doch jedes Mal wie frisch erdacht. „Ich erzähle Ihnen den Roman von A bis W – nicht von A bis Z.“ sagt der Autor. Er dürfe nicht alles verraten, denn es handele sich um einen Kriminalroman, zu dessen Beginn im Damaskus des Jahres 2010 die Leiche eines Kardinals in einem Ölfass angeliefert wird. Eine Geschichte um Wahrheit und Aberglaube, Angst und Korruption. Da dürfe man nicht alles preisgeben, sagt Schami. Jedenfalls nicht X und Y. „Aber ein kleines Zipfelchen vom Z werde ich am Ende doch erzählen, denn das ist zu schön.“ Wer wissen will, wie man Spannung aufbaut, ist bei Schamis Vorträgen durchaus am richtigen Platz.

Angereichert wird die lebhafte Nacherzählung mit Einlassungen über Gott und die Welt und das eigene Werk. Da schildert er beispielsweise das Wesen seiner Figuren: „Ich mag keine Engel in meinen Romanen, denn die flattern immer so mit den Flügeln herum – ich ziehe ‚normale‘ Menschen vor.“ Oder er erläutert, dass Araber nicht gerne auf Friedhöfe gehen: „Als ich etwa ein Jahr in Deutschland war, sagte mein Kollege Wilhelm an einem schönen Februarmorgen: ‚Komm, lass uns doch mal auf den Friedhof gehen.‘ Darauf erwiderte ich: ‚Warum? Ich fühle mich völlig gesund.‘“

Martin Oehlen

Eine ausführliche Besprechung des Romans findet sich HIER.

Rafik Schami: „Die geheime Mission des Kardinals“, Hanser, 432 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Schami

 

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