Vincent van Gogh in Frankfurt: Alle sind „außer Rand und Band“

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Vincent van Goghs Selbstporträt von 1887, das in der Ausstellung zu sehen ist.  Der Kölner Unternehmer Leonard Tietz hatte es 1912 von Johanna van Gogh-Bonger erworben (über den Frankfurter Kunstverein) und seinem Sohn Alfred vererbt, in dessen Besitz es „bis mindestens 1930“ gewesen war. Heute befindet es sich – wenn es nicht gerade ausgeliehen ist – im Art Institute of Chicago.  Foto: Städel Museum

Vincent van Gogh (1853 – 1890) genießt im Moment jede Menge Aufmerksamkeit. Dabei steht gar kein Gedenktag an für den Maler und Zeichner aus den Niederlanden, der in seinem Werk das Licht feierte und das Landleben würdigte. Das kann nur heißen: der Mann ist auch ohne Anlass der Rede und des Sehens wert. Eine frische Gelegenheit dazu gibt es nun in gleich drei parallel laufenden Ausstellungen.

In ‘s-Hertogenbosch, nicht weit entfernt von seinem Geburtsort Zundert, versucht das Noordbrabants Museum, das tradtionell düstere Charakterbild des angeblich nur griesgrämigen Einzelgängers aufzuhellen: „Van Goghs innerer Zirkel“ (Besprechung: HIER). Derweil konzentriert sich in Deutschland das Potsdamer Museum Barberini auf die Stillleben des überaus produktiven Künstlers. Und im Frankfurter Städel wird die komplexe Rezeption seines Werkes rekonstruiert: „Making van Gogh – Geschichte einer deutschen Liebe“. Wie anregend die Darstellung dieser einseitigen Liebesbeziehung ist, macht allein schon der sorgfältig edierte, ebenso sehens- wie lesenswerte Katalog deutlich, der anlässlich der Schau am Main erschienen ist, kuratiert von Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne im Städel-Museum) und Felix Krämer (Direktor Kunstpalast Düsseldorf).

Es ist bekannt: Zu Lebzeiten hat Vincent van Gogh kaum ein Bild verkaufen können. Auch gab es nur wenige Gelegenheiten, seine Werke in aller Öffentlichkeit zu betrachten. Sieht man einmal ab von der hymnischen Würdigung durch den Kunstkritiker Albert Aurier im „Mercure de France“ aus dem Januar 1890, so blühte der Ruhm und entwickelte sich die Breitenwirkung erst nach seinem Tode. In Deutschland war dafür vor allem der Berliner Galerist Paul Cassirer verantwortlich, der zwischen 1901 und 1914 etwa 15 einschlägige Ausstellungen arrangierte. Sein Einsatz sei „nicht hoch genug einzuschätzen“, schreibt Städel-Direktor Philipp Demandt. Der endgültige Durchbruch van Goghs in Deutschland kam 1912 mit der „Internationalen Kunst-Ausstellung des Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“ in Köln. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war van Gogh in Deutschland so populär wie sonst nur noch in den Niederlanden.

Besondere Aufmerksamkeit legt die Frankfurter Präsentation auf den Einfluss, den van Gogh auf viele Künstler in Deutschland ausgeübt hat. Namentlich werden angeführt die Vertreter der Künstlergruppierungen Brücke (beim Anblick von van-Gogh-Werken im Jahre 1905 sollen sie „außer Rand und Band“ geraten sein), Blauer Reiter, Rheinische Expressionisten, Westfälische Expressionisten, aber auch Max Beckmann und Otto Dix. Der Maler Max Pechstein wird mit der Aussage zitiert: „Van Gogh war uns allen ein Vater.“ Und der Dichter Ferdinand Avenarius schreibt 1910 in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Der Kunstwart“: „Van Gogh ist tot, aber die Van-Gogh-Leute leben. Und wie leben sie! Überall van Goghelt’s“. In Frankfurt finden nun 50 Originalwerke van Goghs mit 70 „seiner deutschen Nachfolger“ zusammen.

Der deutschen Kunst mangelte es zum Ende der Kaiserzeit an Leichtigkeit, schreibt Felix Krämer. Daher wirkten van Goghs Zugriff noch radikaler und seine Farbwahl noch greller als etwa in Frankreich. Durch ihn seien andere Künstler ermutigt worden, heißt es bei Alexander Eiling, „eigenen Neigungen zu folgen“. In Deutschland schätzte man zumal seine vitale Mal- und Zeichenweise, sein Rhythmus und seine Strichführung, die Farben und Kontraste, überhaupt „diese „anregend zündende Kraft“, die Hans Purrmann sah.

Der deutsche Expressionismus, schreibt Felix Krämer, sei ohne van Gogh „nicht denkbar“. Ja, sogar dies: „Ohne den Einfluss van Goghs wäre die deutsche Kunstgeschichte nicht nur ärmer, sie wäre in ihrer Entwicklung, wie wir sie kennen, überhaupt nicht vorstellbar.“

Ein besonderes Kapitel schlägt dann noch Iris Schmeisser auf. Sie erzählt, wie das „Bildnis des Dr. Gachet“ – eines der Hauptwerke im van-Gogh-Kosmos – im Jahre 1911 ins Städel gelangt ist. Unter den Nationalsozialisten geriet dieses Porträt auf die Liste der „entarteten Kunst“ und sollte devisenbringend verkauft werden. Doch so schnell gaben die Frankfurter nicht bei. Eindrucksvoll vor allem der Kampf des Kunsthistorikers Alfred Wolter. Allerdings – es half nichts. Das Bild wurde verkauft und trat eine Odyssee an. Zuletzt wurde es 1990 zu einem Rekordpreis an einen japanischen Unternehmer versteigert. „Seitdem ist das Bild nie mehr öffentlich zu sehen gewesen.“

Martin Oehlen

Einen Bericht über die Ausstellung „Van Goghs innerer Zirkel“ gibt es HIER und über  van-Gogh-Stätten im niederländischen Brabant gibt es HIER.

„Making van Gogh – Geschichte einer deutschen Liebe“, hrsg. von Alexander Eiling und Felix Krämer unter Mitarbeit von Elena Schroll, Hirmer, 352 Seiten, 49,90 Euro.

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Die Ausstellung im Städel-Museum in Frankfurt läuft bis zum 16. Februar 2020.

 

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