Josef Snobls Kölner Taxinächte mit Trinkern, Philosophen und Sigmar Polke

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In der Nacht wird manches klarer und manches verwischter.  Und die Nachtfahrer unter den Taxi-Chauffeuren sind andere Typen als die Tagfahrer, meint Josef Snobl. Foto: Bücheratlas

Es ist eine lange Taxifahrt durch die Kölner Nacht, zu der uns Josef Snobl einlädt. Wer bei ihm einsteigt, sollte allerdings gewarnt sein: romantisch oder heimelig wird es unterwegs nicht werden. Es ist „ein Taxi Blues“, den der studierte Fotograf hier anstimmt – und er tut es auf eindrucksvolle Weise. So ungeschminkt, so offenherzig, so rau hat man noch nicht oft vernommen, was in und um einen Taxifahrer vorgeht, wenn er durch die Nacht fährt. Snobl kann da auf 25 Jahre am Steuer zurückblicken. Es ist die Zeit von 1988 bis 2013, in der sich der Funkverkehr alter Ordnung verabschiedete und das Navigationsgerät reüssierte. Für Snobl war damit das „Ende der Taxiethik“ gekommen.

„Nachtfahrt“ ist ein Gesamtkunstwerk aus Bild und Text. Herausgeber Reinhard Matz spricht im Nachwort von einem „visuellen Tagebuch“. Snobls meist schwarz-weiße Fotografien wollen alles, nur nicht im traditionellen Sinne schön sein. Sie sind in der Regel verwischt und verwackelt, gleichsam in der Vorbeifahrt eingefangen, gerne verregnet, oft sind nur Schemen zu erkennen. Diese Bilder sind konsequent in ihrer Unwirtlichkeit. Eigentlich möchte man immerzu das Licht anknipsen.

So vage die Fotografien sind, so konkret sind die Texte. Diese sind oft philosophisch angehaucht, ohne ins Pathos abzudriften, und manchmal so explizit, wie man es gar nicht lesen möchte. Vor allem aber bieten sie viele genaue und überraschende Beobachtungen. Im Zentrum: der Fahrer und seine Fahrgäste, dann noch die Stadt und die Kollegen. Im „Niemandsland“ der Nacht treffen wir auf Betrunkene, Einsame, Witzbolde, Prostituierte, „Heilige“, Rassisten, Gewalttäter, Tiere, Verirrte und Verwirrte, die Schönen und die ganz und gar nicht Schönen und auch mal Sigmar Polke: „ein schlechter Maler, aber sehr origineller Künstler mit unglaublich vielen Ideen.“ Für das Typen-Sammelsurium ist es gewiss von Vorteil, dass Snobl den Menschen zugewandt und neugierig ist: „Ich fühle mich von jedem Fremden angezogen, egal welche Farbe er hat und aus welcher Kultur oder Religion er kommt.“

Snobl, 1954 in Prag geboren und 1979 in die Bundesrepublik gezogen, sah sich konfrontiert mit einem Köln,  das „von provisorischen Bauten, billigem Zeug aus den 50er Jahren“ geprägt war. „Köln wird nur langsam besser und schöner, aber vor allem durch die Nächte, die ich der Stadt gewidmet habe, ist sie mir zutraulich und intim geworden.“ Die Großstadt, schreibt er, „ist zwischen vier und sechs Uhr morgens am schönsten: gesetzlos und wild, die Zeit ist aufgehoben.“

Josef Snobl ist ein Künstler am Steuer. Einer, der im Radio einer Dostojewski-Lesung lauscht und beim Warten in der Taxi-Schlange ein Wittgenstein-Buch liest. Einer, dem der Vater sagte, als er vom Taxi-Job erfuhr: „Endlich machst Du was Anständiges!“ Und jetzt auch noch diese Collage aus Fotografie und Literatur. Ein sorgsam edierter Band, der zu jedem Kapitel einen QR-Code für den passenden Song anbietet. Vorzugsweise Blues. Von Sonny Boy Williamsons „Good Evening Everybody“ bis zu Alvin Lees „The Bluest Blues“. Josef Snobls „Nachtfahrt“ ist wirklich abgefahren.

Martin Oehlen

Josef Snobl: „Nachtfahrt – Ein Taxi Blues“, hrsg. von Reinhard Matz, Emons, 242 Seiten, 25 Euro.

Snobl

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