Vincent van Gogh als Kind und Künstler – Auf den Spuren des Malers in Brabant (2)

Die Ausstellung „Van Goghs innerer Zirkel“ in ‘s-Hertogenbosch, über die wir im ersten Teil unseres Zweiteilers berichten (und zwar HIER,  gehört zur Offensive der Provinz Nordbrabant, die Heimat des Künstlers stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Tatsächlich lässt es sich auf van Goghs Spuren fabelhaft durch Brabant reisen. Und noch heute lassen sich in den südlichen Niederlanden viele Szenerien aus seinem gewaltigen Werk aufspüren.

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Das ist er! Direktor Ron Dirven zeigt im van-Gogh-Haus in Zundert auf den dritten Schüler von rechts unten: Vincent van Gogh.  Foto: Bücheratlas

Zundert ist die erste Adresse des Pfarrersohns

Zwar wurde das Haus in Zundert, in dem Vincent 1853 als Pfarrerssohn zur Welt kam, 1903 abgerissen. Doch seit 2008 befindet sich an gleicher Stelle das informative „Vincent van Gogh Huis“, in dessen Garten ein Pflaumenbaum (Prunus cerasifera) steht, der auf die Zeit des jungen Vincent zurückgeführt wird. Die aktuelle Neuentdeckung von Direktor Ron Dirven ist allerdings ein Porträt von van Goghs Gouvernante Anna Birnie. „Jetzt hat sie endlich ein Gesicht“, sagt er. Dirven hält es für wahrscheinlich, dass Anna – immerhin Tochter eines Malers – den Jungen zum Zeichnen angeregt hat. Bislang ging man davon aus, dass Vincents Mutter die ersten künstlerischen Anstöße gegeben habe.

Gleich neben dem „Van Gogh Huis“ befindet sich das „Haus der Tanten von van Gogh“. Das gelbe Gebäude ist verschlossen, wirkt vernachlässigt und soll demnächst abgerissen werden: „Es ist eine Schande!“ sagt Ron Dirven. „Wir haben lange für die Bewahrung gekämpft, aber vergebens“. Zwar handelt es sich nicht um Vincents tatsächliche Tanten, aber die Schwestern van der Burg standen den van-Gogh-Kindern so nahe, dass sie von diesen als „Tanten“ bezeichnet wurden.

In Etten-Leur erklärt sich van Gogh zum Künstler

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Ganz der Schwiegervater: Marc Boom stellt in Etten-Leur Fotografien aus, die van Goghs Gemälden nachempfunden sind.  Foto: Bücheratlas

1881 kehrt Vincent van Gogh ins neue Haus seiner Eltern zurück. Nachdem er mit vielen Versuchen gescheitert ist, eine Berufskarriere zu starten, entschließt er sich 1880, Künstler zu werden. Mit dieser Berufsbezeichnung trägt er sich im Rathaus von Etten ein. Auch hier kann man die Kirche besichtigen, in der Vincents Vater Theodorus gepredigt hat. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben des Pastors hat Vincent lebenslang beschäftigt – erst in großer Verehrung, dann in kritischer Distanz. Im Kirchenraum sind derzeit Arbeiten von Künstlern zu sehen, die sich auf van Gogh eingelassen haben. Darunter ist auch Marc Boom mit seinen Fotografien, die Porträts von van Gogh nachempfunden sind. Wie er seine Modelle gefunden habe? „Ganz einfach – in meiner Familie, unter meinen Freunden. Das Selbstporträt mit dem bandagierten Ohr habe ich zum Beispiel mit meinem Schwiegervater hinbekommen. Wenn man nur genau hinschaut, findet man die Gesichter aus den Werken van Goghs sehr bald. Das zeigt ja: Vincent van Gogh hat ganz normale Menschen in ihrem Alltag gemalt.“

Nirgends kommt man dem Künstler näher als in Nuenen

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Pfarrhaus und Atelier in Nuenen, worin Vincent van Gogh gewohnt und gearbeitet hat. Selbstredend war ihm dieses Arrangement auch einmal Motiv für ein Gemälde – aktuell zu besichtigen in der Ausstellung im Noordbrabants Museum. Foto: Bücheratlas

Besonders viele und tiefe Lebensspuren des Künstlers finden sich in Nuenen. Nirgends, so heißt es selbstgewiss vor Ort, komme man ihm näher. Ein Viertel der fast 2000 Werke ist hier in nur zwei Jahren entstanden, wie man im Museum Vincentre erfährt. Darunter sind auch die „Kartoffelesser“, die er einmal als sein wichtigstes Werk bezeichnet hat und die dem Ort heute den schönen Straßennamen „Aardappeletersteegje“ ermöglichen. 1883 zieht Vincent van Gogh ins prächtige Pfarrhaus ein – der Vater hat wieder einmal den Arbeitsplatz gewechselt. Doch Komfort und Geräumigkeit des Gebäudes missfallen dem Künstler. Bald schon wechselt er in den Schuppen im Garten. Die Pastorin Marlies Schulz, die aus Hamburg stammt und seit Anfang des Jahres 2019 im Pfarrhaus lebt, hat das Atelier kürzlich von Fahrrädern und Gartenmöbeln befreit. Klein ist der Raum, mit niedriger Decke und nur zwei winzigen Fenstern – groß genug für Weltkunst war er dennoch.

Pfarrhaus und Atelier sind nur von außen zu besichtigen. Hingegen ist das liebevoll ausgestattete Haus der Geliebten Margot Begemann, gleich nebenan, samstags geöffnet. Jacqueline Bekkers, die das Denkmal mit ihrer Familie bewohnt und bewahrt (und auch an den jüdischen Jungen Jaap van Cleef erinnert, der sich zweieinhalb Jahre lang auf dem Dachboden vor den Nazis versteckt hielt), sagt über Margot: „Sie liebte ihn wirklich, denke ich. Das Interesse an der Natur hat die beiden verbunden. Doch Margots ältere, unverheiratete Schwestern waren gegen diese Beziehung. Und sie tat immer, was diese sagten. Sie war fünf Monate mit Vincent glücklich gewesen – dann war es vorbei.“ Margot nahm Strychnin, überlebte allerdings den Suizidversuch.

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Jacqueline Bekkers führt durch „Nune Ville“, jenes Haus, in dem van Goghs Geliebte Margot Begemann gelebt hat. Foto: Bücheratlas

Der Rundgang durch das Städtchen führt weiter zur Van-Gogh-Kirche von 1824. Die schlichte, sogenannte „Waterstaatskerk“ hat er für seine Mutter gemalt, als sie nach einem Knochenbruch eine Weile lang nicht zur Messe gehen konnte. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1885, der an Vincents Geburtstag beerdigt wurde, variierte er das Gemälde, änderte das Blattwerk der Bäume und die Kleidung der Personen. So wurde daraus ein Kunstwerk für beide Elternteile. Wer noch mehr wissen will über Vita und Werk, wird in Nuenen ins Museum Vincentre gebeten, an der Hauptstraße gelegen.

„Der Künstler ist ganz und gar zu einem Mythos geworden“, hat Arnulf Rainer einmal bewundernd über Vincent van Gogh gesagt. Ein Mythos, der in Brabant aufs Schönste besichtigt werden kann.

Martin Oehlen

Den ersten Teil der van-Gogh-Reise gibt es HIER.

Ausstellung „Van Goghs innerer Zirkel – Freunde, Familie, Modelle“ im Noordbrabants Museum im niederländischen ’s-Hertogenbosch, bis 12. Januar 2020.

http://www.ksta.de

Die Reise wurde ermöglicht durch NBTC – Niederländisches Büro für Tourismus & Convention

 

 

 

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