Gunther Geltinger über Afrika, Seitensprünge und seinen Roman „Benzin“ im Kölner Literaturhaus

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Gunther Geltinger im Kölner Literaturhaus Foto: Bücheratlas

Am Ende lobte Gunther Geltinger die „knisternde Dichte“, die am Großen Griechenmarkt geherrscht habe. Was vollkommen korrekt war. Die Aufmerksamkeit des Publikums im bis auf den letzten Platz besetzten Literaturhaus Köln war tatsächlich aufs Schönste gespannt. Das lag am Autor selbst, der seinen neuen Roman „Benzin“ klug und anschaulich erläuterte. Unterstützt wurde er dabei von Moderator Markus Brügge.

Ein Heimspiel war dieser Auftritt nicht nur, weil Geltinger in Köln wohnt. Auch hat er im Kölner Literaturhaus schon seine beiden Vorgänger-Romane vorgestellt und solcherart alle bisherigen Standorte (Mediapark, Schönhauser Straße, Haus Bachem) „bespielt“.  Kurzum – ein Freund des Hauses. Er selbst dankte der Programmleiterin Bettina Fischer „für den Resonanzraum“, der ihm ein ums andere Mal zur Verfügung gestellt werde und der für einen Schriftsteller so wesentlich sei.

„Benzin“ (Suhrkamp Verlag) erzählt die Liebesgeschichte des Schriftstellers Vinz und des Biologen Alexander, die – so sagt es Geltinger – „als schwules Paar in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind“. Doch dann wird diese Ehe aufgewirbelt – erst in Deutschland durch Manuel, dann im Urlaub im Süden Afrikas durch Unami. Eine Besprechung des Buches gibt es unter diesem Link.

Hier nun Gunther Geltingers Aussagen an diesem Literaturhaus-Abend in einer Auswahl.

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Über die Macht der Figuren

„Ich habe überhaupt keinen Plan, sondern lasse mich leiten. Das ist überhaupt nicht ökonomisch, weil es viel Zeit kostet. Als Autor befinde ich mich im Kopf einer Figur. Sie entscheidet dann mit mir, wie es weitergeht. Es gab Entscheidungen der Figuren, die mich überfordert haben. Und ich bin dann auch mal vom Weg abgekommen.

Auf diesen Umwegen und Abwegen findet das Leben, findet die Literatur statt.

Im Roman sagt der Schriftsteller Vinz über seine Figuren: ‚Er fürchtete den Moment, in dem er ihre Entscheidungen würde antizipieren können – es wäre das Ende ihrer Geschichte, womöglich seines Schreibens überhaupt, der Eintritt ins Alter.'“

Über Schreiben übers Schreiben

„Das Schreiben spielt in allen meinen Romanen eine Rolle. Wichtig ist mir dabei, die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Darstellung zu zeigen. In ‚Benzin‘ ist all das, was da passiert, die Möglichkeit eines Romans – aber es ist kein Roman im Roman. Vinz schreibt kein Wort während der ganzen Reise.“

Über die Dramaturgie des Romans

„Der Roman beginnt nicht konventionell damit, dass alles gut ist und dann alles anders wird. In diesem Fall ist gleich am Anfang klar, dass bei Vinz und Alexander vieles nicht mehr stimmt.

Ich erzähle nicht linear. Ich bewundere Autoren, die auf einer halben Seite 50 Jahre erzählen können. Bei mir ist es so: Eine Wahrnehmung löst bei mir eine Erinnerung aus. So springe ich von einer Szene wieder zurück nach hinten. Daher gibt es bei mir nicht das chronologische Erzählen.“

Über Afrika – Mythos und Wahrnehmung

„Es ist total vermessen, als Europäer über Afrika zu schreiben. Ich kann nur über die Wahrnehmung eines Europäers schreiben, der durch den Kontinent reist. Für Vinz ist Afrika nur ein Bild vom Bild vom Bild.

Ich fühle mich unbehaglich, in Ländern mit kolonialem Hintergrund zu reisen. Man bedient sich ja der Strukturen, die aus diesen Regimes entstanden sind. Gleichzeitig brauchen diese Länder den Tourismus. So sitzt man in der postkolonialen Falle. Die Fremde überfordert die beiden Männer im  Roman. Sie hat auch mich überfordert, als ich zwischen 2002 und 2017 einige Male in Südafrika und Zimbabwe gewesen bin.

Paul Bowles konnte in ‚Himmel über der Wüste‘ noch den Afrika-Mythos schreiben. Da gibt es zum einen den Topos Afrika und die Krankheit und zum anderen den Topos Afrika und der Wahnsinn. Aber ‚Benzin‘ ist kein Afrika-Roman, sondern ein Liebesroman.  Vinz und Alexander unternehmen keine Reise ins Herz der Finsternis, sondern in die eigene Dunkelheit.“

Über die Möglichkeit eines Seitensprungs

„Vinz und Alexander gönnen sich Seitensprünge. Aber es gibt eine unausgesprochene Regel: Verlieben geht nicht.

Die allseitige Verfügbarkeit von Sex – über Dating-Apps – wird die Form unserer Beziehungen verändern, aber nicht die Liebe, die ein archaisches Gefühl ist. Homosexuelle gehen mit diesen neuen Möglichkeiten der Plattformen vielleicht noch etwas anders um als Heterosexuelle.“

Über die Ehekrise von Vinz und Alexander

„In der Fremde ist ihre Symbiose besonders angreifbar. Hinzu kommt das Manko: Sie haben das Vertrauen ineinander verloren. Es ist eine Reise an den Rand ihrer Beziehung. Mich interessiert als Autor die dunkle Seite der Symbiose.

Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert. Sie reden auch kaum noch miteinander. Da war es mir wichtig, ihre Körpersprache genau zu beschreiben.“

Über Vinz, den Schriftsteller

„Er sucht nach einer neuen Sprache für sein Leben und sein Lieben. Wir sind ja nur Menschen, weil wir kommunizieren können.“

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Martin Oehlen

 

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