Arno (of Arnoheim) Schmidt und Hans Wollschläger schreiben sich was

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Fotos: Bücheratlas

Dieses Buch ist ein Monstrum. Aber ein liebenswertes. Es ist eine Spezialität. Aber eine mit vielen Zugängen. Es birgt Einblicke in die Literatur und das Publizieren, in die philologische Feinarbeit und in die psychologischen Spannungen im Zwischenmenschlichen. Die Hauptpersonen: Arno Schmidt (1914–1979) und Hans Wollschläger (1935–2007). Das Medium, in dem sie nun – sozusagen – zu erleben sind: der gemeinsame Briefwechsel.

Der Kontakt bricht Anfang des Jahres 1971 unvermittelt ab. Enttäuscht teilt Hans Wollschläger einem Bekannten mit: „Nee, das kann er mit mir nun und nimmermehr machen, und so war denn mein Brief auch das Letzte, was ich ihm schrieb“. Der Ärger über „Arno of Arnoheim“ war wohl zu groß. Tatsächlich hatte Arno Schmidt seinem langjährigen Briefpartner zuletzt nur noch mit einem kargen „Dank & Gruß – Arno Schmidt“ auf dessen ausführliche Glückwunschschreiben zum Geburtstag geantwortet. Dass der kränkelnde Schriftsteller im Alter noch etwas unzugänglicher sei als zuvor, bestätigt seine Ehefrau Alice Schmidt, zu der Wollschläger den Kontakt hält: „Überempfindlichkeit allgemein“. Ob ein Besuch möglich sei, müsse man „mal sehn“. Fest steht: „Plötzlich überfallen darf man ihn aber auch nicht.“

Gleichwohl bleibt Arno Schmidt („Zettel’s Traum“) eine Lichtgestalt für den jüngeren Kollegen, der als Romancier („Herzgewächse oder Der Fall Adams“) aufgefallen ist und der mit seiner „Ulysses“-Übertragung für Furore gesorgt hat. In einem Brief an die Witwe aus dem Februar 1980 bekennt Wollschläger, dass „Arno Schmidts Nähe die größte Wohltat meines Lebens war“ und dass er „unvergangen und unvergänglich“ für ihn sei. Mehr Bedeutung kann man einer Person kaum zusprechen.

Der Kontakt erwuchs 1957 aus einer literarischen Auseinandersetzung. Es stießen aufeinander: der gestrenge Karl-May-Experte Arno Schmidt und der Bamberger Karl-May-Lektor Hans Wollschläger. Doch bald schon merkten sie, dass der eine wie der andere „in majorem Mayi gloriam“ unterwegs war, also zum höheren Ruhme des Meisters May. Schmidt ließ bei weitem nicht alle Werke „des Alten“ gelten. Aber die Edition von „Im Reich des Silbernen Löwen“ war ihm jede philologische Bemühung wert. Wollschläger stand ihm bei der peniblen Textexegese nicht nach. Jedoch – der Karl-May-Verlag, für den Wollschläger in freier Mitarbeit tätig war, wollte von Schmidts kritischen Anmerkungen nicht viel wissen.

Diese Konfrontation geht aus dem  Briefwechsel zwischen Schmidt und Wollschläger hervor. Unter den Materialien befindet sich das Protokoll des Karl-May-Verlegers Roland Schmid, der  die Schmidts in Darmstadt besucht hatte (der Umzug nach Bargfeld, Kreis Celle, Haus Nr. 37 stand noch bevor): „Herr Schmidt haust in einer Mietwohnung, die dermaßen kalt und eckig eingerichtet ist, dass man leicht fröstelt.“ Weiter heißt es: „Er ist verheiratet mit einer wenigsagenden und wenig sagenden Frau, die älter wirkt als er.“ Und über den Hausherrn: „Außerordentlich hochtrabend und mit verletzender Herablassung urteilt er über die – ihm in Einzelheiten offensichtlich gar nicht bekannte – Karl-May-Forschung.“ Schließlich aber doch: „Der Mann ist auf jeden Fall interessant und kann möglicherweise sogar gefährlich sein oder werden.“ Schmidts Hoffnung, er könne sich als Bearbeiter einer May-Ausgabe ein geregeltes Einkommen sichern, zerschlägt sich allerdings. Der eigenwillige Kopf passt nicht ins beschauliche Verlags-Gefüge. Von „Ehrkränkungen“ ist auf beiden Seiten die Rede. Immerhin fallen Schmidts Anmerkungen bei Wollschläger auf fruchtbaren Boden. Und das gilt dann auch für die Übersetzung der Werke von Edgar Allan Poe, die als Gemeinschaftswerk erscheint.

Der nun komplett edierte Briefwechsel ist so speziell wie seine Autoren es sind. Das gilt für das Themenspektrum, das vom Literarischen dominiert wird. Das gilt aber auch für Orthografie und Interpunktion. Und es gilt für einen Stil, der geprägt ist von Auslassungen und Eigentümlichkeiten und immer wieder neuen und bemerkenswerten Sprachbildern und Wortspielen. Wollschläger vor allem legt sich für die Originalität ins Zeug. Als John F. Kennedy im Rahmen seines Deutschland-Besuchs 1963 nach Köln kommt, nimmt Wollschläger die präsidiale Perspektive ein: „ein nettes Gebäude, dieser Dom: nett auch, dass unsere Bois den damals haben stehen lassen: it looks so fein -: und erst all die lieben Gesichter ringsherum: die singen ja sogar die feine You-ass-Nationalhymne mit: wie kann man sie nur am nettesten begrüßen, die netten Leute: Köln alaaf -? So sagt man doch hier: fein, also »Köln a-laugh!«“

Auch von Krankheiten ist bei Wollschläger die Rede. Mal von der Grippe, mal von einem „Tornado von Depressionen“. Nach einer frühen Visite bei Arno Schmidt bittet er anschließend um Nachsicht, sollte er nicht so alert gewesen sein wie er selbst es gewünscht habe. Es sei ihm just bewusst geworden, „wie viel von den allernotwendigsten Mitteilungen und Erklärungen an den ordinären Klippen der körperlichen Erschöpfung hängengeblieben ist.“ Schmidt hingegen kennt solche Selbstanklagen nicht. Überhaupt gibt er über Persönliches am liebsten gar nichts preis: „Von mir-hier ist nicht viel Neues zu berichten.“

Die Korrespondenz der beiden so hellen wie eigensinnigen Köpfe ist ein Gewinn und auch ein Spaß. Erst recht dann, wenn sich Schmidt und Wollschläger über alle, wirklich alle anderen – pardon – das Maul zerreißen. Da zitieren wir jetzt nur noch einmal kurz  aus einem Schreiben Schmidts an Wollschläger aus dem Jahre 1963: „wie mögen Sie sich nur so zu Herzen nehmen, was 1 LeckToren-Vieh, das der HErr in seiner unerforschlichen Gnade bei Rowohlt’s an die Spritze gelangen ließ, über Ihr Buch daherschwätzt.“ Und etwas weiter, aber damit noch lange nicht endend: „Selbstredend ist es Ihnen noch ungewohnt, dies kontinuierliche Erblicken des Fänomens, dass ‚Verleger‘ nichts als eine, leider einflussreiche, Unter-Abteilung der Klasse der ‚Schlechten Leser‘ sind: muss doch selbst-ich, noch heute,  jeglichen Verleger und Redakteur, in jedem einzelnen Falle, ‚zu seinem Glück zwingen‘.“

Die sorgfältige Kommentierung und die gepflegte Aufbereitung durch den Herausgeber Giesbert Damaschke runden das Vergnügen ab. Es handelt sich um eine Edition der Arno-Schmidt-Stiftung, die 1981 dank der finanziellen Unterstützung von Jan Philipp Reemtsma gegründet werden konnte. Sie trägt weiter schöne Früchte.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

„Arno Schmidt – Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger“, hrsg. von Giesbert Damaschke, Suhrkamp, 1034 Seiten, 68 Euro.Schmidt

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