Harry kam, sah und siegte

 

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Harry auf dem Cover des ersten Harry-Potter-Bandes, der – wie alle folgenden Bände – auf Deutsch im Carlsen-Verlag erschienen ist. Die Illustration stammt von Sabine Wilharm.

Die Entstehungsgeschichte des wohl  größten Bucherfolgs aller Zeiten ist schnell erzählt. Arme alleinerziehende Mutter sitzt   Tag  für Tag  im  Edinburgher Café „Elephant House“, nippt  stundenlang an einer   Tasse Tee oder Kaffee und hält  in einem Schreibblock fest, was  ihr   seit  Monaten    im Kopf herumspuckt: Die Geschichte  von   Zauberlehrling Harry Potter. Genau so sei es gewesen, bestätigt  Joanne K. Rowling Jahre später in einem Interview mit dem „Spiegel“. Besser: Fast so ist es gewesen. „In den Details wird  gern übertrieben. Aber es ging mir damals wirklich nicht gut. Ich hatte meinen Job  als Lehrerin verloren, meine Ehe war in die Brüche gegangen.  Ich war einsam und litt unter Depressionen.“  Der erste  Harry-Potter-Roman habe ihr buchstäblich das Leben gerettet. Nicht nur das. Dmie schottische Autorin landet mit der Fantasy-Serie einen Coup,  der sie  innerhalb weniger Jahre zur reichsten Frau Großbritanniens macht.

Weltweit 500 Millionen verkaufte Bücher. Übersetzungen in  80 Sprachen. Das hat vor Potter noch keine Jugendbuchserie geschafft. In Deutschland sichert sich der  Carlsen Verlag frühzeitig  die Rechte an der Reihe, ein Glücksgriff, der ihm bis heute eine Gesamtauflage von mehr als 34 Millionen  Exemplare beschert hat. Vor 20 Jahren, am  28. Juli 1998,  erscheint der  erste Band in deutscher Übersetzung: „Harry Potter und der  Stein der Weisen“. Sieben Bände umfasst die Potter-Saga, alle übersetzt von Klaus Fritz. Erzählt wird eine vergleichsweise schlichte Story von Gut und Böse, von richtig und falsch: Ungeliebter  Waisenjunge erfährt an seinem elften Geburtstag, dass er  der Sohn  eines berühmten Zauberehepaares ist. Er wird auf die Zauberschule Hogwarts geschickt und mutiert  vom   Durchschnittsschüler  zum Retter des von dunklen Mächten  bedrohten Zauberreichs. Ende gut, alles gut. Das Böse ist besiegt, der inzwischen fast erwachsene   Held geht geläutert aus seinen Abenteuern hervor.

Verortet ist die Geschichte in einem magischen Zauberreich, dem  die  Welt der ahnungslosen Muggels, der Menschen gegenübersteht. Trotz des fantastischen Szenarios vermittelt Rowling in ihren Büchern  ein durch und durch konservatives Weltbild und ein Wertesystem, das auch im Reich der Muggels als moralische Richtschnur taugt: Steht ein für das, was ihr für richtig haltet, und wehrt euch gegen die Machtgier von Despoten und ihrer Gefolgschaft. Eine Einstellung, die durchaus zu den kämpferischen Anti-Trump-Tweets passt, mit denen Rowling gegen den amtierenden US-Präsidenten schießt. Dass die Botschaft angekommen ist, zeigte sich jüngst bei den „March for our Lives“-Demonstrationen gegen die US-Waffenlobby. „Wenn Hogwarts-Schüler die Todesser besiegen können, besiegen die amerikanischen Schüler auch die NRA.“ Und: „Wir sind mit Harry Potter aufgewachsen – natürlich leisten wir Widerstand“, hieß es auf den Plakaten der jungen Demonstranten.

Die Entstehungsgeschichte der Bücher  mutet an wie ein modernes Märchen.  Rowling hat sie oft erzählt in den vergangenen 21 Jahren. In einem Zug auf dem Weg von London nach Manchester sei ihr Harry „in  den Sinn“ gekommen.  „Der Zug blieb stecken, und Harry hatte sehr viel Zeit, in meinem Kopf Gestalt anzunehmen.“ In der Silvesternacht 1990, der Nacht, in der  ihre  Mutter an Multipler Sklerose starb, habe sie die ersten Seiten geschrieben, sagt die sonst eher zurückhaltende Autorin  2006 in einem  Interview mit dem  englischen Magazin „Tatler“. Im Zentrum ihrer  Bücher stehe  daher die Beschäftigung mit „der Ungeheuerlichkeit“ des Todes. Sie habe auf diese Weise versucht,  den Verlust ihrer Mutter zu begreifen und zu verarbeiten.

Mehrere  englische Verlage lehnen  das Manuskript der unbekannten Autorin ab, als  Rowling  vor den Verlagstüren antichambriert. Zu abgedreht, zu verquast – so oder  ähnlich mögen die Urteile über den fantastischen Stoff gelautet haben.  Schließlich erbarmt sich   der   Bloomsbury-Verlag der ungewöhnlichen Geschichte, überweist der Autorin 2500  Pfund und druckt  500 Exemplare. Am 26. Juni 1997 kommt das Buch auf den Markt: Harry Potter, der berühmteste Zauberlehrling aller Zeiten, tritt seinen  Siegeszug durch die Kinder- und Jugendzimmer dieser Welt an.

Einziger Wermutstropfen für  Joanne K. Rowling: Auf dem Cover steht nicht ihr voller Name, sondern ein geschlechtsneutrales „J. K. Rowling“. Und daran  soll sich bis  zum  Erscheinen des siebten und letzten Bandes  zehn Jahre später nichts ändern. Erste  Plätze auf der  Bestsellerliste Bald reißen sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene um die Potter-Bücher,   die  zunächst im Jahres-, später im Zweijahresabstand erscheinen. Englische Zeitungen wie  „The Mail on Sunday“ und  „The Sunday Times“ vergleichen die ersten beiden Bände  mit den Werken von Roald Dahl und C.S. Lewis.  Stephen King sieht gar  Parallelen zu  Kinderbuchklassikern  wie „Alice im Wunderland“.

Im Juni 2000  – die weltweiten Verkaufszahlen sind auf mehr als 35 Millionen Exemplare geklettert – belegen die bislang erschienenen Bände die ersten drei Plätze auf der Bestsellerliste der „New York Times“. Und auch in Deutschland landen die drei Fantasy-Schmöker ganz vorn  auf der Liste der Top  Ten.  Ein Jugendbuch auf Platz eins? Das hat es noch nie gegeben.

„Harry Potter hat unserem Verlag  einen Riesenschub gegeben“, sagt Renate Herre, seit 2012 Chefin des Carlsen Verlags.  Nicht nur das. Die gesamte Branche profitiere bis heute von dem Hype um  Potter.  „Vorher wurde das Kinder- und Jugendbuch immer ein bisschen belächelt und als zweitklassig abgetan. Das hat sich geändert, als plötzlich eine Kinderbuchserie Platz eins bis drei auf den Bestsellerlisten eroberte.“ Wofür Carlsen dem Zauberlehrling im Jubiläumsjahr 2018 mit einer  prachtvoll illustrierten Neuauflage dankt.

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Harry in sieben Bänden, illustriert von Sabine Wilharm.  Foto: Bücheratlas

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Und das ist der Stil, in dem die Jubiläums-Edition Ende August 2018 erscheint. Die Illustration stammt von Iacopo Bruno. Foto: Carlsen

Die Autorin selber reagiert eher verschreckt auf den plötzlichen Ruhm. „Ich komme mir vor wie ein Spice Girl“, sagt sie  einmal  in einem Interview. Lesungen  mit ihr geraten zu Pop-Spektakeln. Erscheint ein neuer Band, harren auf der ganzen Welt zigtausende Fans in Harry-Potter-Kostümen  vor den Buchhandlungen aus, um Punkt Mitternacht eines der ersten Exemplare zu ergattern. Vielleicht sei es ja diese Mischung aus Normalität und Magie, mit der sich viele Menschen identifizieren könnten, versucht Rowling die magische Wirkung  ihrer Bücher zu erklären. „Wohl jeder  von uns   würde gern einmal die Erfahrung machen, dass mehr in ihm steckt, als er ahnt.“

Auch andere suchen nach Erklärungen für das Phänomen Potter, das die Literaturwelt weltweit  polarisiert. „Eine schwule Allegorie“, watscht der US-Literaturwissenschaftler Michael Bronski die Bücher ab. „Sie erzählen Kindern, dass Normalsein uninteressant, fantasielos und dumm ist.“ Nicht lesen, so seine Empfehlung. Ganz anders Kollege Daniel Nexon von der Georgetown University in Washington. In seinem Buch   „Harry Potter and the Intenational Relations“ legt er dar, dass die Muggels von den Zauberern durchaus  einiges über Politik und internationale Beziehungen lernen können.

Selbst der deutsche „Literaturpapst“  Marcel Reich-Ranicki schaltet sich in die Debatte ein. Zwar habe er keinen der Romane gelesen, gibt er unumwunden zu.  Doch  sei es besser, „die Leute lesen einen Harry Potter als überhaupt nichts“. Auf diese Weise könnten sie sich „wenigsten üben in der Kunst, Buchstaben zu lesen, und wenden sich danach vielleicht anspruchsvolleren Werken zu“. In kirchlichen Kreisen wird ebenfalls heftig über Potter diskutiert. „Teufelswerk“, wettert Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI.  Die Bücher seien eine „subtile Verführung“  und zersetzten „das Christentum in der Seele, ehe es überhaupt  wachsen konnte“. Im baden-württembergischen Münsingen-Rietheim wird Rowling im November 2000 sogar aus der Bücherei der evangelischen Gemeinde verbannt. Zwei Mitglieder des Kirchengemeinderats hatten die Verherrlichung von „okkulten Praktiken“ in ihren Romanen  beanstandet.

Der Popularität von Harry Potter tut all das keinen Abbruch. Zwar wurde ein achter Band („Harry Potter und das verwunschene Kind“), basierend auf einem Theaterstück von Rowling, kein Verkaufsschlager. Der Run auf die ersten  sieben Bücher hingegen sei ungebrochen, sagt Sabina Blasco Kepura, die in der   Kölner Stadtbibliothek arbeitet und selber seit ihrem 14.  Lebensjahr bekennender Potter-Fan ist. „Die Kinder sind genauso begeistert von den Geschichten wie wir früher, und meistens sind alle Bände ausgeliehen.“ Am Kölner Humboldt-Gymnasium gibt es sogar jedes Jahr einen Harry-Potter-Tag mit einem Quidditch-Turnier und Unterricht im Mischen von Zaubertränken.

Zauberei? Nein, schlicht und einfach gute Jugendbuchliteratur, die das Zeug dazu hat, viele Generationen junger Leserinnen und Leser durch ihre Kindheit und Jugend zu begleiten.

Petra Pluwatsch

 

Ein Buch zu den Hintergründen der Saga hat die British Library zusammen mit J. K. Rowling herausgegeben: „Harry Potter – Eine Geschichte voller Magie“, dt. von Karlheinz Dürr, Carlsen,  256 Seiten, 32 Euro.

Potter

 

http://www.ksta.de/kultur/rueckblick-nach-20-jahren-erst-verschmaeht–dann-geliebt—der-weg-der-potter-buecher-30998550

 

 

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