Montaigne entdeckt die Freundschaft – Reisenotizen aus Südfrankreich (6)

 

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Das Haus, in dem Etienne de La Boetie 1530 in Sarlat geboren wurde, war fünf Jahre zuvor errichtet worden. Foto: Bücheratlas

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Gedenktafel für Etienne de La Boetie im mittelalterlichen Stadtkern von Sarlat im Périgord. Foto: Bücheratlas

Drei Mal haben wir in Sarlat-la-Canéda an der Ecke der Place de la Liberté unser Frühstücks-Croissant gegessen. Und an jedem Morgen fand sich schon bald eine erste Reisegruppe ein, die vor dem Nachbarhaus  stehenblieb und den Erläuterungen der Stadtführung lauschte. Hier also wurde Etienne de La Boetie geboren. Wer nicht auf Anhieb weiß, um wen es sich handelt (also unsereins zum Beispiel), den informiert die Tafel an der Renaissance-Fassade, angebracht zwischen zwei wuchtigen Kreuzstockfenstern: Etienne de La Boetie war „der berühmte Freund von Michel de Montaigne“ und wurde in diesem Haus am 1. November 1530 geboren. Doch „Freund“ war er nicht im Hauptberuf. Er war Gerichtsrat in Bordeaux und Autor des „Discours de la servitude volontaire“, einer Schrift über die freiwillige Knechtschaft – und darüber, dass diese Knechtschaft nur so lange möglich sei, so lange das Volk sich dem Tyrannen unterwerfe: „Wie kommt er zur Macht über euch, wenn nicht durch euch selbst?“ Eine  Frage, die La Boetie bis in die Gegenwart zitabel macht. Eine Übersetzung der Schrift gibt es beim Innsbrucker Limbus-Verlag.

Aber Freund war er eben auch. Michel de Montaigne hat La Boetie, viele Jahre nach dessen frühem Tod im Jahre 1563, einen seiner bekanntesten Essays gewidmet. In der wunderbaren Ausgabe der „Anderen Bibliothek“, mit der Übersetzung von Hans Stilett, heißt es: „Bei dem, was wir gewöhnlich Freunde und Freundschaft nennen, handelt es sich allenfalls um nähere Bekanntschaften, die bei gewissen Anlässen oder um irgendeines Vorteiles willen geknüpft wurden und uns nur insoweit verbinden. Bei der Freundschaft hingegen, von der ich spreche, verschmelzen zwei Seelen und gehen derart ineinander auf, dass sie sogar die Naht nicht mehr finden, die sie einte.“ Ja, „die Liebe zu den Frauen“ sei zwar heftiger, beißender und verzehrender, meint der Autor als Mann, aber doch nur eine „Fieberhitze“. Bei der Freundschaft hingegen, die Montaigne meint, „umfasst uns eine alles durchdringende, dabei gleichmäßige und wohlige Wärme, beständig und mild, ganz Innigkeit und stiller Glanz; nichts Beißendes ist in ihr, nichts, das uns verzehrte.“

Etienne de La Boetie mag als Jurist  geglänzt und als Philosoph das politische Denken geweitet haben. Doch als Freund, so legt es das Gedenken in Sarlat nahe, hat er sich besondere Verdienste erworben. Darauf noch ein Croissant!

Martin Oehlen

 

Etienne de La Boetie: „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“, dt. von Johann Benjamin Erhard, Limbus, 96 Seiten, 7 Euro.

Etienne

Michel de Montaigne: „Essais“, dt. von Hans Stilett, Eichborn, Folioband, 576 Seiten, 79 Euro. Der Essay „Über die Freundschaft“ beziehungsweise „Von der Freundschaft“ liegt auch in anderen Ausgaben und von anderen Übersetzern vor.

Montaigne

 

 

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