
Tapfer oder tollkühn? Das ist hier die Frage! Zoe Dubnos Debütroman „Nur das Allerbeste“ („Happiness and Love“) ist eine radikale Abrechnung mit der Kunst-Schickeria in New York. Doch nicht der Kübel an Gift und Galle, der über eine Abendgesellschaft in einem schicken Loft gekippt wird, ist hier das Wagnis. Vielmehr ist es die Tatsache, dass sich die US-Autorin bei ihrer Schimpfkanonade an Thomas Bernhards Roman „Holzfällen“ aus dem Jahr 1984 orientiert. Sie selbst macht im Nachwort ausdrücklich darauf aufmerksam.
„Echo hallt bis in die Gegenwartsliteratur“
„Eine Erregung“ nannte Thomas Bernhard, der unermüdliche Weltverächter, seinen tragikomischen Roman. Tatsächlich war auch die Rezeption des Werks einigermaßen erregt. Manch einer meinte, sich in den Protagonisten wiederzuerkennen, zumal in der Figur des gastgebenden Herrn Auersberger, der ziemlich schnell ziemlich betrunken durch den Roman lallt. Eine juristische Auseinandersetzung sorgte sodann für Gesprächsstoff.
„Das Echo dieser Empörung“, heißt es im Begleitbuch zur aktuellen Bernhard-Ausstellung im Wiener Literaturmuseum, „hallt bis in die Gegenwartsliteratur nach“. Wie wahr. Zoe Dubno folgt der Vorlage im Aufbau, beim Personal und in der Stoßrichtung. Auch der absatzlose und oft mit langen Sätzen gespickte Text ist eine Referenz an Bernhard.
Warten auf den Hollywood-Star
Allerdings ist es eine „Erregung“ im gegenwärtigen Gewand – wir wechseln also vom Wien der 1980er Jahre ins New York der 2020er Jahre. Die Erzählerin, die nach vielen Jahren in London heimkehrt, gerät wider Willen in die Fänge ihrer einstigen Förderer Nicole und Eugene. Sie nimmt deren Einladung zu einem „künstlerische Abendessen“ an, das ausgerechnet am Abend der Trauerfeier für die gemeinsame Freundin Rebecca stattfindet.
Vom weißen Leinensofa aus – und nicht aus dem Ohrensessel, wie der Erzähler in „Holzfällen“ – beobachtet sie das eitle Treiben der Gäste. Sie alle warten lange auf eine Hollywood-Schauspielerin, der zu Ehren das Dinner stattfindet – bei Bernhard ist es ein Burgschauspieler.
„Die großen Intellektuellen ihrer Zeit“
Wie die Gäste unentwegt „performen“, ist eine Pracht. „Diese Leute glaubten allesamt, dass sie die großen Intellektuellen ihrer Zeit wären“, schreibt die Erzählerin. In Wahrheit aber seien deren Werke „hoffnungslos banal und hektisch zusammengeschustert“. Diese „Gescheiterten“ hätten nämlich „ihren gesamten Hirnschmalz“ schon darauf verwendet, sich um die Finanzierung ihrer Filme oder um die Ausstellung in einer Galerie zu kümmern. Da ist offenbar nicht mehr viel Kraft für die Kunst übriggeblieben.
Alle bekommen ihr Fett weg. Selbst die jüngst verstorbene Rebecca – in „Holzfällen“ heißt sie Joana – wird nicht verschont. Über die Schauspielerin, die drogenabhängig war und Selbstmord begangen hat, lesen wir, dass die „gesamte Konstruktion ihres Ichs, mit der sie immer hausieren ging, nichts als eine Show war.“
„Nach Luxus hungernder Schwächling“
Die Erzählerin ist fortwährend genervt. Einmal sagt sie: „Wäre ich nur zu Hause geblieben und hätte meinen Thomas Bernhard gelesen, wäre ich nur zu Hause geblieben und hätte etwas Gutes gelesen, Holzfällen zum Beispiel.“ Es hilft auch wenig, dass sie sich ein Glas Naturwein nach dem anderen gönnt.
Allerdings teilt sie nicht nur aus, sondern übt zuweilen Selbstkritik. So sieht sie sich in dem Netz zappeln, das von den freigiebigen Gastgebern Eugene und Nicole ausgeworfen worden ist – weil sie ein „charakterloser, nach Luxus und Bequemlichkeit hungernder Schwächling“ sei.
„Besessen vom Erfolg“
Eugene, Sohn eines berühmten Künstlers, ist ein koksender Fotograf, der im Laufe des Abends immer unverhohlener seine Übergriffe auf eine „junge Künstlerin“ startet. Ehefrau Nicole, aus sehr wohlhabendem Hause stammend, arbeitet als Kuratorin. Allerdings interessiere sie sich weniger für die Kunst, wie unsere Gewährsfrau versichert, sondern stärker dafür, dass die Namen der Schöpfer korrekt ausgesprochen werden.
Unter den Gästen ist auch Alexander, der Schriftsteller „mit seinen Mittelschichtsmanieren, der den Frauen immer ganz demonstrativ nachschenken musste, besonders wenn jemand anderes den Wein bezahlte.“ Er legt sich mit der Schauspielerin an, die schließlich doch noch eintrifft. Sie monologisiert über Literatursnobs, die ihr Schreiben für moralisch wertvoller halten als das der anderen, und über das autofiktionale Schreiben: „Dieser Drang, alles, was man tut, zum Inhalt eines Romans zu machen, was doch letztendlich auch nur Besessenheit vom Erfolg ist.“
Hommage der besonderen Art
Leider versäumt es die Schauspielerin, noch ein Wort über die Idee zu verlieren, einem renommierten Roman ein modernes Outfit zu verpassen. Vermutlich würde sie an Zoe Dubnos Konzept, an diesem „Holzfällen reloaded“, kein gutes Haar lassen. Stattdessen hätte sie womöglich gestichelt, dass manche vor keiner Tollkühnheit zurückschreckten, um auf dem Buchmarkt zu landen.
Wir wollen es nicht leugnen: „Nur das Allerbeste“ bietet ausreichend Stoff für eine unterhaltsame Lektüre. Mit manch guten Beobachtungen und Beschreibungen. Gleichwohl hätte man dieser Künstlersatire eine größere Eigenständigkeit bei Plot und Aufbau gewünscht. Mehr Original und weniger Remake – das wäre tapfer gewesen. So aber ist „Nur das Allerbeste“ eine Hommage der besonderen Art: Ein Palimpsest, eine Überschreibung, bei der der Ursprungstext an vielen Stellen durchscheint.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir den Begleitband zur Wiener Thomas-Bernhard-Ausstellung, aus dem in dieser Rezension zitiert wird, HIER vorgestellt.
Die Ausstellung
„Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen – Thomas Bernhard heute“ im Wiener Literaturmuseum wurde Ende April eröffnet und läuft dort bis zum Februar 2027 zu sehen. Der gleichnamige Begleitband erscheint im Paul Zsolnay Verlag und kostet 38 Euro.
Zoe Dubno: „Nur das Allerbeste“, dt. von Anke Caroline Burger, dtv, 284 Seiten, 24 Euro. E-Book: 16,99 Euro.
