
Wo stinkt es am mitleidlosesten? Vier Städte stehen zur Auswahl: A Lübeck, B Ostende, C Baltimore, D Brügge. Wo ist die Intelligenz nicht zuhause? In A Trier, B Uppsala, C Leverkusen, D St. Gilgen? Und schließlich noch diese Frage: Welche Stadt missfällt als muffiges und verabscheuungswürdiges Nest? Ist es A Bielefeld, B Malmö, C Ljubljana oder D Augsburg? Die Antworten fallen womöglich leichter, wenn man weiß, dass es sich hier um Quizfragen zum Werk von Thomas Bernhard handelt.
Mit diesem Spaß endet der neue und 34. „Profile“-Band aus der Buchreihe der Österreichischen Nationalbibliothek. Gewidmet ist er dem „toten Giganten“, wie Elfriede Jelinek in ihrem Nachruf über Thomas Bernhard (1931-1989) gesagt hat. Der Titel erscheint anlässlich einer Ausstellung im Wiener Literaturmuseum, die ab 30. April 2026 zu sehen ist: „Dem Stumpfsinn die Narrenkappe aufsetzen – Thomas Bernhard heute“.
„Österreichs Verleugnung seiner Mitschuld“
Die Quizeinlage von Lisa Plakolm zeigt, dass die Herausgeber durchaus geneigt sind, die Literaturwissenschaft mit der Lizenz zur Unterhaltung zu praktizieren. All das fügt sich zu einem erfrischenden Bernhard-Buch. Dieses erfreut zudem mit zahlreichen Fotografien und Dokumenten, darunter – so versichert es der Zsolnay Verlag – sind „nie gezeigte Fundstücke“.
Thomas Bernhards Wirkung, schreiben die Herausgeber, „reicht schon lange weit über den Horizont der hassgeliebten Herkunftsgegend und die Grenzen des unerbittlich attackierten Staates Österreich hinaus.“ Zugleich erinnern sie daran, dass der Eklat um den beschlagnahmten Roman „Holzfällen“ (1984) und der Skandal um die Uraufführung des Theaterstücks „Heldenplatz“ (1988) „zu den Höhepunkten nationaler Erregungszustände“ zählen. Ja, die „dramatische Abrechnung mit Österreichs Verleugnung seiner Mitschuld an den NS-Verbrechen wurde Teil der Erinnerungskultur.“


„Das ist nichts für Anfänger“
Der Autor und sein Werk werden von vielen Stimmen und aus vielen Perspektiven beleuchtet. Das fängt schon damit an, dass Statements von Autorinnen und Autoren aus fast aller Welt versammelt werden. In Vignetten und Essays geht es sodann um die Anfänge („Becoming Thomas Bernhard“) und die Selbstinszenierung, um Sprache, Naturschutz und Erotik. Gleich mehrere Beiträge befassen sich mit des Autors Neigung zur Architektur. Auch wird am Mythos von Thomas Bernhard als Menschenfeind gekratzt. Und die Bedeutung des Reisens fasst Christoph H. Winter solcherart zusammen: „Den Autor und seine Figuren treibt nicht der Erlebnis-, sondern der Distanzgewinn: Mit der Ferne nimmt die Klarheit zu.“
Juliane Werner zeigt ein Herz für Bernhards Übersetzerinnen und Übersetzer. Sie verweist in ihrem Beitrag auf die „überlangen“ Sätze, die „den Erzählkonventionen etlicher Sprachen“ zuwiderliefen. Auch die Übertragung von Wortneuschöpfungen wie „Schafspelzmantel“ seien eine Zumutung. So sei aus dem „Voralpenschwachdenker“ Heidegger im Englischen ein „feeble thinker from the Alpine foothills“ geworden. Der Übersetzer M. Sami Türk, der Bernhard ins Türkische transponiert, hält fest: „Das ist nichts für Anfänger, das steht für mich mittlerweile fest.“

„In Lübeck stinkt es am mitleidlosesten“
Vieles mehr wird geboten. Auch eine Bernhard-Playlist, die von Autorinnen und Autoren zusammengestellt worden ist. Kathrin Schmidt meint, „Tauben vergiften“ von Georg Kreisler gehöre auf diese Liste, während Uwe Kolbe für „You Want It Darker“ von Leonard Cohen plädiert.
Stimmt, da wäre ja noch die Auflösung der Quizfragen, die auf den Städtebeschimpfungen im Werk des Thomas Bernhard basieren. Der Gestank? In „Minetti“ heißt es: „Alle diese am Meer gelegenen Städte stinken / aber in Lübeck stinkt es am mitleidlosesten.“ Die Intelligenz? Dazu gibt der „Weltverbesserer“ Auskunft: „In Trier ist die Intelligenz / nicht zuhause“. Und die Muffigkeit? Darüber informiert eine Passage in „Die Macht der Gewohnheit“: „Gibt es denn in Augsburg / überhaupt einen Arzt / einen Rheumaspezialisten / in diesem muffigen, verabscheuungswürdigen Nest / In dieser Lechkloake“.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
finden sich zahlreiche Beiträge, in denen von Thomas Bernhard die Rede ist. Unter anderem gibt es „Thomas Bernhard – Die unkorrekte Biografie“ von Nicolas Mahler HIER und „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“ von Bernhards Bruder Peter Fabjan HIER.
Die Ausstellung
über Thomas Bernhard im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, Johannesgasse 6 in Wien, ist vom 30. April 2026 bis zum 21. Februar 2027 zu sehen.
„Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen – Thomas Bernhard heute“, hrsg. von Bernhard Fetz, Katharina Manojlovic und Juliane Werner, Paul Zsolnay Verlag, 384 Seiten, 38 Euro.
