
Felix Krull trifft James Wormold in Kasachstan. Dieses Kunststück glückt Kristof Magnusson in seinem herrlichen Kolportageroman „Die Reise ans Ende der Geschichte“. Wie beim Hallodri aus Thomas Manns unvollendetem Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1954) werden die Kleider und Rollen je nach Bedarf gewählt, auch mal eine fremde Uniform, und wie bei Graham Greenes „Unser Mann in Havanna“ (1958) wird auf eigene Rechnung in internationalen Geheim-Gewässern gefischt. Aber richtig – worum geht es überhaupt?
Der Beginn einer rumpelnden Partnerschaft
Gerade ist die Mauer in Berlin ge- und die Sowjetunion zerfallen, da wird der junge deutsche Erfolgsautor Jakob Dreiser auf einer Gartenparty der russischen Botschaft in Rom von Dieter Germeshausen angesprochen. Nicht zufällig, sondern gezielt. Denn Germeshausen ist ein frustrierter Mitarbeiter des deutschen Geheimdienstes. Seine Arbeit wird, so sieht er es, nicht hinreichend gewürdigt. Das hat ihn veranlasst, sich als Doppelagent zu verdingen. Nun plant er ein ganz großes Ding – den An- und Weiterverkauf eines Militärhubschraubers aus dem einstigen Ostblock.
Für diesen Job benötigt er den smarten und unbescholtenen Dichter. Warum sich Jakob Dreiser auf dieses Abenteuer, bleibt ein wenig rätselhaft – vielleicht weil er sich am Schreibtisch zu langweilen beginnt. Jedenfalls ist er Feuer und Flamme, als es nach Kasachstan geht. Dass der Novize bald schon die Eigeninitiative ergreift, gefällt dem alten Fahrensmann keineswegs. Und so entwickeln die beiden eine rumpelnde Partnerschaft.
Fehlbar und durchaus liebebedürftig
Weiter belebt wird das Figurenensemble durch einige Damen mit so schönen Namen wie Dominique Fishbowl, Francesca Aquatone und Jekaterina Alfredwona Harms. Sie setzen amouröse, politische und geschäftliche Akzente.
Wo Kristof Magnusson draufsteht, da ist Unterhaltung drin. Da denke man nur an „Das war ich nicht“ (2010) oder „Ein Mann der Kunst“ (2020). Mit freundlichem Witz – doch, den gibt es – bringt er uns seine Heldinnen und Helden näher. Allerdings stellt er sie nicht bloß oder gar an den Pranger. So erkennen wir, dass Dreiser und Germeshausen keine Moralapostel sind. Ganz und gar nicht. Gleichwohl bleiben sie uns sympathisch. Auch weil sie recht liebebedürftig, fehlbar und etwas naiv sind.
Der Poet als Handlungsreisender
Ein paar Einblicke in die real existierende Lebenswelt eines Poeten werden zudem geboten. Das sei nicht mehr ein so einsamer Job wie alle denken, lässt Kristof Magnusson seinen Helden sagen. Tatsächlich sei er, also Dreiser, auf vielen Veranstaltungen zu Gast. Ein Kollege habe das einmal so beschrieben: „Man beginnt als Poet und endet als Handlungsreisender.“
Auch Dreisers Lob der Poesie eignet sich für die nächste Poetikdozentur: „Jede Generation brauchte doch Menschen, die versuchten, das Leben in wenige verdichtete Zeilen zu bannen, Brühwürfel aus der Wirklichkeit zu machen, aus diesem Wust.“
„Das ist alles noch gar nicht so lange her“
Erzählerisch geht es ziemlich turbulent zu. Nicht nur wegen des Wechsels der Perspektiven. Da werden keine Meditationsübungen veranstaltet, sondern ist Action angesagt. Wie soll es auch anders sein, wenn ein Roman mit diesem vielversprechenden Satz beginnt: „Dieter Germeshausen, Bundesbeamter im siebenundzwanzigsten Dienstjahr, merkte nicht sofort, dass man ihn vergiftet hatte.“
Der rasant dahinzischende Plot ist das große Plus des Romans. Doch gibt es auch sympathische Entspannungszonen. Eine der schönsten ist jene, in denen sich Jakob Dreiser an seinen Großvater erinnert, der plötzlich anfängt, über seine Soldatenzeit in Russland zu sprechen. Dreiser bekennt, dass er da erst begriffen habe, was es bedeutet, wenn Ältere sagen: „Das ist alles noch gar nicht so lange her.“
„Sie feierten das Ende vom Ende der Welt“
Auch die frühen 1990er Jahre, in denen der Roman spielt, sind noch nicht so lange her. Was waren das doch für politselige Zeiten! Jakob Dreiser ist sich der historischen Luxuslage bewusst: „Der Eiserne Vorhang war weg, der Ernst war weg, die Angst war weg.“ Es mochte nicht allen bewusst sein, sinniert der Dichter auf der Gartenparty der Russischen Föderation, aber eigentlich feierten sie hier, dass sie überlebt hatten: „Sie feierten das Ende vom Ende der Welt.“ Diese Feier ist noch gar nicht so lange her. Aber beim Blick auf die Nachrichtenlage schon wieder ferne Vergangenheit.
Daran erinnert Kristof Magnusson, bislang im Verlagsprogramm bei Kunstmann und nun bei Klett-Cotta zu finden, als gleichermaßen leichtfüßig wie trittsicher voranschreitender Erzähler. Ihm folgt man gerne auf dieser „Reise ans Ende der Geschichte“ – das ist ein flottes Vergnügen mit feinen Zwischentönen.
Martin Oehlen
Bonustrack
Kristof Magnusson hat im Gespräch mit seinem Verlag Klett-Cotta erzählt, wie er auf den Gedanken gekommen ist, einen Roman über einen Dichter zu schreiben, der als Spion rekrutiert wird:

„Ich war ein Jahr in Rom, in der Deutschen Akademie Villa Massimo. Dort lernt man sehr viele und sehr unterschiedliche Menschen kennen (…). An einem dieser Abende war die Idee plötzlich da: Künstler, Dichter sind die idealen Spione! Sie beobachten gern Menschen, sitzen stundenlang im Café und machen sich Notizen. Sie können vom Botschaftsempfang bis zur Sexparty überall auftauchen, ohne dass jemand sich wundert. Sie reisen zu Festivals, Lesungen, Buchmessen – jedes schrullige Verhalten, jeder noch so sonderbare Aufenthaltsort kann erklärt werden mit: »Er recherchiert für ein neues Projekt«.
Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen aus anderen Bereichen sich in der Gegenwart von Künstlerinnen und Künstlern oft ein bisschen freier fühlen als sonst, ihnen Dinge erzählen, die man sonst nicht jedem sagen würde. Künstlerinnen, Autorinnen, Dichter gelten als Idealisten, man hat vor ihnen keine Angst, oder wie es in »Die Reise ans Ende der Geschichte« heißt: »Was kann harmloser sein als Leute, die zu Hause sitzen und lesen und schreiben?« Auch wenn mir klar ist, dass im Literaturbetrieb vielleicht nicht alle dieser Aussage zustimmen würden.“
Auf diesem Blog
haben wir Kristof Magnussons Roman „Ein Mann der Kunst“ HIER rezensiert, einen Bericht über die Buchvorstellung in Köln gab es HIER. Außerdem finden sich zwei Beiträge über seine TransLit-Poetikdozentur in Köln HIER und HIER.
Lesungen
mit Kristof Magnusson in München (23. 2.), Berlin (24. 2.), Halle (1. 3.), Koblenz (10. 3.), Langenau (11. 3.), Bad Rappenau (12. 3.), Köln (14. 3.), Hamburg (17. 3.), Leipzig (21. 3.), Bonn (25. 3.), Stetten (27. 3.), Volkertshausen (28. 3.), Osterholz (9. 4.), Frankfurt am Main (16. 4.), Köln (17. 4.), Neunkirchen (23. 4.) – und weitere Termine folgen.
Kristof Magnusson: „Die Reise ans Ende der Geschichte“, Klett-Cotta, 284 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
