Japans sehr besondere Literaturorte: Ursula Gräfe über Schauplätze im Werk von Sayaka Murata, Haruki Murakami und Yukio Mishima

Ursula Gräfe in Essen Foto: Bücheratlas

Eine Instanz ist Ursula Gräfe. Wenn es um die Vermittlung japanischer Literatur im deutschsprachigen Raum geht, dann ist die Übersetzerin aus Frankfurt am Main eine erste Adresse. Immerhin hat sie viele Werke von Haruki Murakami, Yukio Mishima und Sayaka Murata ins Deutsche übertragen. Drei Romane dieses Trios standen jetzt auch im Mittelpunkt ihres Vortrags auf dem Kongress „Kompromisse in pluralen Welten – Japan und Europa im Vergleich“ in Essen. Ausrichter der zweitägigen, an diesem Freitag endenden Veranstaltung sind die Universitäten Duisburg-Essen und Münster.

„Kompromisse in anderen Welten“

Unter dem Titel „Kompromisse in anderen Welten“ ging Ursula Gräfe der Frage nach, „wie in japanischen Erzähltexten durch die Gestaltung besonderer Schauplätze Konflikte reguliert oder problematische Inhalte sublimiert“ werden. In ihrer Übersetzungsarbeit habe sie es immer wieder mit Fiktionen zu tun, sagte sie, in denen Orte als Projektionsfläche für krisenhafte innere Zustände dienen oder in denen real erscheinende Schauplätze in „andere“ Welten versetzt werden. Dabei sei der Übergang zur Phantastik oft fließend.

Jetzt mal die Nahaufnahme! Im Roman „Die Ladenhüterin“ (Aufbau) von Sayaka Murata ist es ein Konbini, ein Convenience Shop, der für die Heldin der ideale Lebensmittelpunkt zu sein scheint (den Roman haben wir auf dem Bücheratlas HIER vorgestellt). Ursula Gräfe bekannte, dass sie in diesem Roman zunächst satirische Züge vermutet habe. Doch die Autorin habe auf Nachfrage entschieden widersprochen. Das Glück, das ihre Heldin im Konbini erfahre, sei ganz und gar „konkret“. Besondere Orte gibt es im Übrigen auch in Sayaka Muratas nachfolgendem Roman „Das Seidenraupenzimmer“ (HIER) – unter anderem den fernen Planeten Pohapipinpopopia.

„Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“

Weiter zu Haruki Murakami! Der ewige Nobelreiskandidat ist nach Ansicht von Ursula Gräfe ein „Fusion-Autor“ zwischen westlicher und fernöstlicher Literatur. Gleichwohl pocht sie darauf, ihm aufgrund des internationalen Erfolgs nicht seine „Japanizität“ abzusprechen. Zu dieser „Japanizität“ gehört wohl auch, dass tiefenpsychologisch bedeutsame Räume zu seiner literarischen DNA gehören: Brunnen, Grabkammern, Bibliotheken.

Im neuen Roman „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ (DuMont Buchverlag) begibt sich der Held an einen Ort, wo die Menschen keine Schatten haben. Diese abgeschottete Stadt erinnere an totalitäre Gesellschaften, sagte Ursula Gräf, und sei dem vertrauten Zeitkontinuum enthoben. Als der Held schließlich durch die „lebendige“ Mauer entkommt, nimmt er Abschied von seiner Geliebten und auch von seinem bisherigen Leben. Da ist er 40 Jahre alt – so alt wie noch kein Murakami-Held zuvor.  

„Der Goldene Pavillon“

In „Der Goldene Pavillon“ (Kein & Aber) macht Yukio Mishima bekannt mit dem Außenseiter Mizoguchi (was auf diesem Blog HIER ausführlich dargelegt wird). Vom Vater hat der junge Mann vernommen, dass es nichts Schöneres gebe als den Goldenen Pavillon in Kyoto. So wird für den traurigen Helden dieser Tempel aus dem 14. Jahrhundert zur Projektionsfläche für seine privaten Probleme. Aber auch der Pavillon selbst wird zum Akteur, indem er sich von seiner prächtigsten Seite zeigt, um die geplante Brandstiftung zu verhindern. Jedoch: vergebens.

Alle drei Schauplätze – der Konbini bei Sayaka Murata, die ummauerte Stadt bei Haruki Murakami und der Pavillon bei Yukio Mishima – seien sinnstiftend für die Protagonisten, sagte Ursula Gräfe. Dort zeigen sich oder lösen sich die individuellen Konflikte. Ja, die Orte und Gebäude selbst werden zu Handlungsträgern. Das sei schon beim Altmeister Abe Kobo so gewesen, der auch mal seinen Helden selbst zur Mauer mutieren lässt.

Suche nach der Identität

Die imaginären Räume in den vorgestellten Romanen veranschaulichen einerseits die Ängste der Protagonisten und andererseits ermöglichen sie die Suche nach der Identität, sagte Ursula Gräfe. Aus alledem leitete die Übersetzerin, ganz im Sinne des Tagungsthemas in Essen, ihre These ab: „Die ‚kompromisshafte‘ Haltung dieses Schreibens besteht darin, Konflikte in sehr konkret gestaltete ‚andere Welten‘ oder metaphorische Bereiche zu verlagern.“  

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir einige Werke von Haruki Murakami, ebenso die Übersetzungsarbeit von Ursula Gräfe und generell Beiträge zur japanischen Literatur veröffentlicht – die Texte sind leicht auffindbar über die Suchmaske auf diesem Blog. Zuletzt erschien ein Beitrag über Lisette Gebhardts Sammelband „Oe lesen“ genau HIER.

Außerdem haben wir die Neuübersetzung der Werke von Yukio Mishima HIER und die Romane von Sayaka Murata HIER und HIER vorgestellt.  

Der Kongress

„Kompromisse in pluralen Welten – Japan und Europa im Vergleich“ wurde organisiert vom Forschungsverbund „Kulturen des Kompromisses“ und dem Projektverbund „Agonale Pluralität“ der Universitäten Münster und Duisburg-Essen. Ziel war es, „die besonderen Formen der Konfliktregulierung in Japans Geschichte und Gegenwart“ zu behandeln.

Auf dem Buchmarkt

ist von den im Vortrag genannten Werken zuletzt „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami erschienen.

Haruki Murakami: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“, dt. von Ursula Gräfe, DuMont Buchverlag, 640 Seiten, 34 Euro. E-Book: 27,99 Euro.

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