Jena ist der Nabel der Welt: Andrea Wulf erzählt in „Fabelhafte Rebellen“ von den Frühromantikern und der Erfindung des Ich

Goethe und Schiller mischten zwar auch bei den Frühromantikern in Jena mit, allerdings standen sie dort und damals ausnahmsweise nicht im Mittelpunkt. Hier sehen wir die Herren in Weimar – aber wenn uns nicht alles täuschen, denken sie da gerade an Jena. Foto: Bücheratlas

Es waren nur zehn Jahre. Aber die hatten es in sich. In den 1790er Jahren, schreibt Andrea Wulf, wurde Jena zum Mittelpunkt der abendländischen Philosophie: „Ein kurzer Augenblick im Zeitenlauf, aber der Moment, der unser Denken von Grund auf veränderte.“ Dabei richtet die Autorin ihr Augenmerk insbesondere auf Caroline Schelling (geborene Michaelis, verwitwete Böhmer, geschiedene Schlegel). Aber selbstverständlich tauchen auch all die anderen jungen Geistesgrößen auf: Fichte, Novalis, Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Schelling und Dorothea Veit. Rund um diese Gruppe sorgen Goethe und Schiller, Hegel sowie Wilhelm und Alexander von Humboldt für Aufsehen.

Wie die „Fabelhaften Rebellen“ des Geistes das Ich entdeckten und den freien Willen feierten, warum das eine so große Sache war und wieso sie ausgerechnet in der Kleinstadt an der Saale gelang – das schildert die Andrea Wulf in ihrer süffig-spannenden und um Verständlichkeit bemühten Erzählung. Da geht es nicht nur um große Gedankengänge, sondern auch um Liebe, Skandale und Beziehungskrisen. Und es wird dicht an den Quellen erzählt. Selbst der idyllische Hinweis, dass man beim Gang durch die Gassen „Gesprächsfetzen über Poesie und Philosophie sowie den Klang von Geigen und Klavieren“ vernehmen konnte, wird mit einem Beleg versehen.

„Deutschlands berühmtester Dichter“

Dass es sich bei dem Buch um eine Übersetzung aus dem Englischen handelt, erkennt man da und dort. So gibt es einige Querverweise zur angelsächsischen Literatur und Philosophie. Auch werden Erläuterungen für ein mit deutschen Selbstverständlichkeiten nicht sonderlich vertrautes Lesepublikum geboten: Goethe, erfahren wir, war „Deutschlands berühmtester Dichter“. Schad ja nix.

Andrea Wulf feiert mit den „Fabelhaften Rebellen“ die Kunst, den Geist und die Natur. Wer nach der Lektüre nicht Jena besuchen will, wohnt wohl schon dort.

Martin Oehlen

Andrea Wulf: „Fabelhafte Rebellen – Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich“, dt. von Andreas Wirthensohn, C. Bertelsmann, 526 Seiten, 30 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

2 Gedanken zu “Jena ist der Nabel der Welt: Andrea Wulf erzählt in „Fabelhafte Rebellen“ von den Frühromantikern und der Erfindung des Ich

  1. Am Donnerstag, meinem Geburtstag, war ich in Jena, aus Essen angereist, im schönen Erfurt wohnend. Der Besuch im „Romantiker-Haus „ war das beste Geschenk seit langem. Natürlich war dort auch das Buch „Fabelhafte Rebellen „ vorhanden. Die Autorin soll im Frühjahr dort lesen, aber sicher ist der Termin noch nicht. Das Buch ist ein Ereignis! Zum Glück habe ich es noch nicht ausgelesen.
    Ihrem Blog folge ich schon lange! Sehr gerne!

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