„Ein gegenseitiges Verhängnis“: Der spektakuläre Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch schärft den Blick auf ein berühmtes Paar

Das einzige gemeinsame Foto von Max Frisch und Ingeborg Bachmann entstand 1962 in Rom. Es wird in dem vorliegenden Band erstmals veröffentlicht. Quelle: Max-Frisch-Archiv, Zürich, Foto: Mario Dondero/Suhrkamp Verlag

Am Ende sollten keine Spuren zurückbleiben. Jedenfalls nicht solche, die mitten in die Intimsphäre führen. Das hatte Ingeborg Bachmann (1926-1973) gegenüber Max Frisch (1911-1991) mehrfach zum Ausdruck gebracht. Die Österreicherin forderte den Schweizer, der ihr Liebhaber gewesen war, an Heiligabend 1963 sogar auf, die gemeinsame Korrespondenz zu verbrennen, „damit niemand ein Schauspiel hat eines Tags“. Von einer Vernichtung der Briefe, Postkarten und Telegramme wollte Frisch zwar nichts wissen. Aber er hielt in einem frühen Testament fest, dass die Korrespondenz unter Verschluss bleiben solle. Allerdings hob er diese Verfügung später auf und legte eine Sperrfrist von 20 Jahren nach seinem Tod fest. Nun erscheint der spektakuläre Briefwechsel unter dem Titel „Wir haben es nicht gut gemacht“. Und es ist wahrlich ein „Schauspiel“ – eines aus der Abteilung Tragödie.

„Stellt diese Publikation nicht einen Tabubruch dar?“

Dass es in diesem 1000-Seiten-Band gleich zwei Nachworte gibt, eines von der Bachmann-Forschung und eines von der Frisch-Forschung, zeigt die besondere Empfindlichkeit dieses faszinierenden und so erhellenden Editions-Projekts. Der Grund liegt in der Deutung der Beziehung, bei der Max Frisch bislang zumeist schlecht wegkam.

„Stellt diese Publikation nicht einen Tabubruch dar?“ fragen die Bachmann-Experten Hans Höller und Renate Langer. Immerhin seien in den Briefen Geheimnisse enthalten, „über die zu schweigen der Anstand“ gebiete. Eine rhetorische Frage. Denn die Legitimation zur Veröffentlichung haben sich die Herausgeber bei Bachmanns Geschwistern geholt: „Der Bruder und die Schwester haben der Edition zugestimmt.“ Niemandem habe Ingeborg Bachmann mehr vertraut. Das Gute dabei sei: Die früh verstorbene Schriftstellerin erhalte nun die Möglichkeit, der „Deutungshoheit“ von Max Frisch etwas entgegenzusetzen, und ihm „nach ihrem Tod schriftlich ins Wort fallen.“

„Wie ein langgefürchteter Engel“ 

Der Autor macht im Mai 1958 den ersten Schritt. Er schreibt der 15 Jahre jüngeren, ihm persönlich nicht bekannten Kollegin, wie sehr er ihr Hörspiel „Der Gute Gott von Manhattan“ bewundere. Daraufhin ergreift Ingeborg Bachmann die Initiative. In ihrem Antwortbrief kündigt sie an, dass sie demnächst in Zürich sei, also in seiner Nähe: „Ich könnte zwei, drei oder vier Tage bleiben, und ich hoffe so sehr und ohne rechte Überlegung, dass auch Sie es wünschen könnten.“

Schon einen Monat später schreibt Frisch, der damals mit Madeleine Seigner zusammenlebte: „Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein. Und ich bin glücklich und ratlos und zu feig, um über die Stunde hinaus zu denken.“ Bald schon finden sie zusammen – trotz des im Kanton Zürich damals noch geltenden „Konkubinatsverbot für nichteheliche Lebensgemeinschaften“. Ingeborg Bachmann schreibt: „Ich kann nur an Dich denken, sonst fast nichts.“ Und er antwortet: „Ich möchte mit Dir ans Ende gehen, und wenn Du mich verlassen musst, nie wieder lieben.“

„Mein armer Bär“

Die Briefe bieten intime Auskünfte zu Leben und Werk eines „berühmten Paares“, von dem es verblüffenderweise nur ein gemeinsames Foto gibt. Es wird in dem Band erstmals veröffentlicht. Die Aufnahme entstand 1962 in der Wohnung in Rom (Via Notoris 1F) für einen Zeitungsartikel über Frisch: Der Pfeife rauchende Autor steht in der Bildmitte, den Blick konzentriert nach links gerichtet, wo Ingeborg Bachmann nur noch im Anschnitt zu sehen ist. Weitere Spuren der Beziehung finden sich in den literarischen Veröffentlichungen, in Bachmanns „Malina“ wie in Frischs „Montauk“.

Doch so unverstellt wie jetzt war der Einblick noch nie: „Mein armer Bär“ – „Geliebteste Frau“. Wenig bleibt verborgen. Da kommen chirurgische Eingriffe ebenso zur Sprache wie alternative Liebesbeziehungen. Enzensberger, Walser, Henze und die Dietrich, Celan, Eich, Aichinger und Böll (dessen Briefwechsel mit Bachmann 2029 erscheinen soll) – viele finden Erwähnung. Mancher Spekulation wird die Grundlage entzogen. So hatte Ingeborg Bachmann während ihrer Zeit mit Frisch keinen Schwangerschaftsabbruch. Und sie neigte  schon früh zu erhöhtem Medikamentenkonsum und wurde nicht erst durch die Trennung zur Einnahme von Beruhigungsmitteln verleitet.

„Mit dem Wägeli“ nach Rom

Die Korrespondenz ist ein literarisches Feinkostangebot. Kein Wunder – immerhin greifen hier zwei Spitzenkräfte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zur Feder. Da wird nach allen Regeln der Kunst formuliert – behutsam, präzise, elegant, anschaulich, schön. Und es geht nicht nur um Liebe und Literatur. Über vieles tauscht man sich aus. Als Bachmann mit ihrem neuen VW-Käfer nach Rom fährt, schreibt sie, dass sie „mit dem Wägeli“ bereits nach den ersten 300 Kilometern befreundet gewesen sei. (Und dem Kommentar entnehmen wir den Hinweis, dass in Italien Trunkenheit am Steuer am 15. Juni 1959 ins Verkehrsgesetz aufgenommen wurde, „jedoch ohne Angabe konkreter Promillegrenzen.“)

Während die Bachmann-Frisch-Beziehung nur knapp fünf Jahre währte, erstreckt sich ihre Korrespondenz über 15 Jahre. Allerdings gibt es Lücken in der Überlieferung. Auch finden sich ungefähr doppelt so viele Bachmann-Briefe wie Frisch-Briefe. Offenbar hat die Autorin, um ihre Privatsphäre ringend, gründlich aufgeräumt. Dass überhaupt so viele Briefe von Frisch überliefert sind, liegt daran, dass er nicht selten Abschriften und Durchschläge gemacht hat.

Rom war einer der bevorzugten Aufenthaltsorte von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Foto: Bücheratlas

„Sünde“ und „Verrat“

Tat er es allein, weil er um die Besonderheit dieser Texte wusste? Die Bachmann-Forschung vermutet, „dass er immer schon an eine literarische Verwertung dieses Briefwechsels dachte und dafür Material sammelte.“ Das verleitet Hans Höller und Renate Langer zu einem scharfen Urteil über Frischs Vorgehen: „Es ist die Sünde wider den freien Geist der Literatur, ein Verrat an dem ihm am nächsten stehenden Menschen.“

Allerdings ist den nun vorliegenden Briefen zu entnehmen, wie gut Ingeborg Bachmann über die Entstehung des Romans „Mein Name sei Gantenbein“ (1964) informiert war. Dass hier ein „Missbrauch der Geliebten als Studienobjekt“ vorliege, wie die gelegentliche Unterstellung lautet, scheint von den Briefen entkräftet zu werden. So gab Ingeborg Bachmann, die sich in der Figur der Lila gespiegelt sah, Rat und Anregung zum Manuskript. 1963 schreibt sie an Frisch: „Ich habe die Größe des Buchs schon früh geahnt und gesehen, dann habe ich sie bestätigt gefunden.“ Ausdrücklich wünscht sie ihm „alles Gute für das Buch und die Zukunft“.

„Alleingelassen“ und „verstoßen“

Es ist eine Liebestragödie in Briefen. Da gibt es eine Zeit des Schwebens und eine Zeit des Fallens, dazwischen das Sehnen und das Zweifeln. Zwar leben Bachmann und Frisch in einer „offenen Beziehung“, die sie 1960 in ihrem „Venedig-Vertrag“ besiegelt haben. Doch diese Toleranz bietet eben auch keinen Schutz vor Eifersucht und Entfremdung. Bachmanns Liaison mit Hans Magnus Enzensberger nimmt Frisch hin. Doch die Zuneigung zum Germanisten Paolo Chiarini scheint ihm dann doch zu weit zu gehen. Und Bachmann ihrerseits hat zunächst keine Einwände gegen Frischs Beziehung mit Marianne Oellers, merkt dann aber doch, wie ernst die Sache ist: Frisch wird sie im Jahre 1968 heiraten.

Der Riss zwischen Bachmann und Frisch weitet sich mehr und mehr. Er wirft ihr vor, ihn „alleingelassen“ zu haben; sie wirft ihm vor, sie „verstoßen“ zu haben. Fragen der „Gleichberechtigkeit“, des Altersunterschieds, der „Angst“ voreinander, der zu großen Nähe und des zu häufigen Fernseins gewinnen an Bedeutung. Schließlich der geradezu schmerzhafte Austausch darüber, wie das gemeinsame Hab und Gut aufgeteilt werden solle.

„Durch die Feindbilder hindurchsehen“

Woran das Glück letztlich zerbrochen ist? Die Briefe, die aufschlussreich kommentiert werden, geben einige Hinweise, aber doch keine Gewissheit. Die Bachmann-Experten Hans Höller und Renate Langer meinen, dass das Drama der Beziehung „in den unvereinbaren Vorstellungen von Liebe und Zusammenwohnen“ gelegen habe.

Thomas Strässle und Barbara Wiedemann, die Vertreter der Frisch-Forschung, weisen darauf hin, dass Bachmann und Frisch mit vielem gleichzeitig zu kämpfen hatten: „mit ihrer Leidenschaft, mit sich selbst, mit ihrer Zeit, mit ihrer Sucht.“ Vielleicht sei es nun aufgrund der Dokumente möglich, „durch die Feindbilder hindurchzusehen und diese Beziehung zu erkennen als das, was sie war: ein gegenseitiges Verhängnis.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger HIER vorgestellt: „Schreib alles was wahr ist auf“.

Ingeborg Bachmann, Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht – Der Briefwechsel“, hrsg. von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann, 1078 Seiten, Suhrkamp, 40 Euro. E-Book: 29,99 Euro.

2 Gedanken zu “„Ein gegenseitiges Verhängnis“: Der spektakuläre Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch schärft den Blick auf ein berühmtes Paar

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