Routinefall wird in Putins Russland zum Politikum: „Tod in weißen Nächten“ ist ein spannender Kriminalroman von G. D. Abson

Licht und Schatten in Sankt Petersburg Foto: Bücheratlas

War die junge Frau, die tot in einem Straßengraben bei Sankt Petersburg gefunden wird, wirklich eine drogensüchtige Prostituierte? Alle Anzeichen sprechen dafür. Oder hängt ihr gewaltsamer Tod mit ihren politischen Aktivitäten zusammen? Elisaweta Dmitrijewna Kalinia, alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes, war Mitglied der „Dezembristen“, und plante eine neue Aktion. Die politische Protestgruppe sieht sich in der Tradition der historischen „Dekabristen“, die sich im 19. Jahrhundert gegen den Zaren auflehnten.  

Natalja ist eine der letzten Aufrechten

Was für Kommissarin Natalja Iwanowa zunächst nach einem Routinefall aussieht, gerät schnell zum Politikum und bringt der toughen Petersburger Ermittlerin mächtig Ärger ein. Ihr Vorgesetzter pfeift sie zurück, ihre Wohnung wird durchsucht, und ausgerechnet ihr, einer der letzten Aufrechten im korrupten Petersburger Polizeiapparat, droht eine Anklage wegen Bestechung. Schließlich schaltet sich auch noch der russische Inlandsgeheimdienst ein. Schlimmer kann es kaum kommen.    

Der britische Autor Garry Abson ist ein Newcomer auf dem internationalen Krimimarkt. 2018 erschien sein Debütroman „Motherland“ („Tod in weißen Nächten“) in dem Natalja Iwanowa erfolgreich ihren Einstand feierte. 2019 folgte der Krimi „Black Wolf“, der in der jetzt erschienenen deutschen Übersetzung den Titel „Blutrot ist das Schweigen“ verpasst bekam.  Wie schon im Vorgängerband schildert Abson Russland als ein finsteres, von korrupten Politikern regiertes Land.  Geld und Macht sind in der ehemaligen Sowjetunion eine ungute Partnerschaft eingegangen und haben ein Volk von Schlägern, Säufern und Duckmäusern hervorgebracht.

Aufstand gegen das Regime

Nur einige wenige Aufrechte, darunter die ermordete Elisaweta Dmitrijewna Kalinia, wagen es, in aller Heimlichkeit, gegen Putin und sein Schreckensregime die Stimme zu erheben. So verzieren sie die Unterseite einer Brücke mit einem riesigen Penis, der sichtbar wird, sobald die Brücke hochgeklappt wird.  Besonders pikant: Genau gegenüber befindet sich das Hauptquartier der Sankt Petersburger Geheimpolizei.  Abson hat sich dabei an einer Aktion des anarchistischen Künstlerkollektivs Woina aus dem Jahr 2010 orientiert, das in den 2010er Jahren mit Anschlägen und spektakulären Performances von sich reden machte.           

Abson, der in Großbritannien Politologie mit Schwerpunkt Russland studiert hat, nimmt kein Blatt vor den Mund. Er verpackt seine Kritik an den bestehenden Umständen in eine knallharte und überzeugende Kriminalgeschichte. Dass die Lösung des Falls letztendlich nur am Rande mit den politischen Verwerfungen in Russland zu tun hat, tut da wenig zur Sache.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

haben wir G. D. Absons Debütroman „Tod in weißen Nächten“ HIER besprochen.

G. D. Abson: „Blutrot ist das Schweigen“, dt. von Kristof Kurz, Rowohlt, 430 Seiten, 13 Euro. E-Book: 9,99 Euro. 

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