Als Jürgen Becker in New York Max Frisch porträtierte: Der Schriftsteller, der am Sonntag 90 Jahre alt wird, als Fotograf in einer Kölner Ausstellung

Jürgen Becker (rechts) und Boris Becker in der Kölner Ausstellung. Foto: Bücheratlas

Jürgen Becker als Fotograf? Diese Kombination ist möglicherweise nicht weithin bekannt. Allerdings hat der Lyriker, Romancier und Hörspielautor – ausgezeichnet unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis – eine einschlägige Vergangenheit. Daran erinnert jetzt die Kölner Galerie formformsuche in einer Ausstellung mit Jürgen Beckers New-York-Fotografien aus dem Jahre 1972.

Präsentation einer Preziose

Die „Fotosession“ liegt nun schon 50 Jahre zurück. Und vor zehn Jahren ist der wunderbare Fotoband „New York 1972“ im Sprungturm-Verlag von Jürgen Beckers Sohn Boris Becker erschienen. Allerdings gibt es noch einen dritten kalendarischen Anlass für diese Präsentation einer Preziose: Jürgen Becker wird am Sonntag 90 Jahre alt. Darauf werden wir auf diesem Blog am 10. Juli ausführlich eingehen – nicht zuletzt wird dann auch davon die Rede sein, was New York für Jürgen Becker bedeutet hat. Doch nun erst einmal die Ausstellung in Köln, nur ein paar Schritte entfernt vom Rheinufer.

Im öffentlichen Gespräch mit Barbara Hofmann-Johnson, Leiterin des Museums für Photographie in Braunschweig, informierten Vater und Sohn über die spektakuläre Genese der Foto-Serie. Nach einer Lesereise des Autors durch die USA und Kanada hielten sich Jürgen Becker und seine Ehefrau, die im vergangenen Jahr verstorbene Künstlerin Rango Bohne, in New York auf. Der Kollege Max Frisch hatte ihnen ein Apartment in der Nähe des Riverside Drive vermittelt.

Der Zehnmeterturm im Letzigraben

Max Frisch, der mit seiner Ehefrau Marianne in der Metropole wohnte, hatte Jürgen Becker gebeten, Porträtaufnahmen von ihm zu machen. Der Kölner Autor hatte immerhin im Jahr zuvor seine Foto-Künste in dem Suhrkamp-Taschenbuch „Eine Zeit ohne Wörter“ (1971) bewiesen. Allerdings war Jürgen Beckers erste Reaktion: Nein, das gehe nicht, er sei kein professioneller Fotograf. Darauf Max Frisch: Genau deshalb sei er der richtige Mann für diese Aufgabe. Tatsächlich hat Jürgen Becker dann jede Menge Fotografien von Max Frisch gemacht – allerdings sind sie alle verschollen. Damals hatte er sie an den Suhrkamp Verlag geschickt – und danach verliert sich ihre Spur. Bis heute. Möglicherweis ruhen sie in einem Archiv.

Lange Zeit verschollen waren auch die „übrigen“ New-York-Fotografien. Boris Becker, seinerseits ein renommierter Fotograf, erzählte nun im Atelier-Gespräch, wie der Zufall bei der Wiederentdeckung mitgespielt habe. Für den von ihm gegründeten Sprungturm-Verlag habe er ein Logo gesucht. Bei der Recherche sei er auf den Zehnmeterturm gekommen, den Max Frisch in den 1940er Jahren für das Freibad Letzigraben in Zürich entworfen habe. Dadurch sei die Erinnerung an die Begegnung des Vaters mit dem Schweizer Autor in den USA im Jahre 1972 geweckt worden. Und damit auch die Frage: Wo sind eigentlich die Fotos von damals?

Der Wäschekorb auf dem Dachboden

Gute Frage. Wir machen es kurz. Zwar hatte Jürgen Becker seinerzeit die Aufnahmen dem Suhrkamp Verlag angeboten, doch der winkte ab. Nur eine Taschenbuchausgabe sei ihm vorgeschlagen worden, sagte Jürgen Becker, doch die habe er nicht machen wollen. Die Enttäuschung war offenkundig nicht gering. So gerieten die Fotos in Vergessenheit. Bis ins dritte Jahrtausend hinein. Da wurden die Suchanstrengungen intensiviert. Und nach einigem Hin und Her wurden die Aufnahmen, viele davon noch unentwickelt auf Filmrollen, in einem Wäschekorb auf dem Dachboden ausfindig gemacht.

„New York 1972“ versammelt diese Fotos. Es sei das Buch von Boris Becker, beteuert Jürgen Becker. Denn der Sohn habe die Abzüge gemacht und die Zusammenstellung arrangiert. Es sei „ein visuelles Tagebuch“ des New Yorker Aufenthalts. Einmal den Broadway rauf und runter. Noch heute hoch attraktiv. Die Bilder sind geprägt vom scharfen Blick fürs Alltägliche, vom Bildschnitt, von Koinzidenzen und Kuriosem. Auffallend bei den Aufnahmen sind nicht nur die vielen offenen Motorhauben der Straßenkreuzer am Wegesrand. Auch ist erstaunlich, darauf machte Boris Becker aufmerksam, mit welcher Entschlossenheit der Autor als Fotograf auf die Menschen zugegangen sei.

Unterwegs mit dem Kameraauge

Tatsächlich hatte Jürgen Becker, ein Verehrer des Fotografen Walker Evans (1903-1975), keine Scheu, seine Rollei 35 auf Arbeiter und Müßiggänger, Kinder und Senioren, Paare und Passanten zu richten. Vermutlich spielte die Empfindung eine Rolle, meint Boris Becker, in einer buchstäblich neuen Welt angekommen zu sein, die man möglicherweise so bald nicht mehr wiedersehen werde. Es schien geboten, die Zeit zu nutzen.

Für Jürgen Becker war die Fotografie damals eine andere Möglichkeit des Schreibens. Es ging ihm um das Festhalten des Augenblicks mit dem Blick durch den Sucher – mit dem „Kameraauge“. Im Buch gibt es für das Fixieren der Unmittelbarkeit diese Aufgabenbeschreibung: „das Erlebnis des Jetzt festzuhalten in einem Bild, das zugleich die Erinnerung daran, an den soeben vergangenen Augenblick herstellt.“

Die technischen Möglichkeiten, sagte Jürgen Becker im Gespräch mit Barbara Hofmann-Johnson, veränderten unsere Sinneswahrnehmung, machten sie sensibler und genauer. Allerdings stellte der Schriftsteller nach der New Yorker Fotosession bald schon fest, dass die Fotografie nicht sein zentrales Metier sei. Das habe er nicht zuletzt begriffen, als er die Fotokunst seines Sohnes wahrgenommen habe. Boris Becker allerdings ist der Ansicht, der Vater möge sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

gibt es eine ausführliche Besprechung von Jürgen Beckers Neuerscheinungen „Gesammelte Gedichte“ und „Die Rückkehr der Gewohnheiten“ – und zwar HIER.

Auch findet sich ein Beitrag über die Buchvorstellung im Rathaus der Stadt Köln – und den gibt es HIER.

Ausstellung

mit den New-York-Fotografien in der Galerie formformsuche (Martin Bohn + Partner), Filzengraben 22 in 50676 Köln. Bis 16. Juli 2022.

Jürgen Becker: „New York 1972“, hrsg. von Boris Becker, Sprungturm Verlag, 184 Seiten. Zu beziehen über: http://borisbecker.net/content/bookshop.html

Ein Gedanke zu “Als Jürgen Becker in New York Max Frisch porträtierte: Der Schriftsteller, der am Sonntag 90 Jahre alt wird, als Fotograf in einer Kölner Ausstellung

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