Der Freiheitsroman, der im türkischen Gefängnis entstanden ist: „Hayat heißt Leben“ von Ahmet Altan

Blick auf Istanbuler Spitzen Foto: Bücheratlas

Ein gutes Buch“, lesen wir in „Hayat heißt Leben“, zeichne sich vor allem durch diese Eigenschaft aus: „dass es bis zum Schluss lesbar ist.“ Der Hinweis ist schon mal hilfreich. Denn „lesbar“ ist Ahmet Altans Roman bis zur letzten Seite. „Ein gutes Buch“ ist diese Neuerscheinung aus dem Verlag S. Fischer aber auch noch aus anderen Gründen.

Lebenslange Haft nach gescheitertem Putsch

Bemerkenswert wie das Werk ist sein Autor. Der Journalist und Schriftsteller Ahmet Altan, 1950 in Ankara geboren, war Herausgeber der in Istanbul erscheinenden Tageszeitung Taraf. Nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei im Jahre 2016 wurde die Zeitung verboten und Ahmet Altan wegen angeblicher Beteiligung am Umsturzversuch zu lebenslanger Haft verurteilt. Er saß viereinhalb Jahre im Gefängnis, ehe er im April 2021 entlassen wurde.

Seine Zeit hinter Gittern hat Ahmet Altan er genutzt, um zwei Bücher zu schreiben. Für seine Gefängnistexte „Ich werde die Welt nie wieder sehen“, die 2018 auf Deutsch bei S. Fischer erschienen sind, wurde er in Abwesenheit mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Prix André Malraux ausgezeichnet. Für seinen Roman „Hayat heißt Leben“, der ebenfalls in der Haft entstanden ist, erhielt er im vergangenen Jahr den Prix Femina étranger. Da befand er sich bereits „auf freiem Fuß“, wie man so sagt, aber er durfte die Türkei nicht verlassen, um in Paris die Auszeichnung persönlich in Empfang zu nehmen.

Für verfolgte türkische und kurdische Frauen

Er sei froh, sagte Ahmet Altan in seiner schriftlich überbrachten Danksagung, dass „Madame Hayat“, die das Licht der Welt im Gefängnishof erblickt habe, nun frei in Paris flanieren dürfe. In Gedanken sei er mit ihr unterwegs. Und er widme diese Auszeichnung jenen türkischen und kurdischen Frauen, die aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen.

Freiheit ist das zentrale Motiv in „Hayat heißt Leben“. Der junge Literaturstudent Fazil, aus einst wohlhabender und dann plötzlich verarmter Familie stammend, führt uns durch seine eigene Geschichte. Die wird durch die Liebe zu zwei Frauen und zur Welt der Dichtung bestimmt. So sagt es der Erzähler: „Die beiden Frauen waren sich nicht nur äußerlich unähnlich, sie stellten überdies zwei ganz und gar gegensätzliche Charaktere dar.“

„Eine mythische Königin“

Da ist auf der einen Seite Hayat Hanim, die das Leben genießen und sich nicht einengen lassen will. Dem jungen Fazil kommt die deutlich ältere Frau zunächst vor wie „eine mythische Königin“, wenngleich sie in einer billigen Fernsehproduktion auftritt. Sie ist eine Philosophin des Alltags, die mit ihrer entspannten Lebenssicht beeindruckt.

Auf der anderen Seite lernen wir Sila kennen, die nicht nur so alt wie Fazil ist, sondern ebenfalls der Literatur verfallen und über Nacht verarmt ist. Allerdings muss sie mit weniger Strichen und Farben auskommen als Hayat. Die Aufmerksamkeit des Autors gilt vor allem der Älteren – aber das legt ja schon der Romantitel nahe.

Willkür und Korruption

Während sich Hayat in der Türkei zu arrangieren versucht, will Sila nach Kanada emigrieren: „Ich bin es müde, Angst zu haben.“ Man ahnt es: Am Ende wird sich Fazil entscheiden müssen, ober er mitgehen oder bleiben wird.

Zwar erfahren wir in diesem Roman nicht genau, in welchem Jahr und unter welcher Regierung wir uns befinden. Aber dass es Szenen aus einem autoritären Willkür-Staat sind, steht außer Frage. Schlägertrupps streifen umher, der Polizei ist nicht zu trauen, für eine Anzeige bedarf es keines Delikts, Korruption ist gang und gäbe, und wer Scherze über die Regierung macht, verübt ein Verbrechen. Gewalt liegt in der Luft und macht das Atmen schwer.

Das Unglück als Lehrmeister

Es ist nicht so sehr der Plot, der für diesen Roman einnimmt, sondern vor allem seine intensive Atmosphäre aus staatlicher Unterdrückung und individuellem Freiheitsdrang. Zwar gibt es viel zu viele Gründe, sich der Verzweiflung zu überlassen. Doch die Frauen zeigen, dass man auch in großer Bedrängnis den Kopf oben behalten und nach einem Ausweg Ausschau halten kann.

Fazil genügt zuweilen der Blick auf eine Fotografie von August Sander, dem einzigen schmückenden Element in seinem Zimmer, um sich zu erden. Der gerahmte Druck der „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“ (im Original von 1914: „Jungbauern im Sonntagsstaat“) gibt ihm ein ums andere Mal Kraft. Auch entdeckt er im Bösen einen Funken Positives. So meint er, „dass der Mensch in einer glücklichen Familie nicht allzu viel über das Leben erfährt, das Unglück ist in diesem Fall der bessere Lehrmeister.“

Literatur als Heimat

Liebe, Freiheit und Literatur – um diese Trias geht es immerzu. Während sich Hayat nichts aus Büchern macht, weil ihr die Schriftstellerinnen und Schriftsteller nichts mehr würden beibringen können, wie sie sagt, gehen Fazil und Sila in der Welt der Bücher auf. Unentwegt werfen sie sich Lesefrüchte zu – und zwar auf deutlich gehobenem Niveau: Hesiod, Nietzsche, Tolstoi etc.

Diese unbedingte Hingabe an die Literatur mag zuweilen allzu dick aufgetragen erscheinen. Aber dann denkt man als Leser gleich wieder an Ahmet Altan, dem die Literatur im Gefängnis genau den Freiraum geboten hat, von dem in seinem Roman alle träumen. Dann passt es wieder perfekt.

Martin Oehlen

Ahmet Altan: „Hayat heißt Leben“, dt. von Ute Birgi-Knellessen, S. Fischer, 258 Seiten, 25 Euro. E-Book: 22,99 Euro.

2 Gedanken zu “Der Freiheitsroman, der im türkischen Gefängnis entstanden ist: „Hayat heißt Leben“ von Ahmet Altan

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