Zugvögel meiden das Kriegsgebiet: Die Koreanerin Don Mee Choi, die Russin Maria Stepanova und der Chilene Carlos Soto-Román auf der „Poetica“

Da stimmt etwas nicht mit dem Ton: Kuratorin Uljana Wolf (links) und Don Mee Choi im Historischen Archiv der Stadt Köln. Foto: Bücheratlas

Das „Vessel of Peace“ steht in der Demilitarisierten Zone zwischen Nordkorea und Südkorea. Die Stahlskulptur der deutschen Architekten Gabriela Seifert und Götz Stöckmann wurde im vergangenen Jahr fertiggestellt. Im Inneren des überdimensionalen Gefäßes ist am oberen Rand, bei freiem Blick in den Himmel, ein Gedicht von Don Mee Choi zu lesen – es ist eine Variante ihres Textes „Sky Similes“ aus dem Band „DMZ Colony“.

Die Frau in Weiß

Aus der Lyriksammlung, für die Don Mee Choi mit dem National Book Award der USA ausgezeichnet worden ist, las die Autorin nun auf der Poetica 7. Im Neubau des Historischen Archivs der Stadt Köln trat sie vors Mikrophon im weiten weißen Papierkleid – das anschließend locker in eine Papiertasche passte. Projektionen von Fotografien und Illustrationen, die ihren Vortrag begleiteten, landeten nicht nur auf der Leinwand, sondern auch auf der Garderobe. Ein feiner und wohl bedachter Effekt.

Don Mee Choi bei ihrer Lesung aus „DMZ Colony“. Auf dem Foto auf der Leinwand ist unten links ihr Vater zu sehen, der Pressefotograf war. Foto: Bücheratlas

Don Mee Choi, die 1962 in Seoul geboren wurde, lebt heute in Seattle. Fotografien spielen eine wichtige Rolle in ihrem eindrucksvollen Werk – und auch im Leben der Lyrikerin. Denn der Vater war bei der Agentur UPI als Fotojournalist angestellt. „Er hat unsere Familie unterstützt, indem er den Krieg fotografiert hat.“ In Korea und in Vietnam. Diese Fotos seien für sie Archive, in denen sie das Persönliche und das Kollektive entdecke. Die Performance machte deutlich, wie intensiv und buchstäblich diese Bilder sie umfangen.

Schneegänse über St. Louis

Das Werk handelt von Krieg, Zerstörung, Auslöschung und Traumata. Schmerz, wohin man liest. Aber auch anrührende Poesie. Dafür stehen die Verse von den Schneegänsen im „Vessel of Peace“ an der Grenze des geteilten Korea. Als Don Mee Choi einmal in St. Louis war, erzählt die Auorin, habe sie hoch am Himmel Schneegänse lautstark vorüberziehen sehen. Als ihr dann auffiel, dass sich St. Louis in den USA wie auch die DMZ in Südkorea auf dem 38. Breitengrad befindet, dachte sie an die Kraniche, von denen es heißt, dass sie während und wegen des Krieges nicht in Korea landen konnten. Das animierte sie zu Versen, denen die Sehnsucht nach Frieden innewohnt.

Diese Sehnsucht treibt auch Maria Stepanova um. Die russische Erzählerin und Lyrikerin hat sich längst eindeutig zu Putins Krieg in der Ukraine geäußert. Darauf machte Moderatorin Uljana Wolf bei ihrer kurzen Einführung aufmerksam. In Zeitungsartikeln hat Maria Stepanova erklärt: „‘Die Toten greifen nach den Lebenden‘, wie man in Russland sagt. In diesem Fall sind es tote Ideen und Vorstellungen, in die, wie in einem Horrorfilm, neues Blut strömt und die zu töten bereit sind.“ Die Zeit mache eine Kehrtwende – „zurück in die stickige Vergangenheit, die uns einst nachts in Angst und Schrecken versetzte.“

Die Sprache ist von der Gewalt durchlöchert

In diesen Tagen erscheint im Suhrkamp Verlag ein neuer Gedichtband von Maria Stepanova: „Mädchen ohne Kleider“, übersetzt von Olga Rodetzkaja, von der auch die deutsche Fassung des Romans „Nach dem Gedächtnis“ (2018) stammt. In diesen Gedichten widmet sich die Autorin ausdrücklich einer freien Form. Sie empfinde es als eine Art von Gewalt, sagte sie, wenn man sich der Tradition unterwerfe und an etablierten Versmaßen und Reimen festhalte. Das Formale bricht sie deshalb immer wieder auf – auch mit Humor.

Im Gespräch betonte Maria Stepanova, wie sehr in diesen Wochen auch der Sprache Gewalt angetan werde. Sätze und Worte, die einem eben noch locker über die Lippen kamen, seien plötzlich „infiziert“ und „durchlöchert“ von der Sprache des Krieges.  

Erinnerung an Militärdiktatur

Der Chilene Carlos Soto-Román war der Dritte in diesem Lyrik-Terzett. Auch er ist mit einem schwer lastenden Programm unterwegs. Aus Geheimdokumenten der CIA, aber auch aus Aussagen von Tätern und Opfern der Militärdiktatur in Chile collagiert er seine Texte.

Wo die Materialen von der Zensur geschwärzt worden sind, macht er bei seinem intensiven Vortrag jeweils eine Pause. Die verbleibenden Floskeln und Fragmente fügen sich zu einer Hommage an die Opfer, von denen man oft nicht weiß, wo und wann und wie sie umgebracht worden sind. „Ich glaube zutiefst daran, dass es wichtig ist, daran zu erinnern.“ sagt Carlos Soto-Román. Denn vor der Versöhnung komme die Wahrheit.  

Das Gedicht als Archiv

Dass seine Lyrik auf Archivdokumenten basiert, passt selbstverständlich zum Ort, an dem diese Lesung stattfindet. Doch mehr noch fügt sich sein Ausgangsmaterial vortrefflich ins Konzept der siebten Poetica, die den Titel „Sounding Archives – Poesie zwischen Experiment und Dokument“ trägt.  Uljana Wolf, die das von Günter Blamberger und Michaela Predeick organisierte „Festival für Weltliteratur“ kuratiert, hat die Leitfrage so gestellt: „Wie erweitern Gedichte heute das Archiv?“

Eine Antwort steht schon vor dem Ende der Poetica 7 an diesem Samstag fest: Sie tun es auf faszinierend vielfältige Weise. Es sind Gedichte, die zum Weiterlesen, Weiterfragen, Weiterforschen stimulieren.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

finden sich Beiträge zur Poetica 7. Der Eröffnungsbericht („Ich kann noch viel lauter“) steht HIER und der Beitrag über den Auftritt von Swetlana Alexijewitsch („Wir haben die Freiheit nicht hingekriegt“) steht HIER. Über die Suchmaske und das Stichwort „Poetica“ gibt es zudem Beiträge zum Festival in den Vorjahren.

Ein Lesebuch

mit exemplarischen Texten der Autorinnen und Autoren der Poetica 7 ist soeben erschienen. Das sind die bibliografischen Angaben:

Uljana Wolf, Günter Blamberger und Michaela Predeick (Hrsg.): „Poetica 7 – Sounding Archives. Poesie zwischen Experiment und Dokument“, konkursbuch Verlag, 158 Seiten, 14 Euro.

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