Als die Mimis den Menschen das Tanzen beibrachten: Rindenmalereien aus der Traumzeit der Aborigines in Münchner Ausstellung und üppigem Katalogbuch

Das erste Bild in der Plewig-Sammlung: „The Kangaroo“ von Dick Nguleingulei Murrumurru (ca. 1920–1988) aus dem Jahre 1968. Foto: © Aboriginal Artists Agency Ltd., 2022 / Museum Fünf Kontinente

Die Leinwand ist nicht alles, was zählt. Zwar hat die Kunst der Aborigines einen Boom erfahren, seit sie auf diesem Untergrund zu finden ist, also seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch viel älter ist selbstverständlich die Felsmalerei, ebenso die zeremonielle Körperbemalung – und dann auch die Rindenmalerei. Jetzt ermöglicht das Museum Fünf Kontinente in München einen intensiven Einblick in das Spektrum dieser „Bark Paintings“.

„Inspiriert vom Land“

Die Ausstellung „Inspiriert vom Land – Rindenmalereien aus Nordaustralien“ basiert auf der Sammlung von Gerd und Helga Plewig, die das Ehepaar dem Museum im Jahre 2018 überlassen hat. Dabei handelt es sich um die mutmaßlich bedeutendste Sammlung ihrer Art außerhalb Australiens. Wer nun wie wir den Weg nach München nicht auf dem Programm haben sollte, ist gleichwohl nicht verloren. Dafür sorgt der gewichtige Katalog aus dem Hirmer Verlag, den es allerdings nur auf Englisch gibt: „Inspired by Country – Bark Paintings from Northern Australia“.

Die Gerd und Helga Plewig Sammlung umfasst 170 Werke aus dem Arnhemland (Northern Territory) und der Kimberley-Region (Western Australia). Sie entstanden zumeist in den Jahren zwischen 1950 und 1970. Das erste Rindenbild, das Gerd Plewig 1969 erwarb, war „The Kangaroo“ von Dick Nguleingulei Murrumurru. Das Motiv weist die für einige Gebiete typische Röntgenbild-Anmutung auf: Der Betrachter sieht nicht nur das Känguru, das offenbar gerade von einem Jäger erlegt wird, sondern auch das Körperinnere des Tieres.

Schneiden, erhitzen, plätten, trocknen

Als Träger-Material dienen die Rinden von Eukalyptusbäumen (Eucalyptus tetradonta). Sie werden –schreibt Kuratorin Michaela Appel – behutsam vom Stamm gelöst, über Feuer erhitzt, auf dem Boden geplättet und mehrere Tage zum Trocknen in die Sonne gelegt. Dann ist der Weg frei, um mit Naturfarben die Motive und Geschichten aus dem Kosmos der Ureinwohner darzustellen. Dort hängt alles mit allem zusammen, ist die Vergangenheit nicht vergangen, sondern wirkt auf die Gegenwart ein. Es ist ein spirituelles Reich, das üblicherweise mit Vokabeln wie „Traumzeit“ oder „Dreaming“ auf den Punkt gebracht wird.

Im Zentrum steht die Schöpfungsgeschichte, in der die Mutterfigur Maralaitj und die Mimis, muntere Geister mit langen Gliedmaßen, ihren Auftritt haben. Von den Mimis heißt es im Übrigen, dass sie die ersten Wesen gewesen seien, die getanzt und gesungen hätten – und die dann Tanz und Gesang den Menschen beigebracht hätten.

Frauen sind auf dem Vormarsch

Djon Mundine stellt in seinem Essay fest, dass für die Aborigines die Kunst dazu da sei, die eigene Geschichte zu erzählen, darüber sich selbst zu finden und die Wahrheit ans Licht zu bringen – es sei ein Statement, das unmöglich auf irgendeine andere Weise gemacht werden könnte. Wie weit die Tradition der Rindenmalerei zurückreicht, ist nicht überliefert. Immerhin weiß man, dass die ersten Werke dieser Art von Europäern in den 1870er Jahren auf der Coburg-Halbinsel gesammelt wurden. Als sich allmählich ein Markt für Rindenbilder entwickelte, animierten Ethnologen und Missionare die Aboriginal people auch dort zu dieser Kunsttechnik, wo sie noch nicht praktiziert wurde – wie etwa in den 1950er Jahren in Wadeye (Port Keats) geschehen. Lange galt es als ausgemachte Sache, dass Männer den Ton angaben. Doch mittlerweile, so lesen wir es in dem Beitrag von Luke Taylor und Wally Caruana, gibt es mehr und mehr Frauen, die sich der Rindenmalerei zuwenden. Aktuell zählten einige von ihnen sogar zu den „leading bark painters“ im Arnhemland östlich von Darwin.

Die umfassenden Einblicke in Rindenmalerei, Mythologie und Künstlerbiographie, die hier geboten werden, dazu die präzise reproduzierten Werke machen dieses Katalogbuch zu einem Standardwerk. Mag sein, dass nicht jeder darauf gewartet hat. Wer aber mehr erfahren will über die Kunst einer der ältesten Kulturen auf Erden, ist hier am rechten Platz.

Martin Oehlen

Die Ausstellung

„Inspiriert vom Land – Rindenmalereien aus Nordaustralien“ im Museum Fünf Kontinente in München (Maximilianstraße 42) läuft bis zum 18. September 2022.

Michaela Appel (Hrsg.): „Inspired by Country – Bark Paintings from Northern Australia“, Hirmer Verlag, 376 Seiten, 45 Euro.

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