„Muss man bei der Gruppe 47 auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?“ – Sven Hanuscheks fulminante Biografie von Arno Schmidt

Foto: Bücheratlas

Was für eine enorme Faktenfülle! Und wie sie der Person entspricht, der sie gewidmet ist. Sven Hanuscheks große Biografie des ziemlich sagenhaften Schriftstellers Arno Schmidt (1914-1979) ist ein Lesevergnügen, das sich gewiss nicht nur die eingefleischten Fans gönnen sollten. Der Biograf liefert hier das fulminante Porträt des Dichters als Künstler, Einzelgänger, Geschichtspessimist und Bibliomane (das erste Buch, das Schmidt sich im Alter von sechs Jahren gekauft hat, war Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“).  

„Beharrlichkeit im Insolventen“

Das Leben dieses Autors, „das ja nicht gerade ein glückliches war“, wird zunächst geprägt von den „verlorenen“ Jahren der Nazi-Diktatur und danach von nervtötenden Geldsorgen. In einem frühen Brief an seinen Verleger scherzt Arno Schmidt nur scheinbar: „Ich fliehe tagsüber in Sümpfe und verberge mich in bereiftem Röhricht; denn der Gläubiger sind viele, blutdürstig und zum Äußersten gereizt durch meine schlaffe Schläue und Beharrlichkeit im Insolventen.“ Finanzielle Entspannung setzt erst 1970 mit dem Erfolg von „Zettel’s Traum“ ein, diesem Monstrum aus Roman und Essay rund um Edgar Allan Poe. Schließlich sichert ihm Jan Philipp Reemtsma weitere Unterstützung zu.

Vom Literaturbetrieb, der seine Popularität womöglich frühzeitig gesteigert hätte, hielt Schmidt sich fern. Dabei war er doch ein „writer’s writer“, wie Hanuschek mehrmals betont. Mit der Gruppe 47 wollte er schon mal gar nichts zu tun haben: „Was für ein Einfall allein, dass sich Schriftsteller ihren Dreck gegenseitig vorkauen sollen!!“ Und als PS: „Muss man bei der Gruppe 47 auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?“

„Bis zur Unhöflichkeit zurückhaltend“

Dieses Verhalten war kein Einzelfall, sondern exemplarisch. Die deutsche Nachkriegsliteraturelite düpierte er 1964, als er den Fontane-Preis erhielt und während eines Frühstücks zu seinen Ehren Ingeborg, Bachmann, Günter Grass, Alfred Andersch, Uwe Johnson und andere mit hartnäckiger Unfreundlichkeit bedachte. Alexander Kluge, dem damals der Nachwuchspreis zuerkannt wurde, schrieb seinen Eindruck nieder: „Innerlich Weltbürger, schien mir Schmidt in seiner Haltung, was Geselligkeit betrifft, gesperrt, bis zur Unhöflichkeit zurückhaltend.“

Immerhin: Alfred Andersch zählte zu seinen Förderern wie auch der junge Martin Walser, der ihn in Stuttgart für den Rundfunk gewann. An Walser, den er als Kenner seiner Werke besonders schätzte, sandte er eine Selbstbeschreibung: „Ich klage nicht an; ich habe keine Zeit zum Anklagen; ich schildere. Ich bin der Topograph der horizontalen Höllenstürze: Der, der nebenher stürzt, und aus seinen Adern mitstenographiert: wenns alle ist, ists alle!“ Und an anderer Stelle stellt er gar ein Programm in eigener Sache auf: „Jeder Schriftsteller sollte die Nessel Wirklichkeit fest anfassen; und uns Alles zeigen: die schwarze schmierige Wurzel; den giftgrünen Natternstengel; die prahlende Blume(nbüchse).“

Der HSV im Spiel gegen Uruguay?

Gewiss ist Hanuschek selbst fasziniert vom Werk. Es sei „eine anhaltend wirksame Droge“, räumt er ein. Gleichwohl wahrt er den kritischen Blick in dieser Biografie. Wer hier allerdings den schnellen Überblick über Arno Schmidts Werk und Person erwartet, die einander bedingen, über sein Leiden an der Öffentlichkeit und die Ehe mit Alice Murawski („Es ist nicht leicht, eines Künstlers Weib zu sein!“), ist fehl am Platze. Alles braucht seine Zeit. Fast 900 Seiten füllt Hanuschek mit Wesentlichem und mit herrlich Peripherem. Dies geschieht in tendenziell chronologischer Folge, wobei einige Vor- und Rückgriffe unvermeidlich sind. Weitere 100 Seiten sind dem Anhang gewidmet – der leider keinen Raum mehr hat für eine Tabelle mit den wichtigsten Lebensstationen.

Die Detailfreude verbindet den Biografen, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München deutsche Philologie lehrt, mit „seinem“ Dichter. Wie reizvoll ist doch die Auskunft, dass die Eltern den Jungen nach dem besten Freund des Vaters benannt hatten, „einem Glasschleifergesellen in Weißwasser in der Oberlausitz“. Auch die Recherche, was Schmidt beim angeblichen Spiel des Hamburger Sportverein gegen Uruguay im Jahre 1928 verwechselt haben könnte, bezeugt die Spurensuchlust des Verfassers. Tatsächlich spielte damals Deutschland gegen die Südamerikaner bei den Olympischen Spielen in Amsterdam – und verlor mit 4:1. Derweil wurde der HSV im selben Jahr deutscher Fußballmeister.

Frauen bilden die Fanbasis

All dies präsentiert Hanuschek einleuchtend und zumeist leicht lesbar. Dabei ist ihm der Witz nicht fremd. Auch nicht der lockere. Es sei naheliegend gewesen, schreibt er, dass Heidelinde Weis die Titelrolle in der TV-Verfilmung des von Schmidt ins Deutsche übersetzten Wilkie-Collins-Romans „Die Frau in Weiß“ gespielt habe.   

Ausführlich und ertragreich widmet sich Sven Hanuschek der Rezeption – nicht nur in der Literaturkritik, sondern auch in der Leserpost. Dabei räumt er mit dem Klischee auf, dass Schmidt ein Autor für Männer sei. Nicht nur habe eine Frau ihn entdeckt, nämlich die Gutachterin Gerda Berger vom Ernst Rowohlt Verlag. Auch liege der Frauenanteil seiner Leserschaft seit langem bei etwa 50 Prozent. Und mittlerweile besuchten mehr Frauen als Männer das Arno-Schmidt-Museum in Bargfeld, seinem finalen Wohnort bei Celle nach vielen Umzügen: „Es sind die Leserinnen, die kommen, während die mitgebrachten Männer ‚verständnislos kucken‘.“

Gar nicht so „schwürik“

Sven Hanuschek will sich nicht in „kleinteiliger Editions- und Kommentierarbeit“ verlieren, schreibt er in der Einleitung, sondern es gehe ihm „um die roten Fäden“. Nicht zuletzt zerpflückt er das Klischee, das sich stetig wandelnde Werk sei unnahbar, also „schwürik“. Vielmehr sei es mehrschichtig, komisch, frech, anspielungsreich und zeitlos. 

Ja, Schmidts Bücher seien „dicht und komplex gearbeitet“. Aber, so fragt der Biograf: „Was ist das eigentlich für ein Anspruch an ein Buch, man müsse es sofort, auf Anhieb, und womöglich noch in jedem Detail, in jedem Wort verstehen?“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

findet sich ein Beitrag über den Briefwechsel von Arno Schmidt mit Hans Wollschläger, die zueinander fanden über die Begeisterung für Karl May. Bei Interesse HIER anklicken.

Außerdem liegt ein Beitrag über einen Elias-Canetti-Briefband aus dem Hanser Verlag vor, dessen Ko-Herausgeber Sven Hanuschek ist – und den gibt es HIER.

Sven Hanuschek: „Arno Schmidt“, Hanser, 990 Seiten, 45 Euro. E-Book: 38,99 Euro.

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