Die Vernünftigen und die Durchgeknallten: Anne Tylers berührender Familienroman „Eine gemeinsame Sache“

Foto: Bücheratlas

Manche Menschen leben zuerst ein Leben und dann ein zweites“, erklärt Mercy Garrett ihrer Enkelin Candle. „Zuerst ein Familienleben und später ein vollkommen anderes.“ Sie selber hat schon vor Jahren die Fesseln eines anstrengenden Familienlebens abgestreift und lebt allein in einer umgebauten Garage.

Ehemann lebt seine Illusion

Peu à peu ist sie nach dem Weggang des jüngsten Kindes daheim ausgezogen. Hat jeden Tag einige wenige Kleidungsstücke, Schuhe, Bücher und Malutensilien in Kartons gepackt und in ihr neues Domizil transportiert. „Dann setzte sie sich auf die Schlafcouch und starrte aus dem Fenster. Genau das war ihr Plan: dasitzen und nachdenken, und zwar allein. Oder auch nicht nachdenken. Den Kopf freibekommen. Und malen natürlich.“

Den drei erwachsenen Kindern gegenüber verheimlicht sie ihren Auszug, und selbst Ehemann Robin klammert sich an die Illusion, Mercy und er seien noch ein Paar. „Seit dem Tag, an dem sie Ja gesagt hatte, behielt er den Gedanken im Herzen, polierte und hegte und pflegte ihn. Mercy liebt mich.“

Hinter den Fassaden der Mittelschicht

Mehr als 60 Jahre begleitet Anne Tyler in ihrem anrührenden Roman „Eine gemeinsame Sache“ die fünfköpfige Familie Garrett. Sie bewegt sich damit in einem Kosmos, der ihrer Leserschaft aus Romanen wie „Dinner im Restaurant Heimweh“ oder „Der leuchtend blaue Faden“ vertraut ist: dem der US-amerikanischen Mittelschicht, in der Ehe und Familie einen hohen Stellenwert haben. Ihre Protagonistinnen und Protagonisten leben in gepflegten Wohnvierteln mit immergrünen Vorgärten und blankgeputzten Supergrills, auf denen an den Wochenenden die T-Bone-Steaks brutzeln. Wie es hinter den Fassaden aussieht, geht niemanden etwas an.

Familie Garrett macht da keine Ausnahmen, selbst wenn es zwischen den einzelnen Mitgliedern bisweilen gefährlich knackt und knirscht. „Unfassbar, was diese Familie alles auf sich nahm, um nur ja dem gängigen Bild zu entsprechen“, stöhnt Robin Garrett, als Schwiegersohn Kevin bei einer Feier wie stets mit einer Kiste Champagner aufkreuzt. „Ihm waren Bier und Dr Pepper wesentlich lieber und den anderen seiner Vermutung nach auch; sie sagten nur nichts, weil sie höflich waren.“

Das Kind, das nicht geliebt wurde

Familientreffen sind ohnehin selten geworden, seitdem Alice, Lily und David aus dem Haus sind und eigene Familien gegründet haben. Zu verschieden sind ihre Lebenswege, als dass man sich noch viel zu sagen hätte. Da ist David, der sich ein Leben lang vom Vater gegängelt und missverstanden fühlte. Erst nach dessen Tod kann er sich eingestehen, dass Robin Garrett ihn, seinen einzigen Sohn, nie gemocht hat. „Kinder wissen so was. Ihr Überleben hängt davon ab. Sie müssen noch die kleinsten Reaktionen der Eltern richtig einschätzen und die winzigsten Veränderungen ihrer Stimmen entschlüsseln können.“

Die attraktive Lily flattert durch ihr Leben, während Alice sich zu einer moralinsauren Besserwisserin entwickelt hat. „In dieser Familie gab es nicht nur die Kleinen und die Großen, sondern auch die Vernünftigen und die Durchgeknallten“, beschreibt Mercys Enkelin Candle das komplizierte Familiengeflecht „Die Guten gegen die Bösen, darum ging es in Wahrheit. Und jeder verstand etwas anderes darunter.“

Kleine Freundlichkeiten, kleine Grausamkeiten

Anne Tylers Familien sind kein Hort der Ruhe und Geborgenheit. Es sind Gemeinschaften auf Zeit, in denen man sich mag oder auch nicht. Und dennoch funktionieren sie auf der Basis gegenseitiger Rücksichtnahme. „Man erweist sich gegenseitig kleine Gefälligkeiten – verbirgt die eine oder andere unangenehme Wahrheit, sieht über diese oder jene Selbsttäuschung hinweg. Kleine Freundlichkeiten. Und kleine Grausamkeiten.“

All das beschreibt Anne Tyler mit viel Wärme und Empathie. Ihr jüngster Roman erzählt gewiss keine neue Geschichte. Es ereignen sich darin keine Dramen, es passieren keine Katastrophen. „Eine gemeinsame Sache“ ist vielmehr ein Abbild des Lebens, still erzählt und zu Herzen gehend in seiner Schlichtheit.  

Petra Pluwatsch

Anne Tyler: „Eine gemeinsame Sache“, Kein & Aber, dt. von Michaela Grabinger, 352 Seiten, 26 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

2 Gedanken zu “Die Vernünftigen und die Durchgeknallten: Anne Tylers berührender Familienroman „Eine gemeinsame Sache“

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