Die Wut, die Angst und die Bestürzung: Kölner Autorinnen und Autoren mit einer Solidaritätsveranstaltung für die Ukraine

Lichtinstallation am Kölner Dom – nicht aus diesen Tagen, sondern aus dem September 2018. Was vor dreieinhalb Jahren beeindruckte, ist heute bedrückend aktuell. Fotos: Bücheratlas

Mitgefühl ausdrücken und Solidarität zeigen – darum geht es in diesen Tagen immer wieder. Das ist nicht viel, aber es ist auch nicht nichts. Immerhin besteht die Hoffnung, dass all die Aktivitäten den Leidtragenden von Putins Krieg gegen die Ukraine ein wenig Kraft spenden.

Großer Andrang zur Bühne

Nun haben sich am Sonntagabend Kölner Autorinnen und Autoren mit einer „Solidaritätsveranstaltung für die Bevölkerung in der Ukraine“ in die weltweite Bewegung eingereiht. Im Literaturhaus Köln erhoben sie ihre Stimmen „für den Frieden in der Ukraine und für die Demokratie“ – und für Spenden sowieso. Bettina Fischer (Literaturhaus) und Ute Wegmann (Literaturszene Köln) betonten, dass längst nicht alle ins Programm aufgenommen werden konnten, die ihren Beitrag leisten wollten. Der Wunsch, sich solidarisch zu zeigen, ist enorm.

Dabei wurden – mit einer Ausnahme – keine persönlichen Statements platziert. Vielmehr gelangten Textpassagen ukrainischer Autorinnen und Autoren zum Vortrag. Darin ging es selbstredend um Ukrainer, Russen und Deutsche, um Krieg und Frieden, Angst und Hoffnung, Tod und Liebe. Die komplette Bücherliste ist weiter unten angeführt.

Appell auf Russisch

Auf der Bühne des Literaturhauses traten auf: Andrea Badey, Christoph Danne, Yannic Han Biao Federer, Joachim Geil, Anke Glasmacher, Janko Hanushevsky, Roswitha Haring, Juliana Kálnay, Peter Licht, Melanie Raabe, Peter Rosenthal, Anna Sarvira, Simone Scharbert, Günter Wallraff und Gerrit Wustmann. Und jeder Prosa-Auszug und jedes Gedicht hatte Reiz und Gewicht.

Gleichwohl seien einige wenige Eindrücke hervorgehoben. Da war zunächst die – per Video zugespielte – herzzerreißende Klavier-Komposition des Ukrainers Lubomyr Melnyk, die er den Müttern und Vätern widmete, die ihre Kinder betrauern. Dann bat Joachim Geil um Erlaubnis, aus dem strammen Konzept ausbrechen zu dürfen. Er wandte sich direkt „an die friedliebenden Russinnen und Russen“ und ließ eine kurze Erklärung auf Russisch folgen, der wir in Unkenntnis der Fremdsprache nichts als gute Worte unterstellen.

Gestrandet in Köln

Eine Ausnahme verband sich auch mit Anna Sarvira: Die Illustratorin stammt nicht aus Köln, sondern aus der Ukraine. Dorthin wollte sie am vergangenen Montag zurückkehren – aber den Plan hatte sie zu einer anderen, lange zurückliegenden Zeit geschmiedet. Nun las sie stattdessen in Köln zwei aktuelle Gedichte aus dem bekriegten Land.

Schließlich sei noch Gerrit Wustmann erwähnt, der eigens ein Gedicht von Iryna Vikyrchak aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat. Darin heißt es einmal: „du bist eine dichterin, / sagen sie, / du kommst aus DEM land / wir erwarten antworten von dir, / dass du gedichte schreibst, du weißt schon. / wie kann ich mit einem gedicht antworten, / wenn angst mir die stimme verschnürt, / mit meinen stimmbändern spielt, meine wörter verschlingt?“

#StandWithUkraine

Putins Krieg hat „Wut, Angst und Bestürzung“ ausgelöst, wie Kölns Bürgermeisterin Britta von Bülow zu Beginn des Abends sagte. Und er hat damit eine außerordentliche Welle der Solidarität ins Rollen gebracht. Nie war uns die Ukraine näher als heute. Der Hashtag für diese Zeit: #StandWithUkraine.

Martin Oehlen

Die Liste der Bücher

aus denen im Literaturhaus Köln gelesen wurde.

Swetlana Alexijewitsch: „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ (Hanser)

Jurij Andruchowytsch: „Werwolf Sutra“ (Suhrkamp)

Juri Andruchowytsch und Andrzej Stasiuk: „Mein Europa“ (Suhrkamp)

Yevgeniy Breyger: „Königreich des Regens“ aus „Gestohlene Luft“ (Kookboooks)

Dmitrij Kapitelman „Eine Formalie in Kiew“ (Hanser Berlin)

Andrej Kurkow „Graue Bienen“ (Diogenes)

Tanja Maljartschuk „Blauwal der Erinnerung“ (KiWi)

Katja Petrowskaja „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp)

Olena Sachartschenko: „Wertep.#RomanProMaydan“ (Leseprobe im Netz unter translit.de)

Żanna Słoniowska: „Das Licht der Frauen“ (Kampa)

Iryna Vikyrchak: „Альгометрія“ (Kiew 2021)

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt)

Serhij Zhadan – „Die Poststelle“ und „Chinesische Küche“ aus: „Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts“ (Suhrkamp), „Der Kopfhörer“ und „Das Nashorn“ aus: „Warum ich nicht im Netz bin“ (Suhrkamp)

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