„Die schaffen uns, wie?“: Der Briefwechsel zwischen Franz Fühmann und Christa Wolf über Schreiben und Leben in der DDR

Der Himmel über Berlin Foto: Bücheratlas

Franz Fühmann (1922-1984) neigt zum klaren Wort. Als der Schriftsteller am 1. Januar 1981 einen kurzen Gruß zum neuen Jahr an Christa Wolf (1929-2011) sendet, begnügt er sich mit dem Hinweis: „Leute, wird das beschissen werden!“ Auf eine solche Aussicht ist man zu Jahresbeginn nicht gerade erpicht.

Gleichwohl war ihm der Pessimismus nicht zu verdenken in der DDR, in der die staatlich gewährte Freiheit des Wortes bescheiden war. Wie es sich als Schriftstellerin und als Schriftsteller in der sozialistischen Diktatur lebte, wird im Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Franz Fühmann beklemmend anschaulich. Und wir erfahren auch, mit welchen Worten und auf welche Weise die beiden ihren Einspruch formulierten.

Neue Funde aus der Korrespondenz

Von Christa Wolf liegen schon einige Briefwechsel in Buchform vor. Solche mit Anna Seghers, Sarah Kirsch, Lew Kopelew und Brigitte Reimann. Nicht zuletzt ist da der umfangreiche Suhrkamp-Band mit Briefen aus sechs Jahrzehnten: „Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten“.

Die Korrespondenz mit Franz Fühmann – der vor 100 Jahren geboren wurde, nämlich am 15. Januar – ist sogar schon einmal im Jahre 1995 veröffentlicht worden. Allerdings basierte jene Ausgabe allein auf Briefen und Briefdurchschlägen aus dem Besitz von Christa Wolf. Zwischenzeitlich ist Herausgeberin Angela Drescher auch im Franz-Fühmann-Archiv fündig geworden, weitere Texte wurden im Christa-Wolf-Archiv aufgespürt. Das alles rechtfertigt diese erweiterte, mit Anmerkungen und ergänzenden Beiträgen versehene Neuausgabe.

„Ich müsste mal ganz dringend mit Dir reden“

Aus Vorsicht vor dem Überwachungsstaat sprechen Franz Fühmann und Christa Wolf in ihrer Korrespondenz nicht alles offen aus. Bei Bedarf verabredet man sich lieber zu einer persönlichen Begegnung: „Christa, ich müsste mal ganz dringend mit Dir reden (…)“. Gleichwohl spart zumal Fühmann nicht mit zu Papier gebrachter Kritik an den Herrschenden. Im ironischen Ton schreibt er: „Hast Du die Rede von Gen.oberst Mielke gelesen? Finde ich toll – er gesteht uns Bürgern zu, dass wir gelegentlich auch eine andere Meinung haben dürfen, das sei normal, bloß sie auszusprechen, das ist schon was anders. Aber dass man sie überhaupt haben darf – da bin ich platt.“

Der alltägliche Wahnsinn einer Diktatur wird in diesem Briefwechsel vielfach offenbar. Christa Wolf und Franz Fühmann tauschen sich vorrangig über die Kulturpolitik aus. Der inhaltliche Dialog über die jeweiligen Werke findet anderswo statt. In den Briefen belassen sie es bei kurzen, aber kräftigen Lobesbezeugungen und bei Hinweisen auf Veröffentlichungen oder Nichtveröffentlichungen. „Ich habe immer noch nicht die Druckgenehmigung“, schreibt Christa Wolf im Jahre 1983. Der Zensur missfallen die Anmerkungen zur Abrüstung, die Wolf in ihren Frankfurter Vorlesungen formuliert hat. „Also werde ich an den gestrichenen Stellen wohl Pünktchen machen lassen.“  

„Aufs Äußerste verstört und beunruhigt“

Dem Briefwechsel sind auch einige Schreiben an die Spitzen von Staat und Kultur beigefügt. Deutlich wird, dass sich beide mehrfach und unmissverständlich für Kolleginnen und Kollegen eingesetzt haben. Das geht los mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Franz Fühmann schreibt am 16. 11. 1976 an Willi Stoph, den Vorsitzenden des Ministerrates der DDR: „Ich halte es als Bürger und Schriftsteller der Deutschen Demokratischen Republik nicht nur für mein Recht, sondern auch für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass mich diese Maßnahme sowie ihre Modalitäten aufs Äußerste verstört und beunruhigt, ich sie weder mit dem Wesen, noch mit der Würde, dem Ansehen und auch der Stärke dieses meines Staates vereinbaren kann.“

Und Christa Wolf beklagt sich bei Erich Honecker, dem Generalsekretär der SED und Vorsitzendem des Staatsrates, dass einige „junge Leute“ in Untersuchungshaft sitzen, die sich für die Rückkehr Biermanns eingesetzt hatten: „Ich befinde mich in einem Zustand schwerer Trauer und Sorge. Die Hauptquelle für diesen Zustand ist die verheerende Erfahrung, dass die Partei und unser Staat Genossen und Kollegen von sich abstoßen, die niemals unsere Gegner waren oder sein wollten. Ich habe dafür keine Erklärung und auch keine Worte mehr.“

„Wir brauchen einander“

Im privaten Austausch bekennt Christa Wolf dem „lieben Franz“, dass sie dieser Kampf ermüde. „Die schaffen uns, wie?“  Franz Fühmann antwortet entschieden: „Liebe Christa, oh nein, die schaffen uns schon nicht, wir sind ja auch noch da.“ Und beide wollen „da“ weiterhin ihre Wohnsitze haben, also in der DDR.

Diesem Vorsatz treu zu bleiben, fällt gewiss leichter, wenn man nicht als Einzelkämpfer unterwegs ist. Einmal schreibt Franz Fühmann an Christa Wolf: „Wir brauchen einander, und wahrscheinlich ist es der Sinn dieser heillosen Epoche, dass sie uns zueinander rückt.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog gibt es eine Besprechung zum Briefwechsel von Christa Wolf mit Sarah Kirsch (HIER) .

Christa Wolf und Franz Fühmann: „Monsieur – wir finden uns wieder. Briefe 1968 – 1984“, hrsg. von Angela Drescher, Aufbau, 200 Seiten, 24,70 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

3 Gedanken zu “„Die schaffen uns, wie?“: Der Briefwechsel zwischen Franz Fühmann und Christa Wolf über Schreiben und Leben in der DDR

  1. Danke für die schöne Rezension! Der Briefwechsel hört sich sehr lesenswert an. Von Christa Wolf habe ich einiges gelesen, von Franz Fühmann noch nichts. Bis auf den Namen habe ich von ihm noch nichts gehört, fällt mir auf. Gibt es da ein besonders bezeichnendes Buch? Irgendetwas, wie „Nachdenken über Christa T.“ oder „Kassandra“ von Wolf, das ich lesen könnte, um mir einen Eindruck zu machen?

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