Anerkennung für Loppa und ihre Schwestern: Ausstellung und Katalog „Von Frauenhand“ geben einen raren Einblick in mittelalterliche Handschriften

Der Lamspringer Psalter vom Ende des 13. Jahrhunderts ist mit großer Wahrscheinlichkeit im dortigen Benediktinerinnenkloster entstanden. Die Handschrift gehört heute zur Sammlung von Kolumba in Köln. Foto: Bücheratlas

Noch ist es nicht zu spät. Noch ist die Ausstellung „Von Frauenhand – Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen“, die das Museum Schnütgen in Kooperation mit der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln (EDDB) ausrichtet, bis Ende Januar 2022 zu sehen. Wem allerdings die Zeit davonrast oder wem die Anreise zu weit ist, der kann sich getrost dem Katalog anvertrauen, der im Hirmer Verlag vorliegt. Auch über den Januar hinaus.

Abschied vom Klischee

Da wie dort – in der Ausstellung in der romanischen Cäcilienkirche wie im Buch – wird eine Lanze gebrochen für die „Frauenhand“. Für Nonnen, die im Mittelalter als Schreiberinnen und Buchmalerinnen tätig waren. Lange genug fiel der Blick nur auf die Skriptorien, in denen Mönche ihrer schönen Kunst nachgingen. Die weibliche Seite der Buchkunst wurde in der Kunstgeschichte zumeist vernachlässigt. Dabei war in Kirchen und Klöstern der Bedarf an den unterschiedlichsten religiösen Büchern groß und ist es naheliegend, dass auch Ordensfrauen an der Herstellung beteiligt waren.

Dazu gibt es in der Forschung mittlerweile zahlreiche neue Erkenntnisse. Diese allerdings – so schreiben es Marcus Stark von der Erzbischöflichen Bibliothek und Moritz Woelk vom Museum Schnütgen – sind „weitesgehend nur der Wissenschaftsgemeinde zugänglich“. In der Öffentlichkeit dominiere das Bild von Ordensfrauen und Stiftsdamen, die sich ihren Stickereien widmeten. Mit diesem Klischee will die zwar kleine, aber konzentrierte Ausstellung aufräumen. Es muss nicht immer ein Mönch dahinterstecken, wenn eine Buchmalerei funkelt.

Von Nordfrankreich bis Nürnberg

Fünf Exkursionen führen in die Abtei Notre-Dame de Chelles nach Nordfrankreich, in das Benediktinerinnenkloster Lamspringe in Niedersachsen, in das Dominikanerinnenkloster St. Katharina in Nürnberg und nach Köln in das Klarissenkloster St. Klara, das Augustiner-Chorfrauenstift St. Maximin und in das Augustiner-Chorfrauenstift St. Cäcilien.

Grundsätzlich halten die Kuratoren Harald Horst und Karen Straub fest, dass die von Frauenhand gemachten Arbeiten „einen ambivalenten Eindruck“ hinterlassen: „Neben künstlerischen Höchstleistungen stehen bescheidenere Darstellungen, neben kalligraphisch exakt gestalteten Schriften finden sich einfache, anspruchslose Gebrauchshandschriften.“ Eine solche Ambivalenz gibt es freilich auch in den Handschriften von Männerhand.

Drolerien am Rande

Die Kölner Ausstellung zeigt allemal faszinierende Beispiele weiblicher Buchmalerei. Bei den Klarissen in Köln hat sich Schwester Loppa vom Spiegel einen bleibenden Namen gemacht. Sie entstammte einer Patrizierfamilie und war die Tochter des Ratsmitglieds und Bürgermeisters Heinrich van me Spegel. In einem Antiphonar, einem Gesangbuch für die Stundengebete, hat sie im Pestjahr 1350 versichert, diese geschrieben, liniert, mit Noten versehen und ausgemalt zu haben.

Das Graduale, das um 1360 im Kölner Klarissenkloster entstand ist, wird heute im Wallraf-Richartz-Museum aufbewahrt. Foto: Bücheratlas

Zumal die Drolerien, die kauzig-fantastischen Figürchen an den Rändern, sind ein großer Spaß. Aber auch das gleichmäßige Schriftbild, mit „leicht nach links“ geneigten Buchstaben und den feinen Strichen über dem i, wird von den Fachleuten gepriesen.

„Wer es wegnimmt, sei gebannt“

Eine schöne Spur ist immer gefunden, wenn sich die Schreiberinnen mit ihrem Namen zu erkennen geben. Dabei neigt die eine oder andere Nonne auch zu einer Form der Bescheidenheit, die geradezu anrührend ist. So schreibt die Zisterzienserin Walburgis aus Braunschweig in einem Brevier von 1467: „Ich habe das Buch nicht gut beendet, weil ich nicht zu schreiben vermag.“ Immerhin ist ihr das Werk dann aber doch so viel wert, dass sie eine Warnung ausspricht: „Wer es wegnimmt, sei gebannt.“ Dann noch eine Bitte in eigener Sache. „Betet für die Schreiberin ein Vaterunser.“

Die Türe zu den weiblichen Schreibwerkstätten des Mittelalters wird in Katalog und Ausstellung einen Spalt weit geöffnet. Das ist ein Schauvergnügen und ein Wissensgewinn. Gerne demnächst mehr über Loppa und ihre Schwestern in Nah und Fern.  

Martin Oehlen

Ausstellung im Museum Schnütgen in Köln bis zum 30. Januar 2022.

An diesem Sonntag (16. Januar) findet im Rahmen der Ausstellung um 18 Uhr ein Konzert von Ars Choralis Coeln statt. Das mittelalterlich gestimmte Programm widmet sich dem „Codex Paradiese“.

Harald Horst und Karen Straub: „Von Frauenhand – Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen“, Hirmer, 200 Seiten, 39,90 Euro. In der Ausstellung: 34,90 Euro.

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