Heiligenlegende aus dem kommunistischen China: Dai Sijie erinnert mit dem Roman „Die lange Reise des Yong Sheng“ an seinen Großvater

Mao Tse-tung, Mitbegründer der Kommunistischen Partei Chinas und Anstifter der „Kulturrevolution“, überlebensgroß in Peking. Foto: Bücheratlas

Die lange Reise des Yong Sheng“ von Dai Sijie ist ein merkwürdiger Roman. Der 1984 aus China nach Frankreich emigrierte Autor, der mit „Balzac und die kleine Schneiderin“ (2007) einen großen Erfolg erzielt hat, erzählt hier die fiktional geboosterte Geschichte seines Großvaters. Der hieß Dai Meitai (1895-1973) und war der erste Chinese, der in seiner Heimat als Pastor wirkte. Der Glaube gab ihm viel Kraft, die er dringend benötigte, um den brutalen Schikanen während der „Kulturrevolution“ zu trotzen. Soweit das eben möglich war. Das Leben des Dai Matei, der im Roman Yong Sheng heißt, ist ohne Frage erzählenswert.

„Der Sohn eines Zimmermanns“

Allerdings macht Dai Sijie daraus eine Heiligenlegende, der nur noch die päpstliche Anerkennung fehlt. So ist Yong Sheng – im Roman lebt er von 1911 bis 2001 im südchinesischen Putian – der „Sohn eines Zimmermanns“, ist also einer wie Jesus. Als Knabe wird er in einer Missionsschule von einer anbetungswürdigen Mary umsorgt. Und ein magisch duftender Weihrauchbaum (mit einem „Bukett aus Honig, Milch und Seide“) begleitet ihn durch alle Höhen und Tiefen. Was Pastor Yong Sheng an Gutem tun kann, das tut er. Ansonsten ist er die Verkörperung des Duldens. Im Alter von 100 Jahren stirbt er sogar den Opfertod für einen drogensüchtigen Verwandten. Zu alledem läuft im Hintergrund ein Soundtrack aus Bibelzitaten. Wie gesagt: Ein Märtyrer, der reif ist für die Heiligsprechung.

Gleichwohl wird der Roman immer dann, wenn er vom Hochamt ablässt, zu einem farbigen Zeugnis des alten China und vor allem zu einem schauerlichen Zeugnis der Kulturrevolution und ihrer Erben. Farbig ist die Erzählung etwa dort, wo Tradition und Fortschritt kollidieren. So muss sich der kleine Yong Sheng einer Hodenoperation unterziehen. Allerdings wird der notdürftig vernähte Patient – gottlob noch narkotisiert – von einer aufgebrachten Menge vom Operationstisch gerissen, weil sie glaubt, Doktor Charley aus den USA wolle den Jungen beschneiden. Das hat schon Slapstick-Qualität. Auch nicht schlecht: die eilig arrangierte Verheiratung des 14-Jährigen, die dazu beitragen soll, dass die Großmutter vom Sterben Abstand nimmt – allerdings bleibt der erhoffte Effekt aus.

Schreckenskammer der Kulturrevolution

Und schauerlich wird es eben dann, wenn sich die Schreckenskammer des Kommunismus öffnet. Autor Dai Sijie, im Jahre 1954 geboren, war selbst als junger Mann zur Umerziehung in die Berge geschickt worden. Im Roman schildert er jetzt anschaulich die öffentliche Zurschaustellung von „Konterrevolutionären“ – bis hin zur Denunziation in der eigenen Familie. All das ist lebendig und beeindruckend.

Einen Schuss Poesie gibt es obendrein. So durchzieht das ganze Buch das Pfeifen der Taubenflöten. Noch nie gehört? Ich auch nicht. Aber nach der Lektüre ist man bestens vertraut mit den Spezialanfertigungen, die den Tauben angesteckt werden, damit sie in den Lüften musizieren.  

Martin Oehlen

Dai Sijie: „Die lange Reise des Yong Sheng“, dt. von Claudia Marquardt430 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

2 Gedanken zu “Heiligenlegende aus dem kommunistischen China: Dai Sijie erinnert mit dem Roman „Die lange Reise des Yong Sheng“ an seinen Großvater

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