„Ich war einmal ein großer Zeichner“: Franz Kafkas Zeichnungen, von denen die meisten bislang in Tresoren weggeschlossen waren, liegen nun erstmals in einem Band vor

In einem Brief an Milena Jesenská aus dem Jahre 1920 findet sich die Zeichnung eines Menschen, der an einem Folterinstrument zerrissen wird, während eine weitere Person entspannt zuschaut. Franz Kafkas Zeichnung ist im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung „Die Seele 2“ zu sehen, die herausragende Objekte aus der Sammlung präsentiert. Foto: Bücheratlas

Am Anfang war das Zeichnen. Selbstverständlich ist Franz Kafka (1883-1924) im öffentlichen Bewusstsein zutiefst verankert mit seinen literarischen Werken – mit Gipfelstürmereien wie „Der Process“ und „Das Schloss“, „Die Verwandlung“ und „Ein Bericht für eine Akademie“. Doch ebenso gewiss ist, dass zu seinem künstlerischen Anfang das Zeichnen gehört hat.

„Die letzte große Unbekannte“

Rund 40 dieser Arbeiten waren bislang bekannt. Einige davon finden sich sogar als Motive für Briefmarke und Taschenbuchausgabe. Doch die Mehrzahl der Arbeiten war bis vor Kurzem weggeschlossen. Nun endlich, fast 100 Jahre nach Franz Kafkas Tod, liegen sämtliche Zeichnungen in einem sorgfältig edierten Band vor: „Franz Kafka – Die Zeichnungen“. Herausgeber Andreas Kilcher, Literaturprofessor an der ETH Zürich,  schreibt in der Einleitung: „Dieses Konvolut ist die letzte große Unbekannte von Kafkas Schaffen.“ Da darf der Beck-Verlag seiner Ausgabe auch das Etikett „Weltsensation“ aufkleben.

Franz Kafka selbst hat die Jahre des intensiven Zeichnens in Erinnerung gerufen. Im Februar 1913 schreibt er in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer: „Du, ich war einmal ein großer Zeichner, nur habe ich dann bei einer schlechten Malerin schulmäßiges Zeichnen zu lernen angefangen und mein ganzes Talent verdorben.“ Und weiter: „Jene Zeichnungen haben mich zu seiner Zeit, es ist schon Jahre her, mehr befriedigt als irgendetwas.“  

Max Brod und die „Kafka-Mappe“

Auch hat Kafka in seinem Testament festgehalten, Max Brod (1884-1968) möge nicht nur alles Geschriebene, sondern auch das Gezeichnete vernichten. Dass sein Freund und Testamentsvollstrecker dieser „letzte(n) Bitte“ nicht gefolgt ist, sei hier nur fürs Protokoll erwähnt. Tatsächlich hatte Brod einige Male erwogen, die Zeichnungen in einer „Kafka-Mappe“ zu veröffentlichen. Doch zu einer Realisierung ist es zu seinen Lebzeiten erstaunlicherweise nie gekommen.

Herausgeber Andreas Kilcher führt einige mögliche Gründe an. So könnte Max Brod befürchtet haben, dass bei einer Veröffentlichung sein Umgang mit Kafkas Zeichnungsheft kritisiert würde. Denn aus diesem Heft hatte Brod einige Motive grob herausgerissen, um sie separat drucken zu lassen. Auch hatte er, schreibt Kilcher, die Zeichnungen seiner Mitarbeiterin Ilse Ester Hoffe geschenkt. Daher sei er „de jure“ nicht mehr in ihrem Besitz gewesen, wenngleich die Öffentlichkeit weiter davon ausgegangen sei. Die schwierige Rechtefrage habe erst nach Hoffes Tod im Jahre 2007 neu verhandelt werden können.

Text und Bild auf eigenen Wegen

Mittlerweile zählen die rund 150 Zeichnungen zum Bestand der israelischen Nationalbibliothek. Dabei handelt es sich um eigenständige Arbeiten zumeist aus den Jahren 1901 bis 1907. Hinzu kommen Zeichnungen innerhalb von Texten und Briefen sowie auf Postkarten, von denen einige auch im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt werden.  Schließlich sind da noch als dritte Gruppe „ornamentale Figuren“, die aus dem Schreibprozess entstanden sind.

Alle drei Gruppen sind nun im Buch zu besichtigen. Andreas Kilcher nimmt die Veröffentlichung zum Anlass, für eine Neubewertung der Zeichnungen zu plädieren. Sie dürften nicht als „Illustrationen“ der Literatur verstanden werden, sondern als autonome Kunstwerke. Text und Bild behielten stets ihre „physische und semantische Eigenständigkeit, ja Widerständigkeit“ bei.

„Flüchtige Figur, die sich dem Festhalten entzieht“

Intensiv beleuchtet der Herausgeber Franz Kafkas Kontakte zu bildenden Künstlern seiner Zeit – der bekannteste unter ihnen war wohl Alfred Kubin. Inspiriert wurde Kafka nicht zuletzt durch Emil Orlik, dessen Arbeiten dem „Japonismus“ zugerechnet werden. So ist Kafkas ästhetische Ambition bei seinen Zeichnungen nicht die realistisch ausgearbeitete Darstellung. Vielmehr pflegt er einen Minimalismus, der sich auf das Wesentliche konzentriert.

Mit wenigen Strichen zeichnet er seine Figuren, betont dabei zumal die Extremitäten, lässt Arme und Beine sich weit ausstrecken. Nicht selten sorgen Freiräume – wie bei unserer Abbildung der Folterszene – für zusätzliche Spannung. Judith Butler, die ihre Deutung der Zeichnungen zu dem Band beisteuert, erkennt in solchen Darstellungen Körper, die aus der Form fliehen. Was ihr in Kafkas Zeichnungskosmos vor allem auffällt: „eine flüchtige Figur, die sich dem Festhalten entzieht.“

Martin Oehlen

Andreas Kilcher (Hg.): „Franz Kafka – Die Zeichnungen“, C. H. Beck, 368 Seiten, 45 Euro. E-Book: 34,99 Euro.

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